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Türkei: Migranten im Matsch zwischen EU und Erdogan | BR24

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Europa habe die Türkei mit dem Flüchtlingsproblem allein gelassen - davon sind viele Menschen im Land überzeugt. Griechenland solle die Grenzen öffnen, damit die Flüchtlinge weiterziehen können. Die leben oft unter sehr schwierigen Bedingungen.

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Türkei: Migranten im Matsch zwischen EU und Erdogan

Europa hat die Türkei mit den Flüchtlingen allein gelassen – diese Überzeugung ist in der Türkei weit verbreitet. Viele fordern deswegen, dass Griechenland die Grenzen öffnet. Flüchtlinge in der Grenzregion leben weiter in schwierigen Bedingungen.

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Von
  • Karin Senz

Die 3,6 Millionen Syrer in der Türkei bekommen Geld für das tägliche Leben aus dem EU-Topf, weil sie Schutzstatus genießen. Viele andere der insgesamt vier Millionen Flüchtlinge wie Iraner, Afghanen oder Pakistanis nicht. Viele harren schon seit mehr als zwei Wochen bei Kälte und Regen an der türkisch-griechischen Grenze aus.

Aus dem Iran an die EU-Außengrenze

Reza geht es nicht gut. Seit über zwei Wochen hält der junge Iraner jetzt schon im Camp an der Grenze aus.

"Die Lage ist sehr schlecht. Es gibt nichts zu essen, kein Wasser, keine Waschgelegenheiten. Es gibt nichts. Und hier rauszukommen, ist schwer. Dann kommen die Probleme mit den türkischen Soldaten dazu. Sie behandeln uns schlecht, sie schlagen uns, verfluchen und provozieren uns. Warum soll ich noch hier bleiben? Die Türkei hat gesagt, dass sie uns hilft. Aber jetzt behandelt sie uns so." Reza aus dem Iran

Ermuntert die Türkei zur Rückkehr?

In den letzten Wochen haben Flüchtlinge immer wieder versucht, die griechische Grenze zu durchbrechen, angeblich ermuntert von der türkischen Seite. Aber jetzt erzählt Reza:

"Die Einwanderungsbehörde sagt, ihr könnt in eure Städte zurückkehren, wir helfen euch dabei. Sie haben Busse bereit gestellt und sagen, bleibt nicht hier. Ihr könnt die Tore nicht öffnen, ihr habt hier keine Chance mehr, rüber zu kommen. Die meisten überlegen inzwischen in die Städte zurück zu gehen, aber da ist die Virusgefahr…" Reza aus dem Iran

In Istanbul wird arabisch gesprochen

Die Angst vor Corona geht auch unter den Flüchtlingen um. Die Stadt, in die wohl die meisten zurückgehen würden, ist Istanbul. Da wohnt Mehmet im Stadtteil Fatih.

"In Fatih sind Syrer in der Überzahl. Die haben viele Geschäfte und so. Wenn man auf der Straße läuft und zehn Menschen begegnet, sind gefühlt acht davon Syrer. Und die sprechen alle Arabisch. Ich bin in Hatay geboren und aufgewachsen, deswegen versteh ich die. Aber wer sie nicht versteht, der fragt sich: Reden die jetzt schlecht über mich?" Mehmet Fatih

"Die werden ewig bleiben"

Dazu arabische Schrift an den Geschäften und vollverschleierte Frauen ganz in schwarz – Fatih ist für viele Istanbuler zu Klein-Syrien geworden. Sie fühlen sich fremd in ihrer eigenen Stadt. Der Migrationsforscher Murat Erdogan sieht noch ein anderes Problem vieler Türken:

"Wir haben große Unterstützung gegeben, weil wir dachten, dass die Syrer irgendwann wieder zurückgehen. Aber jetzt haben wir verstanden: Die werden nicht gehen, die werden ewig in der Türkei bleiben." Murat Erdogan, Migrationsforscher

Ruf nach mehr Druck auf die EU

Zu den 3,7 Millionen Syrern kommen noch mal rund 400.000 andere Flüchtlinge und laut Murat Erdogan wohl noch mal eine Million illegale Flüchtlinge. Die arbeiten schwarz für Hungerlöhne weit unter dem Mindestlohn. Und der reicht schon kaum zu leben. Durch die extrem angespannte wirtschaftliche Lage werden viele Türken immer ungeduldiger, auch mit Europa. Mehmet steht hinter Präsident Erdogans Entscheidung, Druck auf die EU zu machen, indem er die Flüchtlinge an die Grenze geschickt hat:

"Weil wir nicht stark genug sind, um so viele Flüchtlinge zu versorgen. Europa hat seine Versprechen nicht eingehalten. So und so viel Geld sollte kommen, ist es aber nicht. Jetzt sollen die auch mal ein bisschen leiden, sollen die auch mal zusehen, wie sie Flüchtlinge unterbringen, verpflegen." Mehmet Fatih

Brüssel hat Milliarden bezahlt

Mehmets Vorwürfe sind die der türkischen Regierung. Noch nicht mal die Hälfte der versprochenen sechs Milliarden Euro seien ausbezahlt. Der Migrationsforscher Murat Erdogan widerspricht und schließt sich den zahlen der EU an. Es seien mehr als drei Milliarden Euro geflossen. Der Rest sei schon überwiegend in Projekten verplant. Aber der türkische Präsident will auch, dass das Geld schneller und unbürokratischer fließt:

"Die EU kann nicht einfach sagen, ok wir geben drei oder zwei Milliarden und dann können die die einfach nutzen, wie sie wollen, das wird nie kommen. Ich kann natürlich dieses Vertrauens-Problem verstehen, aber da muss man wirklich etwas schneller sein." Murat Erdogan, Migrationsforscher

"Wir werden bleiben oder zurückkehren"

Das dürfte ein zentrales Thema bei der Videokonferenz von Erdogan mit der deutschen Kanzlerin Merkel und dem französischen Präsidenten Macron am Nachmittag sein. Es geht aber auch um eine schnelle Lösung für die Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze – und damit auch für Reza, den jungen Iraner:

"Alle denken jetzt an das treffen von Merkel, Erdogan und Macron. Alle warten auf diese Konferenz, je nach dem, was da rauskommt, werden wir bleiben oder zurückkehren." Reza aus dem Iran

Aus dem Matsch nach Hause?

Letztes Wochenende hat es geregnet. Die provisorischen Zelte am Grenzübergang bei Edirne liefen alle voll Wasser. Reza und die anderen im Camp saßen im Matsch, bei Nachttemperaturen um den Gefrierpunkt. Es gibt staatliche Hilfsorganisationen, die ins Camp dürfen. Aber die Hilfe reicht nicht, sagt Reza.

"Ich habe mich selbst ins Gefängnis gesteckt, ich bin freiwillig hergekommen. Ich halte das nicht mehr lange aus. Ich werde gehen. Und es gibt viele, die genauso denken." Reza aus dem Iran

Reza hat in der Türkei Jura studiert, das sei ok gewesen, sagt er. Aber jetzt heißt "gehen" für ihn, zurück in irgendeine türkische Stadt, in der er nicht mehr willkommen ist.

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