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Unverzichtbar in der Pandemie: Erntehelfer in der Landwirtschaft | BR24

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Bildrechte: picture alliance/dpa | Roland Weihrauch

Ohne ausländische Saisonarbeitskräfte geht in der deutschen Landwirtschaft nichts mehr. Zum Bespiel im Spargelanbau oder bei der Beerenernte. Im vergangenen Jahr hat der Ausbruch von Corona die Planungen der Arbeitgeber durcheinandergewirbelt.

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Unverzichtbar in der Pandemie: Erntehelfer in der Landwirtschaft

Erdbeeren, Spargel, Gurken: Angebaut in Deutschland, geerntet von Helfern aus Osteuropa. Saisonarbeit wurde 2020 durch Corona auf die Probe gestellt. Heuer gehen Landwirte und Arbeiter mit Hygienekonzepten und aufwendiger Vorbereitung in die Saison.

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Von
  • Jasmin Brock
  • BR24 Redaktion

Der Spargelhof Kügel im niederbayerischen Sandharlanden: 16 Saisonarbeitskräfte sind bereits angereist – von insgesamt 250, die im Laufe der Spargel- und Beerensaison hier gebraucht werden. Landwirtschaftliche Betriebe wie der von Familie Kügel müssen sich um Hygienekonzepte kümmern – vor allem bei der Unterbringung: Desinfektionsspender hängen in den Gängen. Küchen, Waschräume und Gänge desinfiziert eine Putzfrau regelmäßig. Dort markieren außerdem rotweiße Klebestreifen die Mindestabstände.

Zusammen arbeiten, zusammen wohnen

Abstand halten gilt auch für die Arbeit auf dem Feld: "Wir fahren mit den Bussen. Da haben alle Masken auf. Dann teilen wir die Gruppe in vier Personen auf und die arbeiten zu viert zusammen im Feld. Wenn etwas ist, dass ein Corona-Fall auftreten würde, dann sind die Vier in Quarantäne und der Rest kann weiterarbeiten", erklärt Wolfgang Kügel, Landwirt aus Sandharlanden.

Das entspricht der Empfehlung des Bundeslandwirtschaftsministeriums – wo immer es geht, soll der Grundsatz "Zusammen arbeiten – zusammen wohnen" eingehalten werden.

Corona-Tests und Arbeitsquarantäne

Juniorchefin Julia Fröhlich-Kügel hat vor ein paar Jahren Rumänisch gelernt. Aktuell sind Wörter rund um die Themen Abstand und Desinfektion am wichtigsten. Jede Maßnahme muss dokumentiert werden. Für die Kontrolle sind Behörden vor Ort – wie Gesundheitsämter – verantwortlich.

"Vorsichtsmaßnahmen beginnen schon in den Heimatländern der Saisonarbeiter. Die rumänischen Mitarbeiter müssen mit dem Negativtest anreisen, weil sie sonst nicht durch Österreich durchfahren dürfen. Danach müssen sie bei uns in Einzelzimmer und sind unter der so genannten Arbeitsquarantäne." Julia Fröhlich-Kügel, Juniorchefin des Spargelhofs Kügel in Sandharlanden

Arbeitsquarantäne – das heißt, die Leute dürfen arbeiten, dürfen den Hof verlassen, um auf ein Feld zu kommen. Sie dürfen aber nicht privat oder zum Einkaufen herumfahren. Den Corona-Test, der bei der Einreise vorzulegen ist, müssen die Arbeitskräfte selbst bezahlen.

Erntehelfer dringend gebraucht

Rund 95 Prozent der Erntehelfer und -helferinnen in Deutschland kommen aus dem Ausland, vor allem aus Rumänien, aber auch Polen und der Ukraine. Sie werden dringend gebraucht, zumal in der Pandemie die Nachfrage nach regionalem Gemüse gestiegen ist. In den vergangenen Jahren kamen jeweils 280.000 ausländische Erntehelfer und -helferinnen nach Deutschland, 30.000 davon nach Bayern.

Eine Prognose, wie viele in diesem Jahr Pandemie bedingt wirklich kommen können – und kommen werden – ist laut dem Bayerischen Bauernverband (BBV) schwierig. Vor allem die Mutationen des Coronavirus erschweren Einschätzung und Planung. Man gehe außerdem davon aus, dass manche Arbeitskräfte aus Angst vor einer Ansteckung ihren Heimatort in diesem Jahr nicht verlassen wollen, so Franziska Rintisch vom BBV.

Arbeitskraftmangel oder Verzicht auf Anpflanzungen

Sollte es wegen der anhaltenden Corona-Krise nicht möglich sein, genügend Arbeitskräfte aus dem Ausland zu beschäftigen, könnten Ernten verderben oder manche Pflanzen gar nicht erst gepflanzt werden, warnte der Präsident des Bayerischen Bauernverbands Heidl Anfang dieses Jahres.

Einheimische Arbeitskräfte, das hat sich im vergangenen Jahr gezeigt, können die fehlenden Helfer aus dem Ausland nicht ersetzen, auch wenn in der vergangenen Spargel- und Erdbeersaison häufiger Studierende und Rentner ausgeholfen haben. Auch Spargelbauer Wolfgang Kügel ist skeptisch.

