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Unbequemer Klimaschutz-Protest: Wer ist "Extinction Rebellion"? | BR24

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Aktivisten der Gruppe Extinction Rebellion haben eine Arche an der Siegessäule in Berlin aufgestellt. Das hölzerne Boot soll an das Artensterben erinnern.

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Unbequemer Klimaschutz-Protest: Wer ist "Extinction Rebellion"?

Die Bewegung "Extinction Rebellion" setzt auf unbequemen Protest und ist bereit, auch gegen Gesetze zu verstoßen. Das Ziel: mehr Klimaschutz. Das will auch "Fridays for Future". Doch wie weit sind die beiden Bewegungen bereit zu gehen?

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Klimaaktivisten von "Extinction Rebellion" besetzten am Montag den Potsdamer Platz. Sie hielten Transparente in die Höhe, auf denen stand: "Wir blockieren auch für Deine Zukunft." Sie trommelten und tanzten auf der Straße. Eine Woche lang wollen sie Berlin und Städte weltweit lahmlegen, um die Bundesregierung unter Druck zu setzen. Denn das Klimapaket, das die Bundesregierung am Mittwoch auf den Weg bringen will, halten die Aktivisten für unzureichend.

Wer steht hinter dieser Bewegung?

Die Organisation "Extinction Rebellion", kurz XR, wurde 2018 in Großbritannien gegründet. Übersetzt heißt "Extinction Rebellion" so viel wie "Rebellion gegen das Aussterben". Auf der eigenen Internetseite beschreibt sich XR als eine "internationale gesellschaftspolitische Bewegung", die die Regierungen dazu bewegen wolle, den "ökologischen Notstand" zu erklären. Die Bewegung ist dezentral in Arbeits- und Ortsgruppen organisiert. In Bayern gibt es laut XR Gruppen in München, Regensburg, Nürnberg und Bayreuth.

Ziviler Ungehorsam als Protestmittel

Ihre Ziele will die Bewegung mit "gewaltfreiem zivilem Widerstand" erreichen. Verbale und physische Gewalt lehnen die Aktivisten ab. Das schließt aber nicht aus, dass die Anhänger der Bewegung mit ihren Aktionen gegen Gesetze verstoßen. Zum Beispiel mit unerlaubten Verkehrsblockaden. Ein bekanntes Gesicht der Bewegung ist die frühere Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete. Die Protestform von "Extinction Rebellion" vergleicht Rackete mit anderen Bewegungen des zivilen Ungehorsams wie etwa die indische Freiheitsbewegung und den Kampf gegen den Apartheidstaat in Südafrika.

So schreiben die Aktivisten auf ihrer deutschen Homepage: "Wir sind bereit, uns verhaften zu lassen und ins Gefängnis zu gehen." Allerdings erklären sie in ihren Prinzipien auch, körperliche Gewalt oder der Aufruf dazu würden nicht akzeptiert, ebenso wenig diskriminierendes Verhalten.

Bürgerversammlung soll "Klimagerechtigkeit" schaffen

XR fordert, dass alle politischen Entscheidungen, die der Bewältigung der "Klimakrise" entgegenstehen, revidiert werden müssen. Bis 2025 sollen die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen auf "Netto-Null" gesenkt werden. Die Regierung soll eine Bürgerversammlung einberufen, die Maßnahmen zum Klimaschutz beschließt. Zudem soll die Regierung verpflichtet werden, gemäß den Beschlüssen der Bürgerversammlung zu handeln.

Gibt es Überschneidungen mit "Fridays for Future"?

Das Gesicht von "Fridays for Future" in Deutschland, Luisa Neubauer, hat die Proteste von "Extinction Rebellion" in Berlin unterstützt. "Wir brauchen Menschen, die in Massen, in nie dagewesenen Massen auf die Straßen gehen und anfangen, Teil der Lösung zu werden", sagte Neubauer in einer Rede bei den Protesten am Potsdamer Platz. Das Problem in Deutschland sei nicht nur eine resignierte Politik: "Es ist auch eine Gesellschaft, die vergessen hat, politisch zu sein", sagte die Klimaaktivistin.

Als gesamte Bewegung habe sich "Fridays for Future" aber noch nicht zu "Extinction Rebellion" positioniert, sagt Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Der emeritierte Professor für Soziologie forscht zu politischen Bewegungen. Der Umgang von "Fridays for Future" mit XR und damit auch den Maßnahmen des zivilen Ungehorsams bergen aus seiner Sicht sowohl Chancen als auch Risiken für die Bewegung.

"Fridays for Future" muss sich positionieren

Einerseits sieht Dieter Rucht einen Anreiz für junge Aktivisten von "Fridays for Future", sich an Aktionen von "Extinction Rebellion" zu beteiligen. Viele seien "sehr tatendurstig". Denen reiche es womöglich nicht mehr aus, bei "Latsch-Demos" Transparente hoch zu halten. Andererseits könnten einige dieser jungen Aktivisten zu unbedarft an die Protestform des zivilen Ungehorsams herangehen und dadurch abgeschreckt werden.

"Denn ziviler Ungehorsam heißt Gesetzesübertretung. Und das wird in aller Regel von den Strafverfolgungsbehörden dann auch geahndet, man kann vor Gericht landen und mit Geldstrafen versehen werden." Dieter Rucht

In jedem Fall sieht der Soziologe "Fridays for Future" als gesamte Bewegung nun unter Zugzwang, sich zu "Extinction Rebellion" zu positionieren. Und zur Frage, ob "Fridays for Future" bei gesetzestreuen Protesten bleibt oder sich Aktionen des zivilen Ungehorsams anschließt.

Forscher: Vielen reicht der bisherige Protest nicht mehr

Der Soziologe und Protestforscher Simon Teune von der Technischen Universität Berlin erklärte im BR-Interview, neu sei an "Extinction Rebellion", dass man die Proteste in die Innenstädte trage. Viele seien nach wie vor unzufrieden mit dem Handeln der Bundesregierung. Deshalb reichten ihnen die bisherigen Proteste nicht mehr aus und sie seien dazu übergegangen, den Alltag zu stören. Eine Radikalisierung hin zu Gewalt sehe er bei "Extinction Rebellion" aber nicht.

Mitbegründer im September festgenommen

Allerdings hatte der britische Bio-Bauer und "Extinction Rebellion"-Mitbegründer Roger Hallam vor einem Monat im Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" erklärt: "Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant. Dann kann es nur noch direkte Aktionen geben, um das zu stoppen."

Hallam unterstützte auch "Heathrow Pause", einen Ableger von "Extinction Rebellion", der im September in der Nähe des Londoner Flughafens Heathrow Drohnen aufsteigen und so den Flugverkehr lahmlegen wollte. Die Aktion wurde von der Polizei verhindert, Hallam festgenommen.

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Simon Teune, Soziologe und Protestforscher an der Technischen Universität Berlin, zu "Extinction Rebellion".