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Trump und sein Mob: Wie frei ist die Presse in den USA? | BR24

© picture alliance / AA | Tayfun Coskun

Trump, sein Mob und die Presse

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    Trump und sein Mob: Wie frei ist die Presse in den USA?

    Ein wütender Mob von Trump-Anhänger stürmt das Kapitol, bedrängt Journalisten, zerstört ihr Arbeitsmaterial und schreibt "Murder the Media" auf Türen des Kongresses. Wie steht es eigentlich um die Pressefreiheit in den USA?

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    Von
    • Jonathan Schulenburg

    Die Bilder gingen um die Welt. Ein grölender Mob, der randalierend durch das US-Kapitol in Washington zog. Ein beispielloses Ereignis in der amerikanischen Geschichte. Aber für viele auch nicht allzu überraschend. Hass auf "die Regierung" und "die Medien" ist unter Trump normal geworden.

    "Murder the Media" auf Türen gekritzelt

    Wenn ein Präsident ständig von "Fake News" spricht, die Presse als Staatsfeind bezeichnet und die Medien bei jeder Gelegenheit angreift, wundert es nicht, wenn seine Anhänger "Murder the Media", "tötet die Medien" als Botschaft auf Türen im Kongress hinterlassen.

    Alexandra Borchardt ist Journalistin und Autorin, aber auch Professorin und Dozentin für Journalismus an der Universität der Künste in Berlin und an der Hamburg Media School und sie hat selbst fünf Jahre in den USA gelebt. Für sie hat der Medienhass mehrere Gründe: "Zum einen ist es eine latente Polarisierung in der amerikanischen Gesellschaft, die es schon immer gab. Ich bin immer sehr vorsichtig, wenn Leute sagen: das liegt an den sozialen Netzwerken."

    Schuld liegt nicht nur bei den sozialen Medien

    Natürlich hätten die sozialen Netzwerke eine Rolle gespielt, sagt Borchardt. Das Gefühl entstehe: "Wir sind viele. Es gibt ganz viele, die so denken wie wir." Die Medienkennerin führt aber auch die letzten vier Jahre an, in denen Trump und seine Leute "die Presse sehr stark diskreditiert haben. Dadurch ist es ihnen gelungen, in weiten Teilen der Bevölkerung das Vertrauen in die etablierten Medien auszuhöhlen mit dieser Rhetorik."

    ARD-Korrespondentin bricht Live-Gespräch ab

    Am Mittwoch tobten sich Trump-Anhänger auch gegen die Medien vor dem Kapitol aus. Sie zerstörten Equipment des ZDF und der Nachrichtenagentur AP. Die Journalisten wurden angegangen. Die ARD-Korrespondentin Claudia Buckenmaier musste ihr Live-Gespräch in den Tagesthemen abbrechen mit den Worten: "Ich muss das an diesem Punkt leider abbrechen, es kommen hier gerade Menschenmengen. Wir gehen jetzt besser weg." Im Interview mit B5 Aktuell erzählt sie: "Wir erlebten diese Menschen als nicht mehr ansprechbar."

    Über den Sturm auf das Kapitol erzählt Buckenmaier, die an dem Tag für die ARD live vor Ort war: "Es war ein Moment der Schockstarre. Ich musste dann gleich in der 20 Uhr darüber berichten, habe nur berichtet darüber, was ich gesehen habe. Also es ist ein ganz komisches Gefühl."

    Reporter ohne Grenzen: "extrem feindseliges Klima" für Medien

    Es war der traurige Höhepunkt einer Entwicklung, die in den letzten vier Jahren immer wieder eskalierte. Allein Reporter ohne Grenzen zählte im vergangen Jahr 522 Übergriffe auf Journalisten in den USA - vor allem auch während der Black-Lives-Matter-Bewegung im Sommer. Damals gingen sogar Polizisten gewalttätig gegen Journalisten vor. Den Zustand der Pressefreiheit in den USA empfinden viele als besorgniserregend. Sowohl im Sommer als auch jetzt bei den Auseinandersetzungen am Kapitol konnten sich Journalisten nicht sicher sein, dass sie ganz normal ohne Zwischenfälle berichten können würden. Reporter ohne Grenzen beschreibt es als ein "extrem feindseliges Klima" für Medien.

    Und jetzt? Wird es mit Biden besser? Die Journalismus-Professorin Alexandra Borchardt meint: "Wenn schon mal sprachlich abgerüstet wird, kann es schon sein, dass sich die Gesellschaft aufeinander zubewegt. Nicht alle, die Trump gewählt haben, waren Rechtsaußen. Der Journalismus, der jetzt gebraucht wird, ist einer, der bei den Leuten vor Ort ist, bei den täglichen Sorgen und Mühen begleitet. Dass sie das Gefühl wiederkriegen: Die Medien spielen eine Rolle und sie sind unsere Verbündeten."

    Gespaltene Medienlandschaft

    Denn die Spaltung der Gesellschaft geht auch durch die Medienlandschaft. Es gibt kaum noch lokale Zeitungen, die sich um die Belange normaler Bürger kümmern. Die, die Fox-News schauen oder Breitbart-News lesen, lesen keine New York Times oder schauen kein CNN. Sie sehen ihre Weltsicht bestätigt in den konservativen Medien und das Gleiche gilt für die andere Seite. Die ARD-Korrespondentin Claudia Buckenmaier meint: "Ich bin relativ skeptisch, dass es Joe Biden gelingen wird, diese Aufspaltung des Landes wirklich zu überwinden. Er wird es versuchen. Aber ich weiß gar nicht, ob diese Menschen ihn überhaupt hören. Ob er überhaupt bis zu ihnen vordringt."

    Es wird eine Mammutaufgabe für Biden, aber auch für die Medien in den USA, das Land nicht weiter zu spalten, sondern zu versöhnen.

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