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Analyse: Sterbehilfe-Urteil - historisch, konsequent, gefährlich | BR24

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Ein schwieriges Thema bewegt heute Deutschland: Die geschäftsmäßig organisierte Sterbehilfe. Seit vier Jahren ist sie verboten - doch heute kippte das Bundesverfassungsgericht das Verbot. Ein Urteil, das das Sterben verändern dürfte.

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Analyse: Sterbehilfe-Urteil - historisch, konsequent, gefährlich

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Wer sterben will, darf sich von Dritten helfen lassen. Und das nicht nur von Angehörigen und Verwandten, sondern auch von Organisationen, die solche Hilfe geschäftsmäßig betreiben. Eine Analyse.

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Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben schließt das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben mit ein, das hat das Bundesverfassungsgericht heute entschieden. Die Richter haben mit ihrem Urteil der menschlichen Autonomie und Eigenverantwortung den absoluten Vorrang eingeräumt - vor allen Risiken, die die Beihilfe zum Suizid mit sich bringt. Mit dem Paragraphen 217 wollte der Gesetzgeber ja verhindern, dass Menschen ausgesprochen oder unausgesprochen zur Selbsttötung gedrängt werden, dass es einen Automatismus in Deutschland gibt, der bei bestimmten Krankheitsbildern den assistierten Suizid zur Regel macht.

Historisches Urteil

Deshalb ist das heutige Urteil historisch. Die Karlsruher Richter haben Rechtsgeschichte geschrieben. Es ist auch konsequent. Eine Entmündigung am Lebensende widerspricht der grundgesetzlich garantierten Ausübung individueller Selbstbestimmung. Es ist aber auch ein Urteil mit Risiken: Nun sind alle Beteiligten (Ärzteschaft, Patientenvertretungen, Gesetzgeber) gefragt, den assistierten Suizid so mit Leitplanken zu versehen, dass jede Form des Missbrauchs ausgeschlossen ist. Dem Schutz der Selbstbestimmung muss ein Schutzmechanismus entgegengesetzt werden, der das Lebensrecht garantiert – auch von psychisch kranken, von dementen, von sozial schwachen Menschen.

Ein schlichtes Verbot der wiederholten Assistenz beim Suizid reicht dafür nicht aus, das hat Karlsruhe heute deutlich gemacht. Suizidhilfe-Vereine sind legitime Partner bei der Erfüllung eines Sterbewunsches. Wir müssen uns auf Schweizer Verhältnisse einstellen. Hier gibt es bereits gesetzliche Regelungen, auf deren Grundlage Sterbehilfe-Vereine - wie "Exit" - Menschen in den Freitod begleiten.

Betroffene atmen auf

Für viele sterbenskranke Menschen ist das Urteil aus Karlsruhe eine gute Nachricht, eine erlösende Nachricht. Ihnen war mit der bisherigen rigorosen Rechtssetzung nicht geholfen. Die Aussicht auf ein Leben bis zum unerbittlichen Ende ist für viele eine Horrorvorstellung und für die meisten eine Zumutung. Hier hat sich ja bereits in den letzten Jahren schon viel getan. Die passive Sterbehilfe ist möglich – also das Beenden lebenserhaltender oder lebensverlängernder Maßnahmen, der Verzicht auf künstliche Ernährung. Nun gibt es die Option, im schlimmsten Fall ein unerträgliches Leiden selbstbestimmt zu beenden, ohne andere Menschen in Gefahr zu bringen, ohne die unwürdige Alternative, für die letzten Lebenstage in die Schweiz zu reisen. Viele können aus dieser Perspektive – so paradox das klingt – neuen Lebensmut schöpfen.

Rechtssicherheit für Ärztinnen und Ärzte

Für die Ärztinnen und Ärzte ist das Karlsruher Urteil ambivalent. Die meisten von ihnen lehnen eine Assistenz beim Suizid ab. Einige wenige haben sich aber an der Klage gegen den Paragraphen 217 beteiligt. Vor allem solche Mediziner, die täglich mit dem Tod zu tun haben und regelmäßig mit der Frage nach einem todbringenden Medikament konfrontiert werden. Diese Ärzte haben nun Rechtssicherheit. Umgekehrt gilt allerdings auch für sie: Aus dem Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben leitet sich kein Recht auf ärztliche Suizidbeihilfe ab.