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Ungarn streitet über ein Märchenbuch.

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    Ungarn streitet über ein Märchenbuch

    Ein Prinz, der einen Prinzen liebt, ein Hase mit drei Ohren, eine Königstochter, die nicht heiraten, sondern Abenteuer erleben will: Figuren, die ein ungarisches Märchenbuch bevölkern - und im realen Leben einen politischen Streit ausgelöst haben.

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    Von
    • Edith Inotai

    Was ist eine Familie? Und wer gehört dazu? Kindern müsse garantiert werden, auf der Wertegrundlage groß zu werden, die auf "Ungarns christlicher Kultur" basiere – so sieht es die ungarische Justizministerin Judit Varga und hat mit genau diesen Worten einen Verfassungszusatz formuliert. Im November bereits hat Ungarns Regierung angekündigt, in die Verfassung ihre Definition von Ehe und Familie aufzunehmen.

    Ein Kinderbuch erschüttert Ungarns konservative Familienpolitik

    "Die Mutter ist eine Frau, der Vater ein Mann". Nur Ehepaare dürften künftig Kinder adoptieren, Singles müssten eine Genehmigung des Familienministeriums erhalten. Vor diesem Hintergrund sorgt die Veröffentlichung eines Märchenbuchs seit Wochen schon für eine heftige innenpolitische Debatte.

    Es ist seltsam, dass ein Kinderbuch einen politischen Skandal verursacht, aber genau das ist in Ungarn passiert. Das Buch "Märchenland gehört allen" wurde am 20. September in Ungarn veröffentlicht, herausgegeben von "Labrisz", einer Interessenvertretung für Lesben in Ungarn. Das Buch enthält 17 Geschichten, teilweise geschrieben von bereits bekannten Schriftstellern sowie von jungen Autoren.

    Von schwulen Prinzen und Helden mit Behinderung

    Die Idee des Herausgebers war, Märchen umzuschreiben, in denen die Helden etwas anders sind: Marginalisiert, einer Minderheit angehörend, arm, behindert oder mit anderen sexuellen Orientierungen als in traditionellen Märchen. Zum Beispiel möchten Prinzessinnen nicht um jeden Preis heiraten, sondern Abenteuer erleben und bestehen. Andere Märchenfiguren flüchten vor häuslicher Gewalt oder leben mit einem Vater zusammen, der Alkoholiker ist. Es gibt eine Geschichte über einen Hasen mit drei Ohren oder über einen Jungen, der der Roma-Minderheit angehört und dem eine Karriere als Sänger gelingt und der einen Freund findet oder eine Geschichte über einen Prinzen, der sich in einen anderen Prinzen und nicht in eine Prinzessin verliebt.

    Reißwolf bei den Rechten, reißender Absatz bei der Bevölkerung

    Die innenpolitische Debatte über das Märchenbuch wurde von Dóra Dúró ausgelöst, der stellvertretenden Parteivorsitzenden der rechtsradikalen Partei "Mi Hazánk" (Unsere Heimat, einer Splitterpartei der ultrarechten Partei Jobbik). Dóra Dúró vernichtete während ihrer Online-Pressekonferenz das Buch demonstrativ in einem Reißwolf.

    Ursprünglich hätten die Herausgeber nicht damit gerechnet, dass mehr als 2.000 Exemplare verkauft würden. Der Skandal hat aber das Buch mit dem Titel "Märchenland gehört allen" in den Bestsellerlisten hochkatapultiert. Bis heute ist es schon mehr als 16.000 Mal verkauft worden. Die Partei "Mi Hazánk" organisierte Anfang Oktober in Budapest eine Protestveranstaltung vor dem Büro vom Lesben-Verband "Labrisz". Während der Protestaktion erklärte Dóra Dúró, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass die sexuelle Orientierung nicht nur ein vererbbares Merkmal sei, sondern auch von der Umwelt und der Erziehung beeinflusst werde.

    "Märchenland gehört allen" stößt auf Proteste und eine Petition

    Auch die Orbán-Regierung hat sich mit dem Märchenbuch beschäftigt: Kanzleramtsminister Gergely Gulyás sagte, dass "homosexuelle Propaganda" nicht in den Kindergarten gehöre. Wobei das Buch eigentlich nicht für Kleinkinder empfohlen wird, sondern für Schüler. Der Bürgermeister von Csepel, einem Arbeiterbezirk von Budapest, hat das Buch in den Kindergärten des Bezirks verboten.

    Ministerpräsident Viktor Orbán äußerte sich ebenfalls zu dem Buch. In einem Radiointerview sagte er Anfang Oktober: "Ungarn ist ein tolerantes und geduldiges Land in Bezug auf Homosexualität. Aber es gibt eine rote Linie, die nicht überschritten werden kann, und ich werde meine Meinung dazu zusammenfassen: Lasst unsere Kinder in Ruhe!".

    Es wurde auch eine Bürgerinitiative gegen das Buch gestartet. Die Petition von "CitizenGo" wurde von mehr als 80.000 Menschen unterschrieben, die von Buchhandlungen verlangt, das Buch nicht deren Kunden anzubieten. Die Veranstalter der Bürgerinitiative lehnten auf Nachfrage eine Stellungnahme zu ihrer Aktion ab.

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