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UN-Aktionstag zu Gewalt an Frauen: Auch Bayern leuchtet orange | BR24

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Gewalt gegen Frauen: Betroffene erzählen

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UN-Aktionstag zu Gewalt an Frauen: Auch Bayern leuchtet orange

Die Vereinte Nationen machen heute auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam. Dazu leuchten am Abend Hunderte Gebäude orange, darunter die Münchner Allianz Arena. Unterdessen nimmt die Debatte über ein mögliches Prostitutionsverbot in Deutschland Fahrt auf.

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Deutschland leuchtet orange: Die Allianz Arena, der Olympiaturm und der Gasteig in München werden heute Abend in ungewohnter Farbe erstrahlen - ebenso die Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen und das Rathaus in Würzburg, die Frankfurter Paulskirche, der Düsseldorfer Landtag, zig weitere Häuser, Denkmäler und Ministerien in gut 100 deutschen Städten und Kommunen. In oranges Licht gehüllt werden außerdem unter anderem das EU-Parlament, die Pyramiden von Gizeh und die Niagarafälle. Anlass ist der UN-Aktionstag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Das Motto: "Orange the World".

Zwangsheirat und Kinderehen: Weltweit weit verbreitet

Gewalt gegen Mädchen und Frauen kennt weltweit verschiedenste Formen. Beispiel Genitalverstümmelung: Rund 125 Millionen Frauen wurden nach Unicef-Schätzungen bereits malträtiert, viele von ihnen als Minderjährige; vor allem in Afrika ist die Gefahr trotz einiger, zum Teil von der Bundesregierung geförderter Initiativen akut. Beispiel Kinderehen: Alle zwei Sekunden wird im Schnitt ein Mädchen verheiratet, die Gesetze machen das in weit mehr als der Hälfte aller Staaten der Erde möglich.

Vergewaltigung in Deutschland erst seit 1997 Straftatbestand

Beispiel Vergewaltigung: In Indien trauen sich viele nicht mehr auf die Straße, in der Demokratischen Republik Kongo werden nach UN-Angaben im Schnitt 35 Vergewaltigungen täglich registriert, in zig Ländern ist Vergewaltigung in der Ehe rechtlich erlaubt; in Deutschland ist sie übrigens auch erst seit 1997 strafbar. Die sogenannte häusliche Gewalt - egal ob körperlich oder psychisch - wird auch hierzulande zwar oft tabuisiert, ist aber keineswegs ein Randproblem: Schätzungen gehen davon aus, dass jede vierte Frau irgendwann davon betroffen ist.

Genitalverstümmelung auch hierzulande eine zunehmende Gefahr

Prävention und Hilfe bieten Organisationen wie Soroptomist International (SI), die weltweit größte Service-Organisation von und für Frauen, mit Konsultativ-Status bei den Vereinten Nationen. Und mit vielen Standorten auch in Bayern. Ein Problem speziell im Freistaat: Es fehlen Fachanwälte für Menschenrechte, wie Manuela Nitsche von der Münchner SI-Zweigstelle im BR-Gespräch erklärt. Sie verweist außerdem darauf, dass zuwanderungsbedingt immer mehr Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelung hierzulande bedroht seien:

"Die Menschen, die zu uns kommen, nehmen leider ihre Praktiken mit. Auch schlimm ist, dass junge Frauen aus Deutschland heraus in Ihr Heimatland gelockt werden. Dort werden sie dann beschnitten. Das ist absolut grausam." Manuela Nitsche, SI München

Nach Ansicht von SI entwickelt sich außerdem der Sextourismus zu einem enormen Problem, wie Sigrid Lottes beklagt, auch sie ist ehrenamtliche Helferin bei SI. Lottes spricht von einer "totalen Konzentration" auf Deutschland, die Bundesrepublik sei zum Hotspot innerhalb Europas geworden. Sie plädiert deshalb, über die Einführung des nordischen Modells nachzudenken: In Schweden, Frankreich und einigen anderen europäischen Ländern ist käuflicher Sex verboten, bestraft werden bei Zuwiderhandlung die Freier, nicht die Prostituierten.

Kommt das Prostitutionsverbot auch in Deutschland?

Politiker mehrerer Parteien wollen dieses sogenanntes Sexkauf-Verbot nun auch in Deutschland durchsetzen. Diakonie, Deutsche Aidshilfe und andere Verbände warnen jedoch: Eine Kriminalisierung des Gewerbes würde die Prostituierten weiter stigmatisieren und deren Risiko erhöhen, Gewaltopfer zu werden. Der Zugang zur Hilfe würde erschwert. Außerdem würde ein Verbot dazu führen, so die Sorge, dass sich die Sexarbeit noch mehr ins Internet verlagert. Die politische Debatte wird sich wohl in den nächsten Wochen verschärfen. Auch der SPD-Bundesparteitag wird im Dezember vermutlich über einen entsprechenden Antrag beraten.

Die Farbe Orange soll Gewaltfreiheit symbolisieren

Auf diese und viele andere Thematiken wollen die Vereinten Nationen mit dem heutigen Aktionstag aufmerksam machen. Zahlreiche nationale Regierungen, Unternehmen und international tätige Hilfsorganisationen wie SI oder Zonta unterstützen das Vorhaben. Insgesamt beteiligen sich 100 deutsche Städte und Kommunen an den Aktionen, oft einhergehend mit Gesprächs- und Informationsveranstaltungen, nicht nur heute, sondern in den kommenden Tagen und Wochen.

Auch Männer Opfer von genderspezifischer Gewalt

Allerdings: Es sind bei weitem nicht nur Frauen von genderspezifischer Gewalt betroffen. Schätzungen gehen davon aus, dass allein hierzulande rund eine Million Männer von ihrer Partnerin körperlich oder psychisch bedroht werden. Genaue Daten sind zwar schwerlich zu bekommen, eine exakte Definition gerade von psychischer Gewalt ist schwierig. Fest steht aber nach Ansicht von Experten: Männer tun sich noch schwerer, im Falle eines Falles Hilfsangebote anzunehmen. Dabei gibt es die. Eines davon ist hilfetelefon.de, eine Not-Hotline in 17 Sprachen und auch im Netz zu finden.

Über 80 Prozent der Opfer sind weiblich

Jede Stunde gibt es laut Bundesfamilienministerin Franziska Giffey einen Angriff auf eine Frau durch ihren Partner oder Expartner. Das sagte Giffey am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Im vergangenen Jahr seien insgesamt mehr als 114.000 Frauen Opfer von verschiedenen Formen häuslicher Gewalt geworden. Dazu kommen etwa 26.000 Fälle häuslicher Gewalt an Männern. Die Taten gehen bis hin zu Mord und Totschlag. Giffey sagte, 122 Frauen seien im vergangenen Jahr von ihrem Partner oder Expartner getötet worden. Deshalb will sie unter anderem mehr Plätze in Frauenhäusern schaffen und bessere Beratung anbieten.

120 Millionen Euro für Beratungsstellen und Frauenhäuser

Mit dem Förderprogramm "Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen" will die Ministerin in den nächsten vier Jahren ab 2020 insgesamt 120 Millionen Euro zusätzlich für den Ausbau von Beratungsstellen und Frauenhäusern bereitstellen. Derzeit gebe es in Frauenhäusern knapp 7.000 Plätze, nötig seien 20.000.