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UN-Klimagipfel: Was bedeutet der Kompromiss? | BR24

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UN-Klimagipfel einigt sich auf Kompromiss

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UN-Klimagipfel: Was bedeutet der Kompromiss?

Die Weltklimakonferenz in Madrid hat sich auf einen Kompromiss geeinigt. In der Abschlusserklärung werden die rund 200 Staaten "ermutigt", ihre Klimaschutzziele für 2030 zu verschärfen. Beim Zertifikate-Handel ist der Gipfel gescheitert.

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Die drohende Verhandlungskatastrophe konnte abgewendet werden: Die Weltklimakonferenz in Madrid hat sich nach einer 40-stündigen Verlängerung auf eine gemeinsame Abschlusserklärung geeinigt. Es war ein zähes Ringen, bevor Konferenzpräsidentin Carolina Schmidt am Sonntagvormittag die Einigung mit einem Hammerschlag verkündete.

Zu größeren Klimaschutz-Zusagen "ermutigt"

Doch was wurde mit diesem symbolischen Akt besiegelt? Vom Madrider Gipfel war angesichts der fortschreitenden Erderwärmung ein starkes Signal erwartet worden. Das Treffen der über 200 Staaten sollte vorbereiten, dass die Länder im kommenden Jahr ihre nationalen Pläne für den Klimaschutz nachbessern und die Klimaschutzziele für 2030 möglichst verschärfen.

Heftig umstritten war, wie nachdrücklich die Länder dazu ermahnt werden. Nun steht in der Abschlusserklärung, dass alle Staaten "ermutigt" werden, 2020 auf Grundlage der Wissenschaft "die höchstmögliche Ambition als Reaktion auf die Dringlichkeit" des Kampfs gegen den Klimawandel zu zeigen.

Karsten Sach, Leiter der deutschen Delegation, ist nicht zufrieden: "Wir haben kleine Fortschritte erzielt, aber angesichts der Klimakrise, angesichts der Erwartungen, die wir aus der Zivilgesellschaft hören, angesichts dessen, was wir in Europa im European Green Deal vorgeleistet haben, hätten wir uns natürlich ein wenig mehr erwartet."

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CO2-Gesamtausstoß

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Pro-Kopf-Ausstoß

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Weltweiter CO2-Ausstoß 2017 nach Sektoren

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CO2-Ausstoß Deutschland

Keine Einigung bei Klimaschutz-Gutschriften

Das Plenum sollte zudem Regeln für die internationale Zusammenarbeit beschließen, insbesondere den Handel mit Klimaschutz-Gutschriften. Wenn ein Land seine Ziele beim Einsparen von Treibhausgasen übererfüllt, kann es solche Gutschriften verkaufen. In diesem zentralen Punkt konnten sich die Gipfel-Teilnehmer nicht einigen - das Problem wird auf den nächsten Gipfel Ende im November 2020 in Glasgow verschoben.

Streit gab es hier vor allem um Doppelanrechnungen. So könnte zum jetzigen Stand ein Industrieland ein Solarkraftwerk in einem afrikanischen Land finanzieren, um dort die Nutzung fossiler Energieträger zu verringern, und sich diese Emissionseinsparung ebenso wie das afrikanische Land auf sein Konto anrechnen lassen. Brasilien, Indien und China wollten das, Deutschland und die EU nicht. Auch der Umgang mit Zertifikaten aus der Zeit vor dem Pariser Klimaabkommen war ein Knackpunkt.

Kein eigener Fonds für Schäden

Strittig sind zudem Fragen rund um Finanzhilfen der reicheren Länder für die ärmeren. Die Hoffnung von Entwicklungsländern und Inselstaaten auf einen eigenen internationalen Fonds zur Bewältigung von bereits eintretenden klimabedingten Schäden und Verlusten erfüllte sich nicht. Der Kompromiss verweist hier aber auf den schon bestehenden Grünen Klimafonds. "Wir haben uns seit seit Jahrzehnten für das Thema eingesetzt", sagt der Vertreter kleiner Inselstaaten. "Gut, dass jetzt etwas vorangeht."

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Der Ausstoß von CO2 muss schnell deutlich reduziert werden: Darin sind sich Politiker fast aller Parteien einig. Streit gibt es aber darüber, wie das zu erreichen wäre. Ein Vorschlag: der Handel mit CO2-Zertifikaten.

Umweltschützer: Ein Signal, das nicht reicht

Umweltverbände kritisieren die Beschlüsse als zu schwach. Martin Kaiser von Greenpeace: "Die Beschlüsse zur Steigerung der Ambitionen sind derart schwach, dass davon kein Land wie China, Indien oder Brasilien sich gezwungen fühlt, mehr zu tun beim Klimaschutz."

Einige Länder hätten beim Gipfel großen Widerstand organisiert, sagt Christoph Bals von der Denkfabrik Germanwatch: die USA, Brasilien und Australien: "Dass es trotzdem gelungen ist, zumindest ein deutliches Signal für mehr Ambition im nächsten Jahr zu senden, ist immerhin ein Fortschritt, aber überhaupt nicht das, um in einer Notstandssituation die nötige Dynamik zu erzeugen."

Fridays For Future enttäuscht

Auch für Luisa Neubauer, führende Aktivistin der Klimabewegung Fridays For Future, gehen die Beschlüsse an der Realität vorbei: "Die COP25 lässt uns nach einem Jahr mit beispiellosen Klimaprotesten ohne signifikanten Fortschritt zurück."

WWF-Klimachef Michael Schäfer forderte deshalb eine starke Reaktion: "Jetzt erst recht! Jetzt kommt es darauf an, dass wir Ursula von der Leyens Mondrakete zünden, also den EU-Klimabeitrag deutlich anheben und den Funken auf andere überspringen lassen."

Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen

Beim Madrider Gipfel verhandelten Vertreter aus 196 Staaten und der EU zwei Wochen lang. Grundsätzlich ging es um die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, um die Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, möglichst sogar auf 1,5 Grad. Dazu ist es Wissenschaftlern zufolge notwendig, dass der Ausstoß von Treibhausgasen - vor allem Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas - schnell und deutlich zurückgeht. Bisher steigen die Emissionen weltweit aber. Auch für 2019 wird ein Plus vorausgesagt.

💡 Erderwärmung

Schon jetzt hat sich die Erde nach Befunden des Weltklimarats um rund ein Grad aufgeheizt. Und die vergangenen vier Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zu den Folgen zählen mehr extreme Wetterereignisse, also je nach Region mehr Hitzewellen, Dürren und Waldbrände, aber auch Stürme, Überschwemmungen und Starkregen. Geht es weiter wie bisher, läge der Temperaturanstieg Ende des Jahrhunderts bei 3,4 bis 3,9 Grad. Angestrebt werden aber maximal 1,5 Grad, um die gefährlichsten Kipppunkte im Ökosystem zu umschiffen.