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Bildrechte: BR/Philipp Lemmerich

Tausende Migranten passieren jährlich wagemutig die Alpen zwischen Italien und Frankreich. An der Grenze gibt es Menschen, die sich bei nächtlichen Rettungsaktionen für Flüchtlinge engagieren. Dabei geraten sie selbst ins Visier der Grenzpolizei.

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Über die Alpen: Flüchtlinge zwischen Italien und Frankreich

Flüchtlinge, die nach Europa wollen, riskieren Ihr Leben nicht nur bei der waghalsigen Überquerung des Mittelmeeres. Sondern auch auf anderen, nicht minder gefährlichen Fluchtrouten, die kaum erwähnt werden. Zum Beispiel nachts in den Alpen.

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Von
  • Henryk Jarczyk
  • Philipp Lemmerich
  • Stefanie Ott

Es sind Tausende, die jedes Jahr das Hochgebirge überqueren. Und ihre Fluchtrouten werden immer gewagter. Eine lebensgefährliche Unternehmung, insbesondere bei Nacht.

Initiativen auf beiden Seiten der Grenze helfen den Flüchtlingen, wo sie können. Sie begreifen sich allerdings nicht etwa als Fluchthelfer, sondern ähnlich wie die Initiativen auf dem Mittelmeer als Retter, jener die in Not geraten.

Französische Behörden sehen das freilich ganz anders. Für sie steht der Schutz der EU-Grenzen im Vordergrund. Und die Haltung, wonach Flüchtlinge in dem Land der Europäischen Union um Asyl ersuchen müssen, in dem sie als erstes angekommen sind. In dem Fall also in Italien.

Die Kontrollen sind zudem noch strenger geworden als bisher. Auch wegen der Corona-Pandemie, wie es heißt. Abhalten können die Sicherheitsmaßnahmen die Flüchtlinge von ihrem Vorhaben, die Alpen zu überqueren indes kaum.

Flucht über das Hochgebirge

Ausgangspunkt für viele Flüchtlinge auf dem Weg nach Frankreich ist die italienische Kleinstadt Oulx. Die italienische Kleinstadt ist umgeben von einem beeindruckenden Bergpanorama. Ein Ort, der vom Tourismus lebt, von Skigästen im Winter, von Wanderern und Radsportlern im Sommer.

Doch am Bahnhof von Oulx kommen auch viele an, die weder das Bergpanorama noch die Natur genießen können, Menschen die um jeden Preis weiter wollen. Flüchtlinge auf dem Weg nach Frankreich.

Sie kommen aus West- und Nordafrika, in letzter Zeit aber vor allem aus Afghanistan und dem Irak. Für sie ist Oulx die letzte Station vor der Grenze. Und das Bergmassiv, das sich hier drohend über dem Ort erhebt, die letzte große Hürde.

"In letzter Zeit kommen viele junge Familien an. Schwangere oder Frauen, die ihr Kind auf der Flucht geboren haben, irgendwo im Wald. Es kommen alte Menschen, Kinder, Säuglinge." Sylvia Massara

Pilgerherberge als Notunterkunft

Sylvia Massara ist eigentlich Französischlehrerin im örtlichen Gymnasium, doch immer Mittwochs wechselt sie die Rollen. Dann arbeitet sie ehrenamtlich im Refugio von Oulx. Früher kamen hier Pilger auf dem Jakobsweg unter.

Heute ist das Haus eine privat betriebene Notunterkunft für Geflüchtete. Was Sylvia Massara manchmal erleben müsse – erzählt sie – und zwar mitten in Europa, sei für sie selbst nach den Jahren ihres Engagements immer noch unvorstellbar.

"Sie haben Narben, Probleme mit den Zehen, können nicht mehr laufen. Und trotzdem ist es schwierig, sie zu überzeugen, hier zu bleiben. Sie wollen weiter, trotz ihrer Schmerzen. Oft haben sie nur ein Ziel: Deutschland." Sylvia Massara

Die Geschichte der Flüchtlinge in Oulx beginnt Anfang 2016. In Europa sind damals Millionen Migranten unterwegs. Die Stimmung hat sich längst gedreht. Viele Grenzübergänge werden streng überwacht, an etlichen Stellen gibt es kein Durchkommen mehr.

So auch in Ventimiglia am Mittelmeer, dem Transitort auf dem Weg von Italien nach Frankreich. Die Flüchtlinge suchen sich andere Wege, weiter nördlich, durch die Alpen. Nach und nach wird das Susatal zur neuen Anlaufstelle. Auch das Refugio in Oulx.

"Wir empfangen die Menschen, die hier ankommen. Sprechen mit ihnen, versuchen ihre Geschichte zu verstehen, ihre Bedürfnisse, versuchen ihnen zu helfen, statten sie aus mit Kleidung, wenn sie nicht auf die Berge vorbereitet sind." Sylvia Massara

Schuhe statt Flipflops

Im Erdgeschoss des Refugio ist ein kleiner dunkler Raum, bis zum letzten Zentimeter vollgestellt mit Regalen und Kisten: Die Kleiderkammer. Hier gibt es Schuhe und Jacken für die Flüchtlinge, von denen manche sonst in Flipflops und kurzen Hosen über die Berge klettern würden. Selbst im Sommer sinken die Temperaturen im Hochgebirge nachts manchmal unter den Gefrierpunkt.

Vor der Kleiderkammer hat sich eine Menschentraube gebildet. Ein Dutzend Flüchtlinge will sich noch mit neuer Kleidung ausstatten. Auch einige Jugendliche und eine Familie mit zwei kleinen Kindern sind darunter. Etwas abseits sitzt eine Frau alleine in der Sonne und beobachtet das Gedränge.

