BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Trend Pop-Up-Radweg: Wegweisend oder Hau-Ruck Aktion? | BR24

© BR/Susanne Hagenmaier
Bildrechte: BR/Susanne Hagenmaier

Dieter Reiter eröffnet Pop-Up-Radweg in München

18
Per Mail sharen

    Trend Pop-Up-Radweg: Wegweisend oder Hau-Ruck Aktion?

    Im letzten Jahr wurden sie in vielen Kommunen eingeführt: Pop-Up-Radwege. Einige Gemeinden legen jetzt nach – aber: Das Konzept ist umstritten. Baustein zur Mobilitätswende, sagen die Radler. Unkontrollierte Hau-Ruck-Aktion, bemängeln die Kritiker.

    18
    Per Mail sharen
    Von
    • Regina Wallner
    • B5 aktuell

    Radfahrer sind derzeit in Städten wie Berlin oder München oft auf solchen temporären Spuren unterwegs: Die rechte Autospur oder der Parkstreifen wird einfach mit gelber Farbe oder Baustellenbaken markiert. Zwei gelbe Linien und Baustellenschilder markieren den "Pop-Up-Radweg". Wie der Name verrät, ploppen Pop-up-Radwege buchstäblich auf Autostraßen auf.

    Niedrigen Kosten sprechen für Pop-Up-Radwege

    Die niedrigen Kosten sprechen für das Konzept: Planung, Umsetzung und Instandhaltung solcher Radwege kosteten laut dem Berliner Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg bis 2021 etwa 20.000 Euro pro Kilometer. Normalerweise würden allein für die Planung 40.000 Euro fällig, die Realisierung liegt im sechsstelligen Bereich pro Kilometer.

    Radfahrer wollen dauerhafte Lösungen

    Fahrradfahrer hoffen derweil aber auf bleibende Lösungen. "Nach der Testphase wird so ein Pop-up-Radweg idealerweise in eine dauerhafte Form gebracht, also in einen ordentlichen geschützten Radfahrstreifen" , sagt die Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Stephanie Krone.

    "Pop-up-Radwege, die sich bewährt haben, beschleunigen durch ihre schnelle Realisierbarkeit die Mobilitätswende." Andreas Wagner, Linken-Bundestagspolitiker

    Wie viele Kilometer Pop-up-Radwege es deutschlandweit gibt, weiß das Bundesverkehrsministerium nicht. Laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sind es im Vergleich zu vielen anderen Ländern wenige. Der Grund: Viele Kommunen äußerten juristische Bedenken bei der Umsetzung der Radwege, erklärt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.

    AfD-Abgeordneter klagt in Berlin vor Verwaltungsgericht

    Ein Rechtsstreit in Berlin hat zur Unsicherheit beigetragen. Dort waren 2020 viele Wege entstanden, die für mehr Sicherheit und Abstand zwischen Rad- und Autofahrern sorgen sollten. Ein AfD-Abgeordneter klagte jedoch dagegen und bekam vom Verwaltungsgericht Recht. Das Oberverwaltungsgericht setzte das Urteil wieder außer Kraft. Ende Februar wurde das Verfahren eingestellt. Die Radwege bleiben vorerst.

    Radwege brauchen Nachweis für Notwendigkeit

    Die aktuelle Straßenverkehrsordnung (StVO) macht es den Befürwortern der Pop-up-Radwege ebenfalls nicht leicht. Die Anordnung von Schutzstreifen für den Radverkehr ist laut Bundesverkehrsministerium sogar unter erleichterten Voraussetzungen möglich – aber: Nachweise für eine Notwendigkeit sind dennoch nötig.

    "Bisher gilt ein Radweg als Verkehrshindernis, dessen Einrichtung man aufwendig durch Gefahrensituationen begründen muss. Radwege sind kein Verkehrshindernis, sondern Verkehrsermöglicher." Stephanie Krone, ADFC-Sprecherin

    Immerhin bleibt den Behörden bei der Begründung ein Spielraum, erläutert die Sprecherin des Berliner Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, Sara Lühmann. Man zählt die Verkehrsverstöße, Unfallzahlen oder schaut auf die Abstände der Pkws zu den Radfahrern.

    Zudem sind die Radfahrer durch den Begründungszwang benachteiligt, meinen die Grünen. Man müsse die Logik umdrehen: "Tempo 50 innerorts nur dann, wenn das als ungefährlich eingeschätzt wird - das wäre am Menschen orientiert", so Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar.

    In Stuttgart sind Pop-Up-Radwege umstritten

    Nicht jeder Pop-up-Radweg kommt gut an, wie ein Beispiel aus Stuttgart zeigt. Dort wurde ein solcher Radweg im Juni vergangenen Jahres errichtet – und im Oktober wieder zurückgebaut. Der Grund: Beschwerden aufgrund von Lärmbelästigung und eine Beeinträchtigung für Fußgänger durch kürzere Grünphasen der Ampeln.

    Der Autoclub ADAC wirft ein, dass Pop-ups nicht zu mehr Sicherheit führen, sondern sogar neue Konfliktsituationen schaffen.

