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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Terre des Hommes Deutschland e.V.

Alarmierender Bericht der Uno: Erstmals seit 20 Jahren ist die Kinderarbeit wieder gestiegen

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Uno-Bericht: Kinderarbeit erstmals seit 20 Jahren gestiegen

Fast jedes zehnte Kind zwischen fünf und 17 Jahren musste im letzten Jahr arbeiten. Weltweit verrichten nach Angaben der Vereinten Nationen wieder mehr Kinder Arbeit, die nicht nur ihrer Entwicklung schadet, sondern oft sogar lebensgefährlich ist.

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Von
  • Dietrich Karl Mäurer
  • Ines Schneider

Sie waschen Wäsche, arbeiten als Straßenverkäufer und schuften in Autowerkstätten. Oder sie schinden sich ab auf Baustellen, im Bergbau und vor allem in der Landwirtschaft. Weltweit 160 Millionen Kinder zwischen fünf und siebzehn Jahren mussten im letzten Jahr regelmäßig arbeiten statt in der Schule zu lernen, so steht es in dem nun vorgelegten Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO und des Uno-Kinderhilfswerks Unicef.

Zum ersten Mal seit 20 Jahren steigt die Kinderarbeit wieder an

Thomas Wissing, der sich bei der ILO in Genf als Teamleiter mit der Einhaltung von Menschenrechten in der Arbeitswelt beschäftigt, sieht einen besorgniserregenden Trend.

"Wir stellen jetzt fest, dass zwar die Prozentzahlen unverändert sind, also etwa eins von zehn Kindern weltweit nach wie vor arbeitet. Aber die absoluten Zahlen sind hochgegangen, weil die Bevölkerung gewachsen ist und weil eben auch mehr Kinder in Armutsverhältnissen leben, die dann eher zur Kinderarbeit führen." Thomas Wissing, von der ILO in Genf

Besonders in Afrika und in arabischen Staaten steigen die Zahlen

Seit dem Jahr 2000 werden die Ergebnisse weltweiter Untersuchungen in einer Statistik zusammengeführt und alle vier Jahre veröffentlicht. Dabei zu erkennen: Nicht überall auf der Welt ist die Entwicklung gleich. Starke Fortschritte gegen Kinderarbeit gibt es in Asien. Zurückgegangen sind die Zahlen auch in Lateinamerika, während zum Beispiel in Afrika und in den arabischen Staaten die Zahlen für Kinderarbeit relativ stark angestiegen sind, so Thomas Wissing.

Was ist eigentlich "Kinderarbeit" ?

Mit Kinderarbeit ist nicht gemeint, wenn Minderjährige im Haushalt helfen oder ein Taschengeld verdienen. Kinderarbeit ist die Verrichtung von Arbeit, die für die kindliche Entwicklung schädlich ist. Dabei stufen die Uno-Experten etwa die Hälfte der Kinderarbeit als regelrecht gefährlich ein. Das heißt, die Tätigkeit beeinträchtigt die körperliche oder geistige Entwicklung der Heranwachsenden oder sie gefährdet sogar ihr Leben. Zum Beispiel bei Kindern, die in der Landwirtschaft arbeiten und dort hochgiftigen Pestiziden ausgesetzt sind oder bei Kindern, die im Bergbau schuften.

Kinder schürfen für Handys, Kosmetik und Haushaltsgeräte

Zum Internationalen Tag gegen Kinderarbeit am 12. Juni weist die Organisation Terre des Hommes auf Kinderarbeit bei der Gewinnung von Rohstoffen hin. In Indien und Madagaskar schürfen rund 30.000 Mädchen und Jungen unter härtesten Bedingungen das Mineral Mica. Die Jüngsten sind gerade vier Jahre alt. Sie kriechen in selbst gegrabene und bis zu 20 Meter tiefe Schächte und fördern das Mineral an die Oberfläche. Die Jüngeren sortieren die Ausbeute nach Größe. Immer wieder brechen Schächte ein, es kommt zu schweren Verletzungen und Todesfällen. Viele Kinder haben massive Schnittverletzungen an den Händen und leiden wegen der Staubentwicklung unter Atemwegserkrankungen.

Die wenigsten Kinder gehen zur Schule. Eine von Terre-des-Hommes-Partnerorganisationen erhobene Stichprobe ergab, dass in 14 indischen Dörfern gerade einmal 1.800 Kinder die Schule besuchen, während über 10.000 Kinder stattdessen nach Mica schürfen, das wegen seiner isolierenden Eigenschaften in Computern, Handys, Autoteilen und Haushaltsgeräten gebraucht wird.

Auch Corona sorgt für einen Anstieg der Kinderarbeit

ILO und Unicef gehen davon aus, dass im weiteren Verlauf der Coronavirus-Pandemie in Teilen der Welt die Einkommen vieler Familien sinken werden, etwa weil die Eltern ihre Jobs verlieren. Noch mehr Kinder würden dadurch zur Mitarbeit herangezogen werden. "Wir rechnen damit, dass durch die Pandemie etwa neun Millionen zusätzliche Kinder noch in die Kinderarbeit abrutschen. Und je nachdem, wie stark die sozialen Sicherungssysteme ausgeprägt sind, kann dieser Anstieg gestoppt werden oder neutralisiert werden. Oder er kann auch noch weit dramatischer ausfallen", sagt Thomas Wissing von der ILO.

Es braucht Geld, um gegenzusteuern

Diese Schätzungen will man bei den Uno-Organisationen als Weckruf für Regierungen und Entwicklungsbanken verstanden wissen. Nötig sind vor allem Investitionen in Jobs, so dass Eltern genügend Geld für ihre Familien verdienen können und die Kinder nicht mehr arbeiten müssen.

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