"Ich will nach Frankreich, weil es da besser für mich ist. Vorher war ich in Österreich, davor in Kroatien. Vor sechs Jahren habe ich mein Land verlassen. Seit sechs Jahren bin ich unterwegs." Migrantin im Refugio in Oulx

Hilfe auch auf französischer Seite der Grenze

Oulx liegt zwischen Turin auf italienischer und Briançon auf französischer Seite. Mitten in den Alpen. Die Route ist bei Flüchtlingen beliebt, weil viele andere Grenzübergänge mittlerweile so stark überwacht sind, dass es gar kein Durchkommen mehr gibt. Und manch anderer Alpenpass ist noch gefährlicher.

Trotzdem kommt es auch hier immer wieder zu Zwischenfällen. Mindestens fünf Menschen sind seit 2016 beim Grenzübertritt gestorben, dazu kommen unzählige Verletzungen und Erfrierungen. Deshalb machen sich auf französischer Seite jeden Abend Freiwillige auf den Weg in die Berge, um Geflüchtete sicher ins Tal zu begleiten und Verletzte zu versorgen.

Die Marodeure, wie ehrenamtliche Bergretter sich selbst nennen, kennen die Wege durch die Berge aus dem Effeff. Während mehrere Gruppen jede Nacht zu Fuß hoch auf die Pässe steigen, bleiben andere unten im Ort und warten in Autos, um die Flüchtlinge dann so schnell wie möglich ins Tal zu bringen.

Auch ein Arzt der humanitären Hilfsorganisation Médecins du Monde – Ärzte der Welt – ist jeden Abend dabei. Sie fahren Runden durch den Ort, um herauszufinden, wo gerade die Polizei patrouilliert.

Jede Nacht ein Katz-und-Maus-Spiel

Die Situation an der Grenze, heißt es, sei eine Parallelwelt weitab der großen Städte. Zwischen den Bergrettern von Tous Migrants und der Grenzpolizei spiele sich dementsprechend jede Nacht ein absurdes Katz-und-Maus-Spiel ab. Die einen wollen erschöpfte Flüchtlinge sicher ins Tal bringen, die anderen wollen genau das verhindern. Für Agnès Antoine ein unhaltbarer Zustand.

"Was hier in Montgenèvre passiert, ist eine andere Welt. Eine Freundin von mir, eine Journalistin, hat mal gesagt: Wenn ich nach Montgenèvre fahre, um Reportagen zu machen, fühle ich mich wie eine Kriegsreporterin. So ähnlich geht es mir auch. Allein wie viel Polizei, wie viel Militär hier versammelt ist." Agnès Antoine, Journalistin

Startpunkt der Rettungsaktionen ist Montgenèvre, ein auf 1900 Metern gelegener Ski-Ort direkt an der Grenze. Im Minutentakt patrouillieren hier Gendarmerie und Grenzschutz. Sie wollen illegale Einwanderer finden und zurückschicken.

In den letzten Monaten ist die französische Grenzpolizei besonders präsent. Offiziell zur Bekämpfung des Terrorismus und wegen der Corona-Pandemie. Doch dürften auch andere Gründe eine Rolle spielen: Bei vielen Franzosen kommt eine harte Grenzpolitik gut an.

"Refuge Solidaire"

Wer es über die Grenze nach Frankreich und hinab ins Tal nach Briançon geschafft hat, landet fast immer im "Refuge Solidaire" – einer ehrenamtlich betriebenen Notunterkunft mitten in der Stadt. Seit einigen Jahren kümmert sich die 71jährige Marie-Danielle ehrenamtlich um die Betreuung von Neuankömmlingen.

"Wenn Flüchtlinge hier ankommen, erklären wir ihnen, dass sie hier übernachten können, dass wir uns um das Essen kümmern, dass wir sie beraten. Die Tickets zur Weiterfahrt können wir aber nicht bezahlen. Hier sind in zwei Jahren 12.000 Menschen vorbei gekommen. Das sind mehr, als Briançon Einwohner hat." Marie-Danielle, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Refuge Solidaire

Eine staatlich organisierte Notunterkunft für Geflüchtete gibt es in Briançon nicht. Die gesamte Betreuung und Versorgung wird von Freiwilligen getragen. Es gibt viel Unterstützung in der Bevölkerung, aber auch Gegenwind.

Seit der Kommunalwahl im letzten Jahr wird Briançon von einem konservativen Bürgermeister regiert. Dem ist das Refuge ein Dorn im Auge. Seine Pläne es sogar ganz schließen zu lassen, sind aber vorerst gescheitert. Zu groß war der Sturm der Entrüstung im ganzen Land.

Der schmale Grat der Legalität

Das Engagement der Bergretter ist nicht illegal, solange sie sich auf französischem Boden befinden. Übertreten sie die Grenze, und sei es auch nur versehentlich, begehen sie eine Straftat. In vielen Fällen, die vor Gericht geraten, treffen dann zwei Sichtweisen aufeinander: Die Aktivisten beteuern, die Grenze nicht übertreten zu haben.

Die Polizei sieht es anders – ohne aber eindeutige Beweise vorlegen zu können. Und dennoch folgen die Gerichte manchmal – wenn auch nur teilweise – den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Dementsprechend enttäuscht reagieren auch die Bergretter auf solche Urteile.

"Wir wollen nur helfen. Aber man sieht sehr gut, was alles unternommen wird, um die Leute zu demotivieren. Sie sollen vom Helfen abgehalten werden, indem harte Urteile gefällt werden." Thibaud, Bergretter

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