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Boris Palmer, Grüne, Oberbürgermeister von Tübingen.

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Boris Palmer: Tübingens Modellprojekt steht sehr unter Druck

Oberbürgermeister Palmer verteidigt den Tübinger Modellversuch, mit Corona-Schnelltests den Lockdown zu lockern. Experten kritisieren das Modell indes auf Twitter. Und Palmer bremst: Er spricht sich jetzt für Ausgangsbeschränkungen ab 20 Uhr aus.

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  • BR24 Redaktion

Seit Tagen macht das sogenannte "Tübinger Modell" die Runde: In Verbindung mit Corona-Schnelltests lockert die Stadt den Lockdown erheblich. Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) wirbt für die Entwicklung des Modellprojekts, macht aber auch Einschränkungen: Selbst mit negativem Test kann nicht mehr jeder, der will, in die Modellstadt kommen. Nach Kritik von Experten bremst Palmer nun noch weiter: Er hat sich für eine nächtliche Ausgangssperre ab 20 Uhr ausgesprochen.

Warum Palmer für nächtliche Ausgangssperren ist

"Ich hätte gar nichts dagegen zu sagen: Ab 20 Uhr ist wirklich Ruhe", sagte Palmer in einer Online-Gesprächsrunde der "Bild"-Zeitung. Mit Blick auf das derzeit laufende Modellprojekt erklärte er, tagsüber könne geordnet in der Außengastronomie gesessen oder mit Maske eingekauft werden. "Und nachts sind alle daheim - warum nicht." In Tübingen habe er nämlich das Problem, dass häufig nach 20 Uhr große Gruppen auf innerstädtischen Wiesen Partys feierten. Da gebe es keinen Abstand, sondern Alkohol, sagte der Grünen-Politiker.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte auf Twitter indes das Tübinger Modell: Er schreibt, es ersetze keinen vorübergehenden Lockdown. So werde es aber verkauft. In seinem Tweet bezieht er sich auf die Userin Isabell Stahlhut, die fragt: "Wieso redet man eigentlich bundesweit über eine "Modellstadt", deren Erfolg niemand verifizieren kann?" Es gebe keine ausreichenden Daten dazu.

Auch andere Twitter-User äußern Kritik an Palmers Modellversuch: Der epidemiologische Forscher Cornelius Roemer etwa schreibt, das ganze Projekt eigne sich nicht für die Untersuchung epidemiologischer Auswirkungen von Tests in Verbindung von Lockerungen.

Palmer erhält Morddrohungen wegen des Projekts

Neben sachlicher Kritik an dem Modellversuch gibt es auch massive Angriffe gegen Palmer persönlich. Er erhalte deswegen auch Morddrohungen. "Das Modellprojekt steht seit heute sehr unter Druck", sagte Palmer in einer Online-Gesprächsrunde mit Wissenschaftlern am Montagabend in Tübingen. Viele wünschten sich, dass das Projekt scheitere. Wegen Morddrohungen gegen ihn gebe es bereits eine dreistellige Zahl an Verfahren bei der Staatsanwaltschaft.

Insbesondere die Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag seien so verstanden worden, dass sie auch das Tübinger Modell in Frage gestellt habe, sagte Palmer. Die Kanzlerin hatte sich in der ARD-Sendung "Anne Will" kritisch gegenüber Öffnungsschritten gezeigt und angedeutet, dass notfalls der Bund tätig werden könnte, wenn die Länder nicht handelten. Mehrere Länder wollen derzeit Modellprojekte mit Lockerungen starten.

Palmer räumt Anstieg der Fallzahlen ein

Zum Tübinger Modell sagte Palmer zugleich, es gebe derzeit einen Anstieg der Fallzahlen. Den "Stuttgarter Nachrichten" und der "Stuttgarter Zeitung" (Dienstagsausgabe) sagte Palmer, die Sieben-Tage-Inzidenz in Tübingen sei bis Sonntag auf 66,7 gestiegen. Am vergangenen Donnerstag hatte der Wert nach Angaben der Stadt noch bei 35 gelegen. Damit hätte sich dieser Wert innerhalb weniger Tage fast verdoppelt. Ihm mache das keine Sorgen, sagte Palmer den Zeitungen. Der Anstieg gehe eher nicht aufs Einkaufen oder den Theaterbesuch zurück. Problematisch seien jene, die abends in der Stadt Party machten. Es sei aber jederzeit möglich, die Reißleine zu ziehen. "Das ist ein Experiment mit offenem Ausgang", so Palmer.

Touristen genießen Freiheiten in Tübingen

Auch am Wochenende waren zahlreiche Menschen in die Universitätsstadt am Neckar gekommen und hatten die dort möglichen Lockerungen genossen. In der Außengastronomie von Cafés und Restaurants waren die Plätze bei frühlingshaften Temperaturen gefüllt.

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Die Inzidenzen steigen deutschlandweit, der Lockdown geht bis Mitte April weiter. In Tübingen dagegen zeitweise fast Normalität. Dahinter steht ein Corona-Test-Konzept. Wie fühlt sich die Corona-Freiheit an? Ein Kontrovers-Selbstversuch.

Tübingen testet seit Mitte März, ob mehr Öffnungsschritte mit möglichst flächendeckendem Testen umsetzbar sind. Menschen können in der Stadt kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Mit dem Zertifikat können die als gesund getesteten Personen zum Beispiel in Modeläden einkaufen, zum Friseur oder auch ins Theater und in den Biergarten gehen. Das Modellprojekt wurde zuletzt bis zum 18. April verlängert.

In einem Interview mit dem BR Fernsehen hatte Palmer das Tübinger Modell auch als Vorbild für Städte in Bayern bezeichnet.

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Im Interview mit dem BR-Politikmagazin Kontrovers zeigt sich Tübingens Oberbürgermeister Palmer zuversichtlich, dass der Modellversuch mit Tests, Corona-Maßnahmen zu lockern, funktioniert. In Bayern sollen nach Ostern acht Orte den Versuch kopieren.

Auch in Tübingen steigt die Zahl der Neuinfektionen

Allerdings ist die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche in Tübingen deutlich gestiegen. Zuvor hatte sie zuletzt bei 35 gelegen, wie eine Sprecherin der Stadt am Montag sagte. Die Sprecherin bezog sich dabei auf die Zahl der vom Landratsamt auf Stadtebene ausgewiesenen Neuinfektionen für die Stadt Tübingen vom vergangenen Donnerstag. In der Woche zuvor hatte der Wert noch bei 23 gelegen. Die Inzidenz werde von der Stadt selbst berechnet. Infektionszahlen auf Gemeindeebene werden vom Landratsamt Tübingen nur wöchentlich veröffentlicht.

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