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Corona-Hotspot Ischgl: Wen trifft die Schuld? | BR24

© picture alliance / Roland Mühlanger / picturedesk.com

Apres Ski - Bar in Ischgl

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    Corona-Hotspot Ischgl: Wen trifft die Schuld?

    Bis Anfang März war Ischgl als Top-Skidestination bekannt. Inzwischen verbindet man den Ort eher mit der Verbreitung des Coronavirus. Nun wurde ein 1.000-seitiger Untersuchungsbericht an die Innsbrucker Staatsanwaltschaft übermittelt.

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    Die Negativschlagzeilen rund um Vertuschungsvorwürfe im Zusammenhang mit Tausenden von Covid-19 Erkrankungen hat das Skizirkus-Image des österreichischen Skiorts Ischgl vorerst zerstört. Es ist ein schwerer Schlag für die 1.600 Einwohner zählende Gemeinde im Tiroler Paznauntal. Hier sind alle direkt oder indirekt mit dem Tourismus verbunden. Doch wen trifft die Schuld an dem Desaster?

    1.000-seitiger Polizeibericht als Grundlage

    Ein 1.000-seitiger Polizeibericht soll nun Licht ins Dunkel bringen. Laut Innsbrucker Staatsanwaltschaft ist dieser "sehr detailliert und umfangreich". Er ist die Grundlage dafür, ob noch weitere Erhebungsschritte nötig sind oder nicht“, so Staatsanwalt Hansjörg Mayr gegenüber dem BR.

    Ermittlungen seit Ende März

    Bereits seit dem 24. März geht die Justizbehörde dem Verdacht nach, der sich auf die 'fahrlässige Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten' bezieht. Das Einleiten von Ermittlungen beruhe dabei ausschließlich auf einer schriftlichen ZDF-Anfrage beim Ischgler Bürgermeister. Demzufolge soll eine Mitarbeiterin eines Gastronomiebetriebs bereits Ende Februar positiv auf den Coronavirus getestet worden sein. Dabei sei es unterlassen worden, diesen Fall zu melden, erläutert Staatsanwalt Mayr das Schreiben. Aufgrund der schwerwiegenden Vorwürfe wird seitdem ermittelt. Dabei ist das Landeskriminalamt Tirol beauftragt worden, entsprechende Nachforschungen vor Ort anzustellen. Denn nach den Regeln des Epidemiegesetzes besteht die Verpflichtung, eine Covid-19 Erkrankung sofort zu melden.

    Bisher keine Ermittlungen gegen konkrete Personen

    Da die ZDF-Journalistin keinen Namen nenne und sich auf den Quellenschutz berufe, laufe das Ermittlungsverfahren bisher auch nicht gegen konkrete Personen. Auch "dass es sich um einen positiven Fall handelt, der nicht gemeldet wurde, konnte bisher nicht verifiziert werden", heißt es seitens der Staatsanwaltschaft. Auf der Basis des vorliegenden 1000-seitigen Polizeiberichts wird nun überprüft, wer welche Informationen gehabt hat und wie dabei vorgegangen wurde. Erst dann könne entschieden werden, ob ein begründeter Verdacht vorliege, so Staatsanwalt Mayr weiter.

    Skigebiete zu spät geschlossen?

    Neben dem Verdacht der Vertuschung steht ein weiterer Vorwurf im Raum. Dieser bezieht sich auf die Schließung der Skigebiete. Demnach wurde hier zu lange gewartet, um den Tourismus und die damit verbundenen Einnahmequellen nicht zu gefährden. Hierauf hebt der Österreichische Verbraucherschutzverein ab. Einen Tag, nachdem das Land Tirol die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hatte, traf dort eine Anzeige des Vereinsvorsitzenden Peter Kolba ein. Sein Vorwurf: Die Tiroler Behörden hätten bewusst die Schließung von Hotels und Pisten hinausgezögert. Spätestens seit 5. März müssten die Behörden gewusst haben, dass von Ischgl eine große Coronavirus-Ansteckungsgefahr ausging. Dabei soll sich Kolba vor allem auch auf einen journalistischen Blog bezogen haben, der über das Thema berichtete. Die Anzeige richtet sich u.a. gegen den Tiroler Landeshauptmann Günther Platter und die Seilbahngesellschaften.

