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Türkisch-griechischer Gas-Streit: Annäherung oder Eskalation? | BR24

© ARD / Andreas Bormann

Es ist ein gefährlicher Streit um Bodenschätze im östlichen Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland. Beiden Seiten haben nun zwar Sondierungsgespräche vereinbart. Eine schnelle Lösung bedeutet das aber noch lange nicht.

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Türkisch-griechischer Gas-Streit: Annäherung oder Eskalation?

Es ist ein gefährlicher Streit um Bodenschätze im östlichen Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland. Beiden Seiten haben nun zwar Sondierungsgespräche vereinbart. Eine schnelle Lösung bedeutet das aber noch lange nicht.

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will nicht nachgeben. Die Türkei habe die längste Küstenlinie im östlichen Mittelmeer. Deshalb stehe ihr auch ein entsprechend großes Seegebiet zu, samt den Rohstoffen unter dem Meeresgrund. "Die Türkei wird sich im Mittelmeer, im Ägäischen Meer und im Schwarzen Meer nehmen, worauf sie ein Recht hat", sagte Erdogan. "Wir stellen keinerlei Ansprüche auf das Territorium, die Hoheitsgebiete oder die Interessen anderer Länder. Wir sind aber zu keinerlei Zugeständnissen bereit, wenn es um das geht, was uns gehört."

Griechenland beruft sich auf das internationale Seerecht und beansprucht rund um seine vielen Inseln im Mittelmeer dieselben Seegebiete, die auch die Türkei als ihre Wirtschaftszone ansieht. Der griechische Außenminister Níkos Déndias klagt: "Die Türkei agiert, als wäre sie im 19. Jahrhundert - mit einer Politik der Kanonenboote."

Im August kollidierten zwei Kriegsschiffe

Seitdem unter dem Boden des östlichen Mittelmeers Öl- und Gasvorkommen vermutet werden, rücken im Streit um Rohstoffe Kriegsschiffe aus. Im August kreuzte das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis" weit südlich der griechischen Inseln Rhodos und Kastelórizo, begleitet von Schiffen der türkischen Marine. Sofort alarmiert, nahmen griechische Fregatten Kurs auf die vermeintlichen Eindringlinge. Ein griechisches Kriegsschiff kollidierte mit einem türkischen Kriegsschiff.

Bundesaußenminister Heiko Maas versuchte zu vermitteln – bislang allerdings ohne Erfolg. "Die aktuelle Lage im östlichen Mittelmeer auf jeden Fall ist mittlerweile ein Spiel mit dem Feuer, und jeder noch so kleine Zündfunke kann zu einer Katastrophe führen und daran kann niemand ein Interesse haben", warnte Maas.

Auf den Karten überschneiden sich die Ansprüche

Ortswechsel: Cem Gürdeniz sitzt in einem Istanbuler Ausflugslokal hoch über dem Bosporus. Von hier oben sieht es so aus, als würden sich die riesigen Handelsschiffe aus aller Welt in Zeitlupe ihren Weg durch die weltberühmte Meerenge bahnen. Der ehemalige türkische Admiral interessiert sich wenig für den Ausblick. Für ihn hat das Geschehen auf dem Wasser mit Blick auf mögliche EU-Sanktionen eine Bedeutung: "Ich bin mir sicher, die türkische Regierung wird nicht zurückstecken, nicht kapitulieren. Ich erwarte EU-Sanktionen. Aber das hat keinen Einfluss auf den Gesamtkurs der Türkei."

Natürlich werde die Türkei nach dem Prinzip handeln: "Wie du mir, so ich dir", ist Gürdeniz überzeugt, und setzt hinzu: "Wenn sie türkischen Handelsschiffen nicht mehr erlauben, europäische Häfen anzulaufen, dann bin ich mir sicher, wird die Türkei entsprechend reagieren, was die Nutzung von türkischen Meerengen angeht, vor allem durch griechische und zyprische Tanker."

Türkei beansprucht die gleichen Seegebiete wie Griechenland

Cem Gürdeniz ist der Vater von "Mavi Vatan", der "Blauen Heimat", wie er seinen Plan schon vor 14 Jahren nennt. Sein Ziel: Die Türkei soll Seemacht werden. Damals interessiert sich keiner dafür, heute umso mehr. Er hat Karten mitgebracht, die zeigen, welche Seegebiete die Türkei beansprucht. Sie ragen weit in jene hinein, die Griechenland für sich reklamiert. "Es geht hier um reine Verteidigung gegen den Druck der EU und der Vereinigten Staaten auf die Türkei, sie sozusagen in Anatolien einzusperren", erklärt Gürdeniz.

Auch Recep Tayyip Erdogan spricht immer davon, dass sein Land in der Bucht von Antalya eingesperrt wird. Tatsächlich: Wenn man das Seerechtsabkommen von 1982 so wie Griechenland auslegt, steht der Türkei nur ein verhältnismäßig schmaler Streifen an Außerordentlicher Wirtschaftszone zu, in der sie Bodenschätze wie Erdgas ausbeuten darf.

Im Streit mit Athen breite Unterstützung für Erdogan

Für den türkischen Präsidenten gibt es noch einen entscheidenden innenpolitischen Effekt: Die sonst so gespaltene Türkei steht fast geschlossen hinter ihm. Allein deshalb wird er das Thema wohl noch eine Weile weiter am Köcheln halten.

Viele Griechen trauen Erdogan zu, wegen der Rohstoffe im Mittelmeer sogar einen Krieg anzuzetteln. Soweit dürfe es nicht kommen, sagt Konstantinos Filis von der Athener Pantion-Universität: "Wir sprechen über die Notwendigkeit, dass zwei zivilisierte Länder sich hinsetzen und miteinander diskutieren müssen. Das ist der einzige Weg. Sie können Probleme nicht lösen, wenn Sie in den Krieg ziehen."

Einer der Orte, an dem schon ein Zündfunke eine militärische Eskalation auslösen könnte, sind die Gewässer zwischen der griechischen Insel Kastelórizo und dem türkischen Küstenort Kas. Hier liegen zwischen den beiden Ländern nicht einmal zwei Kilometer. Wie könnte eine Lösung am Verhandlungstisch aussehen? Wie könnten sich die Türkei und Griechenland auf eine gemeinsame Seegrenze einigen, zum Beispiel rund um Kastelórizo?

Entscheidet am Ende der Internationale Gerichtshof?

Zunächst einmal sollten Sondierungsgespräche darüber beginnen, sagt der Politologe Konstantinos Filis. Vorher müsste die Türkei allerdings zusichern, keine Schiffe mehr in umstrittene Seegebiete zu schicken. Beide Seiten müssten aufeinander zugehen, beide Seiten müssen sich austauschen, welche Absichten die jeweils andere Seite hat. Dann könne man in Verhandlungen eintreten, die aber nicht unbedingt direkt zu einem konkreten Ergebnis führen müssten.

"Der nächste Schritt wäre: Wir verständigen uns darauf, dass wir uns nicht einigen können; dass wir aber ein Urteil des Internationalen Gerichtshofs akzeptieren würden", so der Politologe.

Das also wäre der Weg zu einer Einigung auf eine gemeinsame Seegrenze. Griechenland und die Türkei sind allerdings noch weit von einer solchen Einigung entfernt. Noch kommen beide Seiten nicht von ihren Maximal-Forderungen herunter.

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