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Bildrechte: picture alliance/Stefan Puchner/dpa

Seit gut zehn Jahren sitzt ein Mann als verurteilter Mörder im Gefängnis. Von Beginn an gibt es Zweifel. Wurde er zu Unrecht verurteilt? Was führt zu Justizirrtümern und zu Fehlern bei Ermittlungsverfahren? Daten und Forschung fehlen.

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Unschuldig hinter Gittern? Forschung zu Fehlurteilen liegt brach

Seit gut zehn Jahren sitzt ein Mann als verurteilter Mörder im Gefängnis. Von Beginn an gibt es Zweifel. Ist ein Unschuldiger verurteilt worden? Was führt zu Justizirrtümern und zu Fehlern bei Ermittlungsverfahren? Das Wissen darüber ist gering.

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Von
  • Gloria Stenzel

An einem Herbsttag im Jahr 2008 kommt Lieselotte Kortüm zu Tode. Manfred Genditzki ist damals Hausmeister in der Wohnanlage in Rottach-Egern, in der auch die Rentnerin wohnt. Darüber hinaus macht er Erledigungen für die 87-Jährige, berichtet seine Rechtsanwältin Regina Rick:

"Er hat sich aufopferungsvoll viele Jahre lang um sie gekümmert. Letztlich war er die einzige Bezugsperson, die sie hatte. Und an diesem Tag hat er sie mittags aus dem Krankenhaus abgeholt, wo sie wegen schwerer Durchfälle einige Tage verbracht hat. Und er war wohl der Letzte, der sie lebend gesehen hat." Regina Rick, Rechtsanwältin von Manfred Genditzki

Am Abend findet der Pflegedienst Lieselotte Kortüm tot in der Badewanne. Anfangs hält der zugezogene Rechtsmediziner einen Unfall für wahrscheinlich. Die ältere Dame soll gestürzt und dann ertrunken sein. Doch bald gerät Manfred Genditzki in Verdacht. Um den Todeszeitpunkt herum zahlte er Schulden in Höhe von 8.000 Euro zurück. Der Vorwurf: Genditzki habe der älteren Dame das Geld gestohlen. Um den Diebstahl zu vertuschen, habe er die 87-Jährige erschlagen und ertränkt. Auch der Rechtsmediziner revidiert später seine Einschätzung, dass es ein Unfall war.

Fragwürdiges Motiv, keine Beweise

Vor Gericht wird jedoch klar: Den vermuteten Diebstahl gab es nie. Manfred Genditzki kann bis auf den letzten Cent nachweisen, woher er das Geld hatte. Dieses Motiv für die Tat fällt also weg. Die Staatsanwaltschaft hält dennoch an ihrem Mordvorwurf fest. Es soll zwischen Genditzki und der Rentnerin Streit gegeben haben. Lieselotte Kortüm sei darüber in Zorn geraten, dass Manfred Genditzki nicht noch zum Kaffeetrinken bleiben wollte, nachdem er sie nach Hause gebracht hatte. Daraufhin sei er ebenfalls wütend geworden und habe ihr etwas an den Kopf geschlagen.

In den Augen des Journalisten Hans Holzhaider, der den Fall als Gerichtsreporter der Süddeutschen Zeitung jahrelang begleitet hat, eine absurde Geschichte. "Das war so an den Haaren herbeigezogen. Da gab es nicht den Funken eines Anhaltspunktes dafür, dass so etwas überhaupt stattgefunden hätte", berichtet er. "Für diesen Streit gibt es null, überhaupt keine Beweise, kein Indiz, nichts", sagt auch Genditzkis Rechtsanwältin Regina Rick.

Manfred Genditzki wird im März 2012 des Mordes verurteilt zu lebenslanger Haft. Obwohl es keine Beweise für die Tat gibt, sondern nur Indizien. Bei vielen Prozessbeobachtern bleiben große Zweifel.

Ursachenforschung: Wie kommt es zu Fehlern?

