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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Emrah Gurel

Türkische Wirtschaft: Den Preis zahlen die einfachen Arbeiter

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Türkische Wirtschaft: Den Preis zahlen die einfachen Arbeiter

Anders als in den meisten europäischen Staaten ist die türkische Wirtschaft 2020 sogar leicht gewachsen. Doch die Menschen spüren davon wenig. Ein Grund: die galoppierende Inflation, die besonders den kleinen Leuten zu schaffen macht.

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Von
  • Karin Senz

Die Verkündung des Leitzinses ist in der Türkei inzwischen fast so populär wie die Verkündung der Lottozahlen in Deutschland. Der letzte Notenbank-Chef hat ihn kräftig angehoben, was die Währung stabilisiert, aber Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht gefallen hat. Er feuerte ihn, die Lira rutschte ab. Nun ist der neue Chef zum ersten Mal dran, den Leitzins zu verkünden. Parallel kämpfen die türkische Wirtschaft und damit auch die Bevölkerung mit extrem schwierigen Bedingungen.

Ortstermin im Bazar-Viertel

Ein Besuch auf dem großen Platz vor dem Istanbuler Bazar-Viertel. Es ist einiges los, aber lange nicht so viel wie vor der Pandemie: ein paar arabische Touristen, Einheimische, die sich fürs Fastenbrechen eindecken.

Ali steht an seiner kleinen Ölpresse und wartet vergeblich auf Kundschaft. Normalerweise arbeitet er sieben Tage die Woche und kriegt rund 3.000 Lira, das sind etwas mehr als 300 Euro. Damit kommt er grade mal so durch. Aber jetzt ist am Wochenende Lockdown, Ali verdient rund ein Drittel weniger als sonst - zu wenig, um seine Familie durchzubringen.

Ein Problem: nicht registrierte Arbeitnehmer

Einen Ausgleich vom Staat, der den Lockdown ja angeordnet hat, bekommt er nicht. Warum? Das erklärt der Istanbuler Wirtschaftsexperte Baris Soydan: In der Türkei sei es sehr verbreitet, dass man bei kleinen Unternehmen nicht angemeldet arbeitet, zum Beispiel in Restaurants, kleinen Hotels oder Werkstätten. Schätzungsweise 30 Prozent der Arbeiter in der Türkei sind nicht registriert - und damit ohne Sozial- und Arbeitslosenversicherung wie Ali. Rund 2,5 Millionen Arbeiter mit einer festen Anstellung wurden von ihren Chefs in den unbezahlten Urlaub geschickt, berichten türkische Medien. Denen zahlt der Staat rund 1.000 Lira im Monat, also gut 100 Euro.

Wie der Staat versucht zu helfen

Müge sitzt ein paar Häuser weiter hinter der Ladentheke ihres kleinen Geschäfts. Es ist voller türkischer Süßigkeiten - allerdings kein einziger Kunde. Vor der Pandemie hatte er zwei Läden, doch den zweiten eine Straße weiter musste er schließen. Die Rollläden sind unten. Die 40-Jährige hätte Mietzuschuß beantragen können, rund 100 Euro. Aber das würde bei der hohen Miete, die sie hier im Touristenviertel zahlen muss, nicht ins Gewicht fallen, sagt sie. Drum hat sie den Zuschuss erst gar nicht beantragt:

"Wir kriegen staatliche Unterstützung bei den Versicherungsbeiträgen der Angestellten. Und bei der Einkommensteuer gibt es Ermäßigungen und Stundung. Zwei Monate lang haben wir Kurzarbeiter-Geld in Anspruch nehmen können. Es hieß, das würde bis Juni verlängert. Dann haben sie es aber doch beendet." Müge, Ladenbesitzerin

Kündigungsschutz ohne Wirkung

Eigentlich hat der Staat verboten, Arbeitern während der Pandemie zu kündigen. Nach Angaben des türkischen Statistik-Amtes haben trotzdem rund 250.000 allein im Februar ihren Job verloren.

Die Türkei ist nur vor einem Jahr in einen kompletten Lockdown über knapp drei Monate gegangen. Seitdem blieben die Geschäfte offen. Restaurants, Cafes und Bars sind immer wieder mal geschlossen, wie auch jetzt während des Ramadan.

Die Wirtschaft wächst - doch die Inflation wächst schneller

Wirtschaftsexperte Baris Soydan führt aus, dass die Wirtschaft in der Türkei anders als in Deutschland um 1,8 Prozent gewachsen sei. "Rein makroökonomisch lief es hier also ok, für die Bevölkerung aber nicht."Die Inflation liegt aktuell bei über 16 Prozent. Auch darum schauen viele Türken darauf, wie der neue Chef der Notenbank heute entscheidet. Senkt er den Leitzins, wie Präsident Erdogan es will? Dass er ihn erhöht, halten Experten wie Baris Soydan für unwahrscheinlich. Er erwartet, dass sich nichts tut und warnt vor einem weiteren Knackpunkt: der kommenden Urlaubssaison.

Schlechte Aussichten für die Urlaubssaison

"Es könnte sein, dass dieses Jahr weder aus Deutschland noch aus Russland viele Touristen kommen. Wenn das der Fall sein sollte, würden deutlich weniger ausländische Devisen, also Euro und Dollar in die Türkei gelangen." Wirtschaftsexperte Baris Soydan

Und die braucht das Land – gerade jetzt in der Pandemie. Und die Kellner, Zimmermädchen, Barkeeper und Animateure brauchen die Jobs. Im Moment kämpft die Türkei allerdings mit Rekordwerten von rund 60.000 Neuinfektionen am Tag. Da fällt es vielen schwer an eine erfolgreiche Urlaubssaison zu denken.

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