    "Teils enden die neuen Pop-up-Spuren unvermittelt vor den Knotenpunkten, teils gibt es Konflikte mit dem ruhenden Verkehr, was zu neuen Gefahrensituationen führen kann." Johannes Boos, ADFC

    Boos fordert ein nachhaltiges Konzept und nicht gelbe Linien, die die ideologischen Fronten zwischen Auto- und Fahrradfahrern verhärten.

    Mehr Staus durch engere Autospuren?

    Die FDP fürchtet, dass durch die engeren Autospuren Staus entstehen. Statt unkontrollierter Hau-Ruck-Aktionen brauche es langfristige Lösungen, ohne Nachteil für den übrigen Verkehr, sagt Christian Jung: "Denn schnell aufgemalt und losgefahren heißt nicht, dass es auch automatisch sicherer für alle Verkehrsteilnehmer wird." Auch Union-Fraktionsvize Ulrich Lange wünscht sich mehr Planung.

    In Bayern flaut Begeisterung für Radwege ab

    Im Corona-Sommer 2020 waren Pop-up-Radwege vielerorts im Trend. Städte wie München, Würzburg, Nürnberg oder Fürth richteten vorübergehende Fahrspuren entlang normaler Straßen ein, um den vielen Radlern eine gute und sichere Fahrt zu bieten. Dieses Jahr ist von der anfänglichen Begeisterung noch nicht viel zu spüren. Die Stadt Nürnberg etwa will keine neuen Pop-up-Radwege ausweisen, andere Kommunen überlegen. Nur die Stadt München teilt mit, dass die Pop-up-Radwege des Vorjahres ab April 2021 zurückkommen.

    Laut ADFC ist Radinfrastruktur veraltet und lückenhaft

    Wegen Corona waren sehr viele Menschen aufs Rad umgestiegen, auch aus Angst, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln anzustecken. Die Radinfrastruktur in Deutschland hält der ADFC für veraltet, unzureichend und lückenhaft. Bund und Land stellten für den Radwegebau Rekordsummen zur Verfügung. Es fehlt aber an Personal, um zu planen und die Gelder abzurufen. Pop-up-Radwege sind für den ADFC nur der erste Schritt: 

    "Wichtig ist, dass sie in einem späteren Schritt ordentlich und dauerhaft gebaut werden. Dafür muss der Pkw-Verkehr Platz abgeben." ADFC

    Nürnberg: Pop-Up-Radwege nur mäßig genutzt

    "Pop-up-Radwege haben sich nur begrenzt bewährt", sagt der Nürnberger Baureferent Daniel Ulrich. Sie sind eher ein politisches Signal, als dass sie zur nachhaltigen Umgestaltung des öffentlichen Raums beitragen. Die Stadt hatte im Westen eine Spur der Rothenburger Straße auf mehr als einem Kilometer Länge abgetrennt. Dass dort nur wenige Radfahrerinnen und Radfahrer unterwegs waren, führt Ulrich auch darauf zurück, dass das Radwegenetz dort große Lücken hat und dass die Bevölkerungsdichte geringer ist. Zudem hat die Radspur den Autoverkehr stärker gestört als erwartet.

    Würzburg: Ad-hoc-Maßnahmen für Radverkehr

    In Würzburg setzt der Planungs- und Umweltausschuss lieber auf dauerhafte Maßnahmen, auch mit Blick auf die angespannte Haushaltslage. Um die Zeit bis zur Fertigstellung etwa von Radwegen zu überbrücken, will die Stadt trotzdem etwas für die Radler tun. An besonders stark befahrenen Strecken wird man Ad-hoc-Maßnahmen kurzfristig umsetzen.

    Traunstein: Radverkehrskonzept geplant

    Traunstein hatte ebenfalls Popup-Radwege. Momentan sei eine erneute Einrichtung nicht vorgesehen, hieß es von der Stadtverwaltung. Es sei aber ein Radverkehrskonzept geplant. Informationen dazu soll es am 11. März in der öffentlichen Sitzung des Planungsausschusses geben.

    Regensburg: Routenkonzept für Radler

    Für Radler geplant wird auch in Regensburg. Bis zum Jahresende wird die Stadt ein Hauptradroutenkonzept erarbeiten, teilte die Verwaltung mit. Pop-up-Radwege sind dagegen nicht geplant. Die Straßenräume in Regensburg lassen solche Maßnahmen oft nicht zu.

    München: 25 Prozent mehr Radler unterwegs

    Positiv waren dagegen die Erfahrungen in München. Die Stadt hat die Spuren auf Routen eingerichtet, auf denen es bis dahin zum Teil noch gar keine Fahrradwege gegeben hatte. Bis zu 25 Prozent mehr Radler waren laut ADAC ab März in München unterwegs als in den Vorjahren. Auf einigen der temporären Routen habe sich der Radverkehr mehr als verdoppelt. Am 17. März wird sich der Mobilitätsausschuss mit den Pop-up-Radwegen beschäftigen, eine Woche später die Vollversammlung des Münchner Stadtrats.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!