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Union und SPD: Nicht "cool" genug für junge Wähler? | BR24

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Die Jugend hat Union und SPD bei der Europawahl abgestraft. Die Regierungsparteien tun sich nicht nur schwer mit Themen, die junge Menschen bewegen, sondern auch damit, authentisch und glaubwürdig zu sein.

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Union und SPD: Nicht "cool" genug für junge Wähler?

Die Jugend hat Union und SPD bei der Europawahl abgestraft. Die Regierungsparteien tun sich nicht nur schwer mit Themen, die junge Menschen bewegen, sondern auch damit, authentisch und glaubwürdig zu sein. Eine Analyse.

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Gerade einmal zwölf Prozent der unter 25-Jährigen haben bei der Europawahl am Sonntag ihr Kreuz bei der Union gemacht. Noch düsterer sieht es bei der SPD aus: Da blieb das Wahlergebnis in der jungen Wählergruppe mit acht Prozent sogar einstellig. Zusammen genommen bekamen die Regierungsparteien weniger Stimmen als der große Sieger der Europawahl: Mehr als 30 Prozent der unter 25-Jährigen wählten die Grünen.

Junge Wähler strafen Volksparteien ab

Noch am Wahlabend reagierten Union und SPD, zeigten sich enttäuscht darüber, dass junge Wähler die einst großen Volksparteien abstraften. "Wir müssen als Union insgesamt daran arbeiten, wieder jünger, cooler, offener zu werden", sagte CSU-Chef Markus Söder.

Regierungsparteien in Existenz bedroht?

Union und SPD können es sich nicht leisten, die Jugend zu ignorieren, sagt Michael Schröder, Experte für politische Kommunikation an der Akademie für Politische Bildung Tutzing. "Das ist Wählerpotenzial der Zukunft und zum Teil schon der Gegenwart."

Erstwahl oft entscheidend für späteres Wahlverhalten

Gerade bei der Erstwahl entscheide die Jugend oft nachhaltig. Heißt: Wer sich erst einmal entschieden hat, welcher Partei er seine Stimme gibt, bleibt tendenziell dabei, und das über viele Wahlen hinweg. "Insofern ist das durchaus existenzbedrohend, was die ehemals großen Volksparteien angeht", sagt Schröder.

Wie kann man junge Wähler erreichen?

Doch wie kann es den Parteien der großen Koalition überhaupt gelingen, junge Wähler für sich zu begeistern? "Jünger", "cooler", "offener" werden, so wie CSU-Chef Söder es fordert, wie soll das aussehen? Immer wieder versuchen es Union und SPD, die richtige Ansprache zu finden, die richtige Plattform, sogar das richtige Outfit, um sich bei jungen Wählern beliebt zu machen. Doch sie tun sich schwer damit.

Anbiederung der Politiker sorgt für Spott im Netz

Außenminister Heiko Maas zum Beispiel trat im vergangenen Jahr in Lederjacke und Sneakers vor die Kameras. Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung, ließ sich bei der Verleihung des Deutschen Computerspielpreises im Latex-Kleid fotografieren. Im Netz sorgen solche Auftritte eher für Spott als für Glaubwürdigkeit. Genau da liegt das Problem, sagt Experte Michael Schröder: "Das sind missglückte Versuche, weil das Vertrauen fehlt und man das nicht als glaubwürdig, als authentisch wahrnimmt." Union und SPD bräuchten Personal, mit dem sich junge Wähler identifizieren könnten. Selbst die Jugendorganisationen von Union und SPD haben junge Menschen oft überhaupt nicht auf dem Schirm, sagt Schröder.

EU-Urheberrechtsreform: Digital Natives fühlen sich unverstanden

Außerdem stehen die Themen, die junge Menschen bewegen, oft nicht gerade ganz oben auf den Prioritätenlisten der Regierungsparteien. Oder es entsteht das Gefühl, dass Politiker die jungen Interessen nicht ernst nehmen. In der Debatte um die EU-Urheberrechtsreform zum Beispiel fühlten sich viele junge "digital natives", die mit dem Internet aufgewachsen und meist in mehreren sozialen Netzwerken aktiv sind, gerade von der Union nicht verstanden. Die Folge: Aufruhr und Spott im Netz, Proteste auf der Straße.

Umwelt- und Klimaschutz bewegt die Jugend

Ein anderes Beispiel: Umwelt- und Klimaschutz. "Das bewegt die Jugend, da finden sie aber bei Union und SPD nicht die schlüssigen Antworten, die sie gerne hätten", sagt Schröder von der Akademie für Politische Bildung Tutzing. Dazu kommt: "Die Jugend ist natürlich auch ungeduldig. Darüber reden, das reicht ihr nicht. Sie möchten Taten sehen", sagt Schröder. Ansonsten würden sich junge Menschen kaum auf einen Dialog einlassen.

Mangel an Authentizität und Glaubwürdigkeit

Es mangelt an Austausch, an Authentizität, an Glaubwürdigkeit: Was junge Wähler bei Union und SPD vermissen, finden sie bei Youtubern wie Rezo. Der 26-Jährige hatte nur wenige Tage vor der Europawahl die Regierungsparteien hart angegriffen, in einem Video, das inzwischen millionenfach aufgerufen wurde. Personen wie Rezo wirken "authentischer und jugendnäher", sind "näher dran an der Sprache" junger Menschen, sagt Schröder.

Unbeholfene Reaktionen auf Rezo-Video

Die Reaktion von Union und SPD auf den Angriff junger Youtuber auf ihre Parteien: Juso-Chef Kevin Kühnert, der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil machten sich zeitnah daran, in einem Video zum Gespräch einzuladen. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sprach von einer "Vermischung von ganz vielen Pseudo-Fakten", der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor, 26 Jahre jung, kündigte ebenfalls eine Video-Antwort für die Youtube-Community an. Stattdessen gab es dann aber ein elf Seiten langes pdf-Dokument.

Amthor-Video: "Bankrotterklärung" der Union

Amthor hat sein Video zwar produziert und verkündete, wie viel "Freude" ihm das bereitet habe – veröffentlicht wurde es allerdings nicht. Glaubwürdigkeit bringt das nach Einschätzung von Schröder nicht: "Dieser Versuch, mit Herrn Amthor darauf zu reagieren, war eine Bankrotterklärung." Damit habe die Partei nur gezeigt, dass sie die sozialen Medien nicht versteht.

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  • Robert Köhler
  • Laura Goudkamp
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