"Generell ist das positiv, dass das gemacht wird mit den Einheimischen. Das kann funktionieren, zum Beispiel bei Hopfenbauern, wenn es nur 14 Tage sind. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Leute bloß einen halben Tag oder einen Tag da waren und dann sind sie nicht mehr gekommen. Aber wir sind gerne bereit, wenn sich Leute melden, dass wir es versuchen. Der Vorteil: Ich brauche keine Übernachtung, die sind vor Ort." Wolfgang Kügel, Landwirt, Sandharlanden

In ganz Deutschland melden sich derzeit pro Woche ein paar hundert Freiwillige, die in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Möglich ist das unter anderem über das Portal "Das Land hilft" des Maschinenrings.

Rückblick auf letzte Saison – und politische Entscheidungen

Die Landwirtschaft wurde im März 2020 als "systemrelevant", als "kritische Infrastruktur" anerkannt. Bundesinnenminister Horst Seehofer und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hatten sich darauf geeinigt, 80.000 ausländische Arbeitskräfte im Rahmen eines Sonderkontingents nach Deutschland fliegen zu lassen.

Aktuell fordert das Bundeslandwirtschaftsministerium Pandemie bedingt, dass Arbeitskräfte statt der bisher erlaubten 70 vorübergehend 115 Tage arbeiten dürfen, ohne Beiträge in die Sozialversicherung zu zahlen. Diese Regelung galt im letzten Jahr, wurde aber wieder ausgesetzt. Die Ausweitung auf 115 Tage sei ein "Baustein, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen", mit der zudem eine erhöhte Fluktuation von Arbeitern vermieden werden solle, so eine Ministeriumssprecherin.

Im Arbeitsministerium prüft man den Vorschlag. Eine Sprecherin weist darauf hin, dass eine Beschäftigung über 70 Tage grundsätzlich nicht mehr als kurzfristig bzw. geringfügig angesehen werden könne. Deswegen sei eine zeitweise Erweiterung "mit dem notwendigen sozialen Schutz der Beschäftigten abzuwägen".

Viele Landwirte und auch der Bauernverband würden einen längeren Aufenthalt der Helfer auf einem Betrieb begrüßen, so Franziska Rintisch vom BBV. In Sandharlanden wäre das aber nicht für alle Arbeiter möglich. "Ich kann nicht länger als 70 Tage bleiben, sonst nimmt mein Chef mich nicht zurück.", erklärt Attila Szabo, der im Hauptberuf Maurer ist.

115 Tage sozialversicherungsfreie Beschäftigung "extrem problematisch"

Den Druck, unter dem die Saisonarbeitskräfte nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in Deutschland stehen, kennt auch Benjamin Luig gut. Er ist Koordinator der "Initiative Faire Landarbeit", ein Netzwerk, in dem unter anderem die Gewerkschaft IG Bau Mitglied ist. Seine Einschätzung in Bezug auf die Diskussion rund um die 115 Tage sozialversicherungsfreie Beschäftigung:

"Diese Forderung ist extrem problematisch. Das Modell der 'kurzfristigen Beschäftigung' geht von der Annahme aus, dass die Arbeit 'nicht berufsmäßig' ausgeübt werde. Dies ist schon bei einer Akkordarbeit über 70 Tage, das heißt über drei Monate, eine unrealistische Annahme. Noch absurder wird sie für einen Zeitraum von 115 Tagen, das heißt über fünf Monate im Jahr. Nichts spricht rechtlich dagegen, Beschäftigte aus Ost- und Südosteuropa sozialversicherungspflichtig zu beschäftigen, gerne auch länger als fünf Monate." Benjamin Luig, Koordinator Initiative Faire Landarbeit

Das zentrale Problem ist laut Luig zudem, dass sich Saisonarbeitskräfte bei Problemen rechtlich kaum wehren könnten. Oft kennen sie das Arbeitsrecht in Deutschland nicht und ihnen wird nach seiner Erfahrung häufig der Kontakt zu Vertretern der Gewerkschaft IG BAU verwehrt. Massive Lohnabzüge seien weit verbreitet, zeigen auch BR-Recherchen aus der letzten Saison. Neun bis zwölf Euro kostet das Kilo bayerischer Spargel. Das geht, weil ausländische Saisonkräfte zum Mindestlohn von derzeit 9,50 Euro hier arbeiten.

Landwirte bauen auf Prinzipien Hoffnung und Normalität

Der Rat der Europäischen Union hat letzten Herbst die EU-Kommission aufgefordert, eine Studie zu Saisonarbeit durchzuführen – auch mit Blick auf die aktuelle Pandemie.

Die Kügels aber sind zuversichtlich, dass heuer genügend Stammpersonal aus Rumänien kommen wird und dass sie die Saison besser meistern können als im vergangenen Jahr, als die Helfer wegen geschlossener Grenzen plötzlich nicht mehr einreisen durften.

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