Bundesinnenministerin Nancy Faeser (2.v.li) beim Besuch einer Berliner Notunterkunft für Kriegsgeflüchtete aus der Ukraine

Bundesinnenministerin Nancy Faeser beim Besuch einer Berliner Notunterkunft für Kriegsgeflüchtete aus der Ukraine

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Drehkreuz Berlin: Erster Anlaufpunkt für Ukraine-Flüchtlinge

Drehkreuz Berlin: Erster Anlaufpunkt für Ukraine-Flüchtlinge

Täglich suchen viele tausend Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, vor allem Frauen und Kinder, in Deutschland Schutz. Berlin gehört zu den Hauptanlaufpunkten. Von dort aus sollen die Menschen verteilt werden. Eine Herausforderung für Helfer und Staat.

Es ist Mitte März. Auf dem Washingtonplatz, direkt vor dem Berliner Hauptbahnhof, steht seit wenigen Tagen ein weißes Zelt. Es ist gut doppelt so groß wie ein Tennisplatz. Über dem Eingang steht "Welcome Hall Berlin".

Heizlüfter sorgen für Wärme. Auf dem Holzboden stehen Bierbänke und Tische. An einem sitzen Daria und Viktoria - in Kapuzenpullis und Daunenjacken. Sie sind 13 und 17 Jahre alt. Schüchtern blicken sie zu Boden. Dort stehen ihre Rucksäcke und eine rote Reisetasche.

Flucht aus Odessa nach Berlin

Die beiden Schwestern kommen aus Odessa und sind mit dem Zug über Polen nach Berlin gekommen. Auf dem Tisch vor Daria und Viktoria liegt die Verpackung einer SIM-Karte. Die gibt es hier kostenlos. Über das Smartphone halten sie Kontakt zu ihrem Vater in Odessa. Er darf die Ukraine nicht verlassen - wie alle erwachsenen Männer. Von ihm wissen sie, dass es in ihrer Heimatstadt immer wieder Luftalarm gibt. Auch Odessa ist inzwischen Ziel russischer Angriffe.

"Wir möchten schon zurück in die Ukraine, aber dort ist es im Moment natürlich nicht ungefährlich", sagen sie. Wo sie heute Nacht schlafen werden, wissen die beiden Schwestern noch nicht. Verwandte haben sie keine in Deutschland. Nur eines wissen sie: Hier in Berlin wollen sie nicht bleiben, eine kleinere Stadt wäre ihnen lieber.

So wie Daria und Viktoria dürfte es auch den anderen Geflüchteten gehen, in der "Welcome Hall Berlin": Sie sind sicher vor dem Krieg in der Ukraine; aber unsicher, wie es weitergeht.

Verschnaufpause im Willkommens-Zelt

Barbara Breuer ist Sprecherin der Berliner Stadtmission und packt jetzt selbst mit an – damit sich die Geflüchteten einen Moment ausruhen können. "Die Leute können hier eine Weile verschnaufen und ich glaube, das ist das Wichtigste."

Die Stadtmission organisiert das Zelt vor dem Hauptbahnhof im Auftrag des Berliner Senats. Schon nach wenigen Tagen hat sich bei Breuer eine gewisse Routine eingestellt. Sie erzählt, dass täglich 14 Züge voller Kriegsgeflüchteter ankommen. Hier erfahren sie, wo ihre nächste Anlaufstelle ist. An diesem Tag stehen Busse bereit, die nach Bielefeld fahren. Dort soll es noch freie Plätze geben.

Drehkreuz Berlin: Notunterkünfte für Tausende

Viele fahren auf eigene Faust weiter – mit dem Zug. Oder sie bleiben in Berlin: Schätzungsweise 60.000 Ukrainerinnen und Ukrainer sind es bisher. Der Berliner Senat und Hilfsorganisationen haben im ganzen Stadtgebiet Notunterkünfte eingerichtet.

Aus der improvisierten Hilfe Anfang des Monats wird langsam eine professionelle Aufnahme. Es gehe zu langsam, kritisieren einige der freiwilligen Helfer. Barbara Breuer zeigt Verständnis. "Niemand kann verlangen, dass von heute auf morgen gleich alle Strukturen stehen und alles flutscht", sagt die Sprecherin der Berliner Stadtmission.

Zeltstadt auf ehemaligen Flughafen Tegel

Um die vielen Geflüchteten zumindest notdürftig unterzubringen wurden auf dem früheren Flughafen Berlin-Tegel drei Großzelte errichtet. 450 Doppelstock-Klappbetten stehen jeweils in einem Schlafzelt, weiße Trennwände sollen einen Rest von Privatsphäre vermitteln. Die insgesamt etwa 1.000 Plätze sind eine Art Notlösung – wenn keine anderen Betten mehr frei sind.

An diesem Tag besucht Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) die Unterkunft. Zu der Zeltstadt gehören eine mobile Arztpraxis und eine eigene Energieversorgung. Nach ein, zwei Nächten in der Notunterkunft sollen die Geflüchteten weiterverteilt werden auf die Bundesländer, und zwar nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel.

Stärkere Steuerung durch den Bund gefordert

Der Königsteiner Schlüssel teilt die Bundesländer ein nach Steueraufkommen und Einwohnerzahl. Für Bayern heißt das zum Beispiel: Der Freistaat müsste gut 15 Prozent der Ankommenden aufnehmen.

Zuerst hatte Bundesinnenministerin Faeser einen festen Verteilungsschlüssel abgelehnt. Doch je mehr Menschen aus der Ukraine kamen, desto lauter wurde der Ruf nach einer stärkeren Steuerung durch den Bund.

Laut Bundesinnenministerin Nancy Faeser von der SPD arbeitet die Bundesregierung schon seit Wochen daran, bei der Verteilung der ankommenden Ukrainer auf die Bundesländer zu helfen, damit eine Solidarität innerhalb Deutschlands besser dargestellt werden kann, wie Faeser sagt.

Mittlerweile fahren Sonderzüge aus Polen nicht nur nach Berlin, sondern auch nach Cottbus und Hannover. Der Bund organisiert außerdem Busse in andere Städte. Das soll vor allem Großstädte wie Berlin, Hamburg und München entlasten.

Komplizierte Verteilung auf Bundesländer

Faeser glaubt, dass die Menschen in die Großstädte gehen, weil sie denken, von dort schneller zurück in die Ukraine zu kommen. Das mache die Verteilung schwieriger, weil man die Menschen überzeugen müssen, nicht in Berlin zu bleiben, sondern vielleicht nach Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz zu fahren.

"Das verkompliziert das Verteilen", sagt die Bundesinnenministerin und verweist darauf, dass die ukrainischen Geflüchteten - anders als bei der Flüchtlingsankunft 2015 – Visa-frei ins Land kommen und sich frei bewegen dürfen.

Europäische Solidarität gefragt

Kompliziert ist es auch, weil ein genauer Überblick fehlt, wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer wo im Land sind. Die Bundespolizei hat bisher rund 250.000 Geflüchtete registriert. Die realen Zahlen aber liegen wahrscheinlich höher. Denn die Menschen müssen sich erst bei den Behörden melden, wenn sie einen Job suchen, die Kinder in die Schule gehen oder staatliche Unterstützung beantragt wird.

Faeser setzt bei der Verteilung deshalb auf eine Aufklärungskampagne – und auf europäische Solidarität. Seit einigen Tagen fahren direkte Züge von Polen nach Frankreich. Außerdem helfe Deutschland, eine Luftbrücke aus Polen einzurichten, so Faeser.

Ukraine Konflikt - Geflüchtete kommen in Cottbus an

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