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Die Ukraine ist das bedeutendste Anbauland für Sonnenblumen (Symbolbild)

Wäre die Ukraine ein Konkurrent auf dem EU-Agrarmarkt?

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Ukraine: Wären Landwirte bereit für einen EU-Beitritt?

Sind die Landwirte in der Ukraine auf einen eventuellen Beitritt zur EU vorbereitet? Wären sie eine Konkurrenz für deutsche Landwirte? Und gibt es bereits jetzt Agrarhandel zwischen der EU und der Ukraine? Eine Analyse.

Von
Christine SchneiderChristine Schneider
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Die Ukraine gilt als Kornkammer Europas: Die Landwirtschaftsfläche ist rund zweieinhalbmal so groß wie in Deutschland, und die Ukraine exportiert große Mengen an Getreide, Soja, Sonnenblumen und Raps in alle Welt. Derzeit sind die Exporte blockiert, doch nach dem Krieg sollte die Ukraine so schnell wie möglich Mitglied in der EU werden – sagt Mariya Yaroshko, Agrarwissenschaftlerin, Tierärztin und Juristin. Die Ukrainerin hat unter anderem in Weihenstephan und Gießen studiert und arbeitet in Kiew beim Projekt "Deutsch-Ukrainischer Agrarpolitischer Dialog". Unterstützt und finanziert wird das Projekt seit 2006 von den Landwirtschaftsministerien beider Staaten.

EU-Agrarpolitik: Kompliziert, aber nicht abschreckend

Obwohl Bauern in Deutschland und anderen EU-Ländern über zu viel Vorschriften und Bürokratie im Agrarbereich stöhnen, gibt es auch handfeste Vorteile: Flächenprämien pro Hektar, sogenannte Direktzahlungen, die für jeden Landwirt ein stabiler Faktor bei der Einkommenssicherung sind. Auch für Landwirte in der Ukraine scheint das attraktiv zu sein, doch es gibt noch viele Herausforderungen, sagt Mariya Yaroshko: "Die Ukraine macht sich schon lange Gedanken bei der Annäherung zur Europäischen Union. Jetzt wird es aktuell und da muss vieles gemacht werden, was die Gesetzgebung angeht. Da leisten wir Unterstützung."

Unterschiedliches Niveau in der Landwirtschaft

2020 waren in Deutschland 0,6 Millionen Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, in der Ukraine sind es 6,4 Millionen. Doch sind beide Länder vergleichbar? "Natürlich kann man nicht sagen, dass wir auf dem gleichen Stand sind, was alle Regelungen angeht. Wir wissen, dass in der EU alles viel strenger ist", sagt Mariya Yaroshko. Man arbeite aber bereits seit Jahren daran, sich anzupassen. In Bezug auf moderne Landtechnik könne man vielerorts bereits gut mithalten: "Es gibt bei uns in der Ukraine sehr gut entwickelte landwirtschaftliche Betriebe mit allen neuesten Technologien, zum Beispiel Landmaschinen mit Precision Farming."

Lagebericht Ukraine: Gespräch mit der ukrainischen Agrarexpertin Mariya Yaroshko ("Unser Land", 06.05.22)

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Wem gehört das Ackerland in der Ukraine?

So steht es in der ukrainischen Verfassung: Die landwirtschaftliche Fläche gehört dem ukrainischen Volk. In der Praxis sind die Eigentumsverhältnisse so: Etwa 25 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen gehören dem Staat beziehungsweise Kommunen. Drei Viertel aller Flächen wurden nach dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre privatisiert und an die Mitglieder früherer Kolchosen (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) in Teilflächen von zwei bis vier Hektar vergeben. Viele dieser Landbesitzer haben ihre Flächen an Großbetriebe verpachtet. Ausländer können keine Flächen in der Ukraine kaufen, sondern nur pachten.

Wäre die Ukraine ein Konkurrent auf dem EU-Agrarmarkt?

Riesige Flächen ertragreicher Böden, niedrige Lohnkosten und eine vorteilhafte Lage zu den Absatzmärkten in West- und Osteuropa, Nahost und Zentralasien – würde die Ukraine als EU-Mitglied deutsche Landwirte in den Hintergrund drängen? Oder uns gar mit Agrarprodukten überschwemmen? Diese Befürchtungen gibt es. Doch schon jetzt, seit der Umsetzung eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und der Ukraine, werden mehr Agrarprodukte aus der Ukraine nach Deutschland exportiert als umgekehrt. Deutschland ist im Agrarhandel der Ukraine einer der wichtigsten Partner.

Ukraine liefert Rohstoffe, Deutschland Technik

Deutschland exportiert in die Ukraine vor allem fertige Lebensmittel, Getränke, Holz und Holzprodukte und vor allem Landmaschinen. Die Ukraine exportiert in erster Linie Rohstoffe, vor allem Getreide und Ölsaaten wie Raps, Sonnenblumenkerne, Senf nach Deutschland. Seit dem Inkrafttreten des EU-Ukraine-Freihandelsabkommens 2016 haben sich die ukrainischen Agrarexporte nach Deutschland vervierfacht. Agrarchemie, also Pflanzenschutzmittel, werden in beide Richtungen gehandelt.

Milch aus der Ukraine nach Deutschland?

2008, als der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer die Ukraine besuchte, war die Aufregung hierzulande groß. Seehofer bekundete damals großes Interesse an kostengünstigen Futtermitteln aus der Ukraine und versprach im Gegenzug, die Ukraine könne Milch und Fleisch in die EU liefern. Die Milchbauern in Deutschland waren empört, denn in Europa gab es damals noch eine Milchquote, eine Mengenbegrenzung, die kein Landwirt überliefern durfte. Dennoch war innerhalb der EU zu viel Milch auf dem Markt, und die Preise waren niedrig. Zusätzliche Milch aus der Ukraine hätte die Situation verschärft.

Keine Konkurrenz für deutsche Milchbauern

Aus Seehofers Ankündigung ist nichts geworden. In Deutschland liegt die durchschnittliche Milchproduktion derzeit bei über 8.000 Kilogramm pro Kuh und Jahr. In der Ukraine bei 5.400 Kilogramm. Zwar haben einzelne Landwirte in der Ukraine in moderne Milchviehanlagen investiert und seit Jahren wird Zuchtvieh aus Deutschland dorthin exportiert, um die Leistungen der ukrainischen Milchkühe zu steigern. Dennoch: Milchlieferungen aus der Ukraine in die EU sind bis dato nicht bekannt.

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