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Unser neues Leben: Dreißig Jahre nach dem Mauerfall | BR24

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Ein Thüringer Unternehmer, eine Ex-Politikerin aus Sachsen und der Betreiber eines Bistros in Sachsen-Anhalt: für alle drei begann vor 30 Jahren ein neues Leben. Warum wurde der eine Wendegewinner und der andere Wendeverlierer?

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Unser neues Leben: Dreißig Jahre nach dem Mauerfall

Ein Thüringer Unternehmer, eine Ex-Politikerin aus Sachsen und der Betreiber eines Bistros in Sachsen-Anhalt: für alle drei begann vor 30 Jahren ein neues Leben. Eine Geschichte über Wendegewinner und Wendeverlierer.

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Klaus Berka, 70, schwärmt: die vielen Reisen und vor allem die Chance, ein Unternehmen aufzubauen. Nach dem Fall der Mauer wurde alles möglich für ihn. BR-Redakteurin Susanne Betz hat den Jenaer über Jahre hinweg interviewt. Aber auch Ostdeutsche, die keine Wendegewinner wurden.

Noch Ende 1989 gründete der Ingenieur mit dem grauen Schnauzer und den vielen Lachfalten zusammen mit Kollegen eine Firma, Handelsregister Nr. 27. Daraus wurde die Analytik Jena AG auf 10.000 Quadratmetern Firmengelände mit Töchtern auf der ganzen Welt.

Der Unternehmer wurde 1989 Gesamtdeutscher

Ein globaler Player für Geräte und Verfahren der optischen und biotechnischen Analyse, mit über 1.000 Beschäftigten. Zu denen gehörten bald auch Westdeutsche, die nach Jena zogen.

"Ich bin mit der Wende gesamtdeutscher Mensch geworden, weil durch die Unternehmensgründung es einfach notwendig war gesamtdeutsch zu denken". Klaus Berka, Präsident des FC Carl Zeiss Jena

Logisch, dass sich Klaus Berka als Wendegewinner fühlt. Zusammen mit seiner Familie ist er viel gereist, seine Enkeltochter ging in den USA zur Schule. Diese Freiheit sieht er nach wie vor als großes Geschenk. Heute ist Berka nicht mehr in der Analytik Jena tätig, sehr wohl aber noch als Präsident des Fußballvereins FC Carl Zeiss Jena.

Versäumnisse bei der Erhaltung von Ost-Firmen

Klaus Berka erinnert sich noch gut, wie marode die Volkseigenen Betriebe der DDR waren. Trotzdem bedauert er, dass die Treuhand so viele abgewickelt und damit drei Millionen Arbeitsplätze vernichtet hat. Auch Uwe Schuster blickt mit Grauen auf die alte DDR zurück, die schlechte Luft, die kaputten Brücken und Städte. Das heute alles so schön ist, das gefällt dem 57-jährigen sehr.

Seit dreißig Jahren immer wieder einen neuen Job

Mit Kugelbauch unter schwarzem T-Shirt und grauem Bart steht Uwe Schuster in einer kleinen, blitzblanken Küche, brät marinierte Steaks und Kartoffeln. Seit zwei Jahren führt er nämlich ein Trucker-Bistro in einem Gewerbegebiet von Schkopau, Sachsen-Anhalt. Es duftet nach Majoran und Tomatensauce. Doch leider kommen die Gäste nur spärlich. Zu DDR-Zeiten fuhr Schuster nachts Schwarztaxi, illegal aber sehr einträglich. Nach der Wende stellte er Keramiken her, sang in Kneipen, betrieb eine Firma für Lederhandel, die Pleite ging. Er musste zum Sozialamt, was er als demütigend empfand.

Aus einem Lebenskünstler wurde ein zorniger Ost-Mann

Dann eröffnete Uwe Schuster, der im Nachwuchs-Kader der DDR gewesen war, in Halle eine Boxschule. Als die nicht mehr gut lief, kam das Bistro. Vor zehn Jahren war er ein optimistischer Lebenskünstler, heute gehört er zu den vielen zornigen Männern im Osten. Er schimpft auf die Regierung in Berlin, die Flüchtlinge, den Islam:

"Ich kriege zum Beispiel keine 150 Euro Taschengeld. Wer hilft mir denn jetzt hier. Also, ich bin heute noch aufgeregter als zu DDR Zeiten." Uwe Schuster, Bistro-Besitzer in Sachsen-Anhalt

Die Eliten im Osten sind aus dem Westen

Auf dem Campus der Hochschule Görlitz-Zwickau chillen gerade Studenten, spielen Tischtennis. Sie stammen aus der näheren Umgebung, aber auch aus Schwaben. Ob Ost oder West, das spiele für sie keine Rolle mehr. Ein paar Schritte entfernt sitzt in einem himmelblau gestrichenen Gebäude im 2. Stock Professor Raj Kollmorgen. Das Spezialgebiet des Soziologen ist Transformationsforschung. Die Deutschen hätten Glück gehabt, resümiert er, alles sei gut abgelaufen, ohne Anarchie wie in Ex-Jugoslawien und den postsowjetischen Staaten. Doch der Import der westdeutschen Ordnung und Institutionen hätte auch eine Kehrseite.

"Dann sind wir genau bei dem Thema, wieso sind eigentlich bis heute so wenig Ostdeutsche in den Elitepositionen?" Professor Raj Kollmorgen, Hochschule Görlitz-Zwickau

Sich das Beste aus Ost und West herausgepickt

Die westdeutsche Dominanz beklagt auch Antje Hermenau, 55, blondierte Mähne. Die ehemalige Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/die Grünen im sächsischen Landtag schien einmal der Inbegriff der selbstbewussten Ost-Frau zu sein: pragmatisch und zupackend. Aber auch sie spricht von einer "gläsernen Decke nicht für Frauen, sondern für Ostdeutsche." Sie selbst saß zehn Jahre im Bundestag, damals noch in Bonn, reiste viel. Heute verknüpft Ante Hermenau Firmen aus dem Erzgebirge mit Firmen in England und im Nahen Osten. Auch nach ihrem Ausstieg aus der Politik beobachtet sie genau das Erstarken der AfD. Ihr Fazit:

"Man kann hier eine Demokratie nur von unten nach oben aufbauen. Die von oben nach unten hat nicht gegriffen." Antje Hermenau, ehemalige Politikerin