    Rund 5.500 Menschen im Beschwerderegister des Verbrauchervereins

    Der ehemalige Politiker Peter Kolba, der sich nach seinem Rückzug aus der nationalen Politik nun voll und ganz dem Aufbau des Verbraucherschutzverein widmet, hat jedenfalls genug zu tun. Denn seinem europaweiten Aufruf an Covid-19 Betroffene, die Anfang März in Ischgl Skifahren waren, sind mittlerweile rund 5.500 Personen gefolgt. Davon allein 3.680 aus Deutschland. Dreiviertel der Beschwerden beziehen sich auf Ischgl.

    Der Verein hat eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck eingebracht und eine Sammelklage angekündigt. Bei der Justizbehörde gehen nun seit Wochen identisch formulierte Schreiben von deutschen Touristen ein, die mitteilen, nach ihrem Skiurlaub erkrankt zu sein und daher Schadenersatzansprüche geltend machen. "Zur Klärung, ob die Ansteckungsgefahr in den Wintersportorten durch jemanden schuldhaft herbeigeführt oder nicht verhindert wurde, bringe das aber noch nichts", heißt es seitens der Innsbrucker Staatsanwaltschaft. Die Ablehnung jeder Verantwortung durch Tirol und der Bundesregierung sei angesichts der Fakten "ungeheuerlich", empört sich hingegen der Obmann des Verbraucherschutzvereins.

    Tiroler Landtag einigt sich auf Untersuchungsausschuss

    Auch im Tiroler Landtag wurde während der vergangenen Sitzung am 16. April die Causa Ischgl heftig diskutiert. Eine früher beendete Ski-Saison hätte zu hohe finanzielle Verluste vor allem für Hoteliers und Skiliftbetreiber geführt, so der Vorwurf der Opposition. Dies sei bei der Zahl der Infizierten und bereits verstorbenen Corona-Patienten skandalträchtig. Daher seien nun juristische und politische Konsequenzen notwendig. Ein unabhängiger Untersuchungsausschuss soll aufklären, Beamte von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbunden werden. Die Tiroler Sozialdemokraten fordern zudem die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses auf nationaler Ebene.

    Land Tirol veröffenlicht Chronologie

    Das Land Tirol bleibt dabei, "alles richtig gemacht zu haben". Es hat auf die Übermittlung des Berichts an die Staatsanwaltschaft nun mit einer Chronologie der Ereignisse zwischen dem 5. und 13. März reagiert. Damit sollen vor allem Vorwürfe entkräftet werden, dass keine oder zu spät Maßnahmen gesetzt wurden.

    In der Zeitleiste wird aufgezeigt, dass es am 5. März die ersten Informationen aus Island gab, allerdings ohne Angaben der Kontaktdaten und Aufenthaltsorte. Die Bezirkshauptmannschaft Landeck leitete noch am selben Tag Erhebungen ein. "Von 90 Personen aus Island wurden zwei ärztlich behandelt. Dabei wurde kein Zusammenhang mit Corona festgestellt". Der erste Corona-Fall trat am 7. März auf. Dabei handelte es sich um den deutschen Barkeeper, der in der Après-Skibar Kitzloch arbeitete. Dieses wurde dann zwei Tage später nach weiteren positiven Testungen zugesperrt. Es folgt "kurz darauf" die Schließung aller Après-Ski-Lokale, wenige Tage später wird die Wintersaison beendet.

    Ob das nun zu spät war und ob früher reagiert hätte werden müsse, dürfte nun in dem umfangreichen Polizeibericht stehen. Der Verbraucherschutzverein hat bereits Akteneinsicht verlangt.

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