Der Kriminologe Ralf Kölbel von der Ludwig-Maximilians-Universität München kennt den Fall von Manfred Genditzki nicht. Aber er hat sich intensiv mit Ermittlungsverfahren und möglichen Fehlerquellen beschäftigt. Er hält dabei vor allem psychologische Mechanismen für ausschlaggebend.

"Ein häufiger Fehler ist, dass sozusagen schon von vornherein die polizeilichen Ermittlungen durch eine voreilige Festlegung in eine falsche Richtung laufen. Und in diesem Tunnelblick wird dann alles das, was man an Informationen erhält, nicht in unterschiedlicher Art und Weise auf verschiedene Interpretationsmöglichkeiten hin getestet, sondern immer nur in eine Richtung gelesen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die wesentlichen Probleme im Ermittlungsverfahren liegen." Kriminologe Ralf Kölbel, LMU München

Das legen auch Forschungen aus den USA nahe, die zumindest Anhaltspunkte für die Situation in Deutschland liefern können. Bei der Analyse von Fällen, die in den USA neu aufgerollt wurden, stellten amerikanische Forscher fest, dass bereits die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft in die falsche Richtung liefen. Etwa, weil unter psychischem Druck falsche Geständnisse abgegeben wurden, Gegenüberstellungen unsachgemäß abliefen oder Zeugen falsch aussagten. Zwar werden viele Fehler vor Gericht korrigiert, aber diese Fehler bergen das Risiko, dass am Ende des Prozesses jemand zu Unrecht verurteilt wird.

Letzte Studie zu Fehlurteilen 50 Jahre alt

Kriminologe Ralf Kölbel kritisiert, dass wir darüber in Deutschland viel zu wenig wissen. Auch weil zu wenig dazu geforscht werde. Die letzte groß angelegte Studie, die sich mit den Ursachen von Fehlurteilen befasste, liegt fünfzig Jahre zurück. Daten darüber, wie viele Wiederaufnahmeverfahren zugelassen wurden und wie sie ausgingen, gibt es hierzulande nicht.

In den USA kamen vor allem deshalb viele Justizirrtümer ans Licht, weil sich Bürgerrechtsorganisationen um zweifelhafte Fälle kümmern und versuchen, diese neu aufzurollen. Die Erkenntnisse, die die Organisationen dabei sammeln, tragen auch zur Verbesserung des Rechtssystems bei. Mittlerweile gibt es ähnliche Projekte in einigen europäischen Ländern. Kriminologe Ralf Kölbel fände das auch für Deutschland wünschenswert.

"Es braucht hier Engagement von der wissenschaftlichen Front und von den Strafverteidigern, damit es zu einer großflächigeren Überprüfung kommen kann. Nur so bekommen wir das empirische Material. Und nur über dieses empirisches Material können wir dann auch diese Lerneffekte generieren." Kriminologe Ralf Kölbel, LMU München

Zerstörte Biografien durch Justizirrtümer

Auch wenn Fehlurteile vermutlich nur einen geringen Anteil an allen Verurteilungen ausmachten, so müsse man bedenken, wie verheerend das für jeden Betroffenen sei, sagt Kriminologe Ralf Kölbel. Denn Lebensläufe würden so regelrecht vernichtet. "Da gehen Familien kaputt, Berufsbiografien werden zerstört, die Gesundheit geht flöten dabei, das ist gut dokumentiert, das weiß man", berichtet er.

Noch offen: Wiederaufnahme im Fall Genditzki

Jahrelang hat Rechtsanwältin Regina Rick daran gearbeitet, die Unschuld ihres Mandanten zu beweisen. Gutachten in Auftrag gegeben, Spezialisten beauftragt und neue Informationen gesammelt, die eine Wiederaufnahme des Verfahrens rechtfertigen.

Manfred Genditzki muss nun darauf warten, ob der Antrag zugelassen wird. Das heißt, ob er und seine Anwältin Regina Rick überhaupt die Chance bekommen, die neu beschafften Informationen vorzubringen. Die Entscheidung darüber liegt beim Landgericht München II. Wann sie fällt, ist derzeit nicht absehbar, teilte das Gericht kürzlich mit.

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