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Nach dem Bombenkrieg: Alltag in Trümmern | BR24

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Zum Beispiel Nürnberg: Bis zum 20. April 1945 legten die Luftangriffe der Alliierten die Stadt in Schutt und Asche. In den Bunkern kämpften die Einwohner ums Überleben. Zeitzeugen schildern ihre Erlebnisse.

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Nach dem Bombenkrieg: Alltag in Trümmern

Sieben Menschen in einer Wohnung, ohne Heizung, Wasser oder Dach: Nach dem Leben unter Beschuss wird das Leben in Trümmern zu einer neuen Belastungsprobe. Erst muss der Schutt weg - dann folgt ein historisch beispielloser Wiederaufbau.

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Von
  • Michael Kubitza

Lange noch klangen sie den Nürnbergern in ihrer plötzlich so still gewordenen Stadt wie ein Echo in den Ohren: Die Sirenen - und die Stimme von "Onkel Baldrian".

"Ich verabschiede mich von meinen Zuhörern, vielleicht hören wir uns einmal wieder." Letzte Nürnberger Luftmeldung, 16. April 1945

Dieser Baldrian hieß eigentlich Arthur Schöddert, war Westfale, Wachtmeister und Radioansager der Flak-Artillerie, und sein beruhigend volltönendes Organ begleitete die Nürnberger umsichtig vier Jahre lang durch Bombennächte und Bombentage.

Seine bedeutendste Leistung: eine Durchsage, die er nicht machte. Mit dem Geheimbefehl "Code Puma" wollte der Gauleiter SS und Gestapo die Zerstörung der städtischen Infrastruktur anordnen. Onkel Baldrian nahm den Befehl entgegen - und schwieg. Seine letzte Ansage, die er mit dem Schlager "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" beendete, löste bei vielen Nürnbergern eine Art Abschiedsschmerz aus.

Aus dem Keller auf die Straße

Onkel Baldrian und die Angst vor den Bomben waren weg, die Erschütterung blieb. Und tonnenweise Trümmer. Nürnberg ist zu 90 Prozent zerstört, beim Einmarsch der Amerikaner sind fast 100.000 Nürnberger obdachlos. Für die 59.000 Würzburger stehen 1947 noch 8.200 Wohnungen zur Verfügung – im Durchschnitt müssen sich mehr als sieben Personen eine Wohnung teilen. Und "Durchschnitt" ist bei vielen Häusern wörtlich zu nehmen. München kämpft mit fünf Millionen Kubikmetern Schutt

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Zum Beispiel Würzburg: Noch in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wird die alte Mainmetropole mehrfach bombardiert. Dem schwersten Angriff am Abend des 16. März 1945 fielen rund 5.000 Menschen zum Opfer. 90 Prozent der Stadt wurden zerstört.

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Zum Beispiel München: Kameraleute der US-Armee filmten nicht nur das Geschehen an der Front, sondern machten auch Aufnahmen zerstörter deutscher Städte. Kurz nach der Kapitulation Münchens am 30. April 1945 entstand dieser beeindruckende Farbfilm.

Angesichts des Trümmerfeldes

"Wir sind wir überein gekommen, als erste Maßnahme nix anderes als Einrichtungen zu schaffen, um die neun errechneten Millionen Kubikmeter Schuttmassen aus der Stadt zu schaffen. Erst einmal die Straßen sauber machen, die öffentlichen Plätze wieder in Ordnung bringen, dann die total zusammengeworfenen Privatobjekte und staatlichen Objekte und gemeindlichen Objekte. Denn wenn der Dreck nicht wegkommt, kann doch keiner jemals daran denken, irgendwie wieder aufzubauen!" Thomas 'Dammerl' Wimmer, von 1945 -1960 erst dritter, dann zweiter, dann Oberbürgermeister von München

Die legendären "Trümmerfrauen" haben damit - wie die Historikerin Leonie Treber festgestellt hat - eher wenig zu schaffen. Vielmehr ist es die Besatzungsmacht, die als erste Amtshandlung unpassierbaren Straßen räumen lässt. Die Zivilverwaltung macht weiter.

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Regensburg: Zimmerleute auf dem zerstörten Dach der Minoritenkirche (1947)

Bayerische Stadtlandschaften: Alles neu nach dem 8. Mai

Historisch beispiellos: Binnen einer einzigen Generation entsteht über die Hälfte der westdeutschen Bausubstanz neu. In Bayern wachsen von 1949 bis 1956 550.000 neue Wohnungen aus dem Boden. Die Sprache führt hier in die Irre: Wie die politische Re-Education ("Wieder-Erziehung") durch die Alliierten als "Umerziehung" schlechtgeredet wird, beschönigt das Wort "Wiederaufbau" den oft grundlegenden Umbau der Stadttopografie, dem oft auch noch Erhaltenes zum Opfer fällt.

Die zweite Zerstörung der Städte

Häufig nehmen funktionelle "Wohncontainer" mit mehr oder minder erfülltem Modernitätsanspruch die Stelle organisch gewachsener Strukturen ein. Durch die Schneisen der Verwüstung schlagen sich mehrspurige Schnellstraßen mit dem Ziel einer "autogerechten Stadt". In München müssen noch etliche unzerstörte Gründerzeithäuser weichen, um dem Altstadtring Platz zu machen, in Regensburg verhindert nur die leere Stadtkasse die "Planierung" der Donaupromenade.

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Der Altstadtring am "Haus der Kunst"

Nach dem Ende der architektonischen Erste-Hilfe-Aktionen um 1960 sind aus Planungsradikalismus und Sachzwängen oft städtebauliche Zwangsneurosen geworden. Konservative wie linksliberale Publizisten fällen ein überwiegend negatives Urteil über die Realität deutscher Städte: Wolf Jobst Siedler ("Die gemordete Stadt", 1964) und Alexander Mitscherlich ("Die Unwirtlichkeit unserer Städte", 1965) beklagen ästhetische wie soziale Defizite, Erwin Schleich kritisiert "Die zweite Zerstörung Münchens"(1981) .

Der bayerische Sonderweg

Bausünden gibt es genug. Insgesamt aber entscheidet man sich in Bayern - nicht zuletzt aus Rücksicht auf den Wirtschaftsfaktor Tourismus - überwiegend für die historische Rekonstruktion.

Die Idee, Würzburgs Ruinen zu konservieren und die Stadt an anderer Stelle neu zu planen, wird so wenig realisiert wie das preisgekrönte Projekt, Nürnbergs Altstadt im "international style" neu zu errichten. Stattdessen überpflastern die weiterhin tätigen "Chefbaumeister" der Reichsparteitagsstadt die Wunden des Bombenkriegs mit mäßig subtilen Nachbauten auf den alten Grundrissen.

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Würzburg damals und heute

Meitinger & Co: die Weitermacher

In München sorgt Oberbürgermeister Thomas Wimmer dafür, dass der Stadtrat mit einer - seiner - Stimme Mehrheit den Wiederaufbau von Rathaus und "Altem Peter" in die Wege leitet. Die personelle Kontinuität ist auch hier bemerkenswert: Karl Meitinger, der die Rekonstruktion leitet, ist schon seit 1910 in der Stadtverwaltung und seit 1938 zum Stadtbaurat befördert.

Die Kritik am ungerührten Weitermachen der Eliten ist scharf, aber nicht allgemein, die Ironie der Geschichte einigermaßen bitter: Die baulichen Hinterlassenschaften der "Wendehälse" empfinden die meisten heute lebenswerter als die dezidiert demokratisch gemeinten Planungen in Kassel, Pforzheim oder Hagen.