Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

"Tristan und Isolde": Staatsbegräbnis statt Liebesrausch | BR24

© Thomas Jauk/Oper Dortmund

Liebe in der Militärdiktatur: "Tristan und Isolde" in Dortmund

Per Mail sharen
  • Artikel mit Bildergalerie

"Tristan und Isolde": Staatsbegräbnis statt Liebesrausch

Das Publikum rebellierte mit Buhrufen gegen eine betont kühle, aber ehrliche Inszenierung von Richard Wagners "Handlung in drei Aufzügen". In der Militärdiktatur kann es keine Liebe geben - nur kontrollierte Menschen. Nachtkritik von Peter Jungblut

Per Mail sharen

Geht jetzt in den deutschen Opernhäusern wirklich das Licht aus? Die aktuelle Bühnenstatistik deutet jedenfalls darauf hin: Das beliebteste Musikdrama von Richard Wagner ist demnach hierzulande gerade "Tristan und Isolde", also die düsterste aller Liebesgeschichten, ein ausgesprochenes Nachtstück. Dass das schwierige, handlungsarme Werk derzeit in der Hitparade der Inszenierungen vor so populären und viel leichter zu besetzenden Wagner-Opern wie dem "Fliegenden Holländer", "Tannhäuser" oder "Lohengrin" rangiert, verwundert, denn ein Publikumsmagnet war "Tristan und Isolde" nie. Offensichtlich haben Regisseure und Intendanten gerade ein großes Faible für diesen pessimistischen Stoff, den die einen buddhistisch finden, die anderen morbid.

Tristan lässt Gefangenen erschießen 

So oder so geht es weniger um die Liebe als um die Sehnsucht nach der Unendlichkeit. In Bayreuth zeigte Katharina Wagner die -  so der offizielle Untertitel - "Handlung in drei Aufzügen" als kaltes, alptraumhaftes Beziehungsdrama im Foltergefängnis. Ähnlich kühl und gänzlich unromantisch interpretierte gestern Abend Jens-Daniel Herzog die tragische Geschichte an der Oper Dortmund. Tristan und Isolde scheitern mit ihrer Liebe in einer Militärdiktatur. Gleich zu Beginn, noch während des Vorspiels, lässt der Grenzoffizier Tristan mitleidlos einen Gefangenen erschießen. Der Titelheld ist also alles andere als ein Sympathieträger. Vielleicht waren deshalb am Ende viele  Zuschauer aufgebracht, es hagelte Buhrufe. Dabei hatte Jens-Daniel Herzog das Stück nur ernst genommen.

Strahlenkranz aus Neonröhren

In "Tristan und Isolde" beschreibt Richard Wagner schließlich nichts weniger als die Unmöglichkeit der freien, maßlosen Liebe in einer Welt, die von Machtspielen, Hierarchien und Konventionen beherrscht wird. Entweder die Liebe sprengt die Welt oder umgekehrt - Tristan und Isolde sind also in gewisser Weise gefährliche Revolutionäre, und in der Oper Dortmund werden sie sehr glaubwürdig auch so gezeigt. 

Bühnenbildner Mathis Neidhardt und Kostümdesignerin Sibylle Gädeke orientierten sich am Erscheinungsbild osteuropäischer Diktaturen. Das Bild des allmächtigen Königs Marke hängt überall an den Wänden, selbstverständlich tragen alle graue Uniformen. An der Grenze werden Passanten gedemütigt und eingeschüchtert. Alle Räume der Drehbühne sind trist und fast leer - selbst das Büro des Herrschers ist denkbar hässlich. Ein Strahlenkranz aus Neonröhren ziert die Decke. Es wird gefoltert und erschossen, offensichtlich nicht aus Sadismus, sondern aus Staatsräson, jedenfalls geschäftsmäßig und ohne Lärm.

Jenseits von Kitsch und Sternenglanz

Tristan ist der einzige, der emotional ausbricht aus dieser Schreckenswelt, der seinen Gefühlspanzer ablegt. Das einzige, was er damit erreicht, ist ein Staatsbegräbnis. Isolde überlebt, oder vielleicht doch nicht? Am Ende stehen beide weit voneinander entfernt in Leere und Dunkelheit, womöglich aufgelöst im "Nirwana", dem buddhistischen Jenseits, von dem Richard Wagner so fasziniert war. Regisseur und Intendant Jens-Daniel Herzog ist eine fulminante, überzeugende, zutiefst aufwühlende Inszenierung gelungen, weit jenseits von Kitsch und Sternenglanz.

Die bayreutherfahrene, britische Sopranistin Allison Oakes gab ein ganz starkes Debüt als Isolde - kraftvoll, wahrhaftig, schauspielerisch überzeugend. Der kanadische Tenor Lance Ryan zeigte einmal mehr seine enorme Kondition und sein kompromissloses darstellerisches Format. An seiner Stimmfarbe scheiden sich die Geister, er klingt vielen zu rau und hart, beim Tristan ist das jedoch eher ein Vorteil. Gabriel Feltz leitete die Dortmunder Philharmoniker sehr energiegeladen mit beeindruckendem Körpereinsatz. Die meditative, träumerische Seite der Partitur schien ihn weniger interessiert zu haben als die vielen Gefühlsausbrüchen aller Beteiligten. 

Insgesamt ein beim Publikum umstrittener, aber künstlerisch erstaunlich konsequenter Start in die Saison für das derzeit tonangebende Opernhaus im deutschen Westen.