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Transgeschlechtliche Menschen erleben viel Diskriminierung

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Transgeschlechtliche Menschen erleben viel Diskriminierung

Am heutigen "Transgender Day of Remembrance" wird der Opfer von Trans*feindlichkeit gedacht - insbesondere Mordopfer. Ein Anlass, auch zu erklären, was unter transgeschlechtlichen Menschen überhaupt zu verstehen ist.

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Melina SeilerMelina SeilerBR24  RedaktionBR24 Redaktion

Trans* Menschen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Das heißt, trans* Menschen sind beispielsweise trans* Frauen (Frauen, deren Geschlechtseintrag bei der Geburt männlich war). Trans* Männer (Männer, deren Geschlechtseintrag bei der Geburt weiblich war), aber auch Menschen, die sich geschlechtlich nicht binär verorten, sich also weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht eindeutig zuordnen lassen.

Das Wort trans* ist als Adjektiv zu verstehen. Das Sternchen ist zwar für die meisten Menschen erstmal gewöhnungsbedürftig, aber für die Betroffenen ist es wichtig, weil es für verschiedene Identitäten Raum lässt.

Aufmerksamkeit für trans*feindliche Verbrechen

Der Transgender Day of Remembrance (TDoR) wurde 1998 am 20. November zum ersten Mal abgehalten (deutsch: "Tag der Erinnerung an die Opfer von Trans*feindlichkeit).

Gwendolyn Ann Smith, Grafikdesignerin, Kolumnistin und Aktivistin in San Francisco hat den Tag ins Leben gerufen. Sie selbst ist trans* Frau und nahm den Mord an der Schwarzen trans* Frau Rita Hester zum Anlass. Sie wurde in ihrer eigenen Wohnung erstochen. Dazu gab es damals kaum Berichterstattung, und bis heute ist ihr Tod ungeklärt.

Deshalb gründete Smith das Projekt "Remembering Our Dead" aus dem der TDoR hervorging. Seitdem wird jedes Jahr am 20. November weltweit den Opfern trans*feindlicher Gewalt gedacht. In München findet das diesjährige Gedenken beispielsweise von 16 bis 20 Uhr am Odeonsplatz statt. Es ist ein Tag des Trauerns, der Solidarität und ein Tag, der trans*feindliche Verbrechen sichtbar machen soll, denn obwohl ihre Zahl jährlich steigt, finden sie kaum Beachtung in den Medien.

Weltweit so viele Morde an trans* Personen wie noch nie

In diesem Jahr meldet das Trans Murder Monitoring der Menschenrechtsorganisation TGEU 375 ermordete trans* Personen weltweit. Das sind 7 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie noch nie seit der ersten Erhebung im Jahr 2008. Brasilien bleibt das Land, das die meisten Morde dieser Art gemeldet hat (125), gefolgt von Mexiko (65) und den Vereinigten Staaten (53). Seit 2008 wurden 4.042 ermordete trans* Personen erfasst.

Viele der Getöteten hatten eine Migrationsgeschichte, viele waren Sexarbeiterinnen oder Sexarbeiter. So mischen sich in die Diskriminierung gegen trans* Menschen oft auch Rassismus und Feindlichkeit gegen Prostituierte.

Hohe Dunkelziffer von Trans*feindlichkeit

Diese Zahlen sind nur ein kleiner Einblick in die Realität vor Ort. Der Großteil der Daten stammt aus Ländern mit einem etablierten Netzwerk von Organisationen, die das Monitoring durchführen. In den meisten Ländern werden Daten nicht systematisch erhoben. Die meisten Fälle werden weiterhin nicht gemeldet und erhalten, wenn sie gemeldet werden, nur sehr wenig Aufmerksamkeit. So muss man von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgehen.

Wie viele trans* Personen leben in Deutschland?

Wie ist die Situation in Deutschland? Nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, gibt es keine offizielle Angabe zur Anzahl der in Deutschland lebenden trans* Personen. Die Schätzungen reichen von 2.000 bis 100.000 Personen. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti) geht von mindestens 0,32 Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus.

Der Grund für die stark abweichenden Schätzungen sind die verschiedenen zu Grunde gelegten Definitionen: Während juristische und medizinische Quellen meist nur Personen erfassen, die als "transsexuell diagnostiziert" wurden und Schritte zur Geschlechtsangleichung ergreifen, berücksichtigen trans* Organisationen auch die Personen, die ihren Körper medizinisch nicht verändern oder begutachten lassen.

58 Prozent aller trans* Personen hierzulande erleben Diskriminierung

Zu Gewalt und Beleidigungen auf deutschen Straßen fehlen auch Zahlen, weil die trans*feindlichen Taten in Statistiken über Hasskriminalität nicht von homo- oder bifeindlichen Vorfällen getrennt ausgewiesen werden und zudem die Meldebereitschaft als gering gilt. Das dokumentiert eine Erhebung der EU-Grundrechteagentur.

Zum Ausmaß des Diskriminierungserlebens stehen dort allerdings Zahlen: In der Erhebung gaben 58 Prozent der befragten trans* Personen aus Deutschland an, in den zurückliegenden zwölf Monaten diskriminiert oder belästigt worden zu sein.

Häufige Ausgrenzung von trans* Menschen am Arbeitsplatz

Die Studie "Out im Office" gibt Auskunft über die berufliche Situation von trans* Personen. Trotz überdurchschnittlicher Bildung haben rund ein Viertel der trans* Befragten ein monatliches Nettoeinkommen von unter 1.000 Euro an. Viele von ihnen erlebten am Arbeitsplatz bereits Ausgrenzung oder Kontaktabbruch (39 Prozent), Imitieren und Herabwürdigung ihrer Gestik oder Stimme (32 Prozent), den Entzug des Kundenkontakts (16 Prozent) oder eine Kündigung (acht Prozent).

BR-Podcast klärt über Leben von trans* Personen auf

Weitere Informationen und Aufklärung über die Situation von trans* Personen liefert Willkommen im Club – der LGBTIQ*-Podcast von PULS, dem jungen Content-Netzwerk vom BR.

In der Podcast-Folge "Trans*Outing – wie weiß ich, dass ich trans* bin?" erzählen die beiden trans* Männer Lukas und Elias, wie sie herausgefunden haben, dass sie trans* sind. Für sie war es vor allem ein inneres Gefühl, dass etwas nicht passt. Besonders wichtig war für beide, dass sie den Zugang zur Informationen und Community erhalten.

Welche Rolle spielen Penis und Vagina?

Es geht bei trans* Sein darum, wie sich ein Mensch fühlt und nicht, welche Genitalien die Person hat. Trotzdem wird genau danach viel zu oft gefragt - zum Teil auch auf übergriffige Weise. Deshalb besprechen Moderator Julian Wenzel und Moderatorin Kathi Roeb auch dieses Thema in der Podcast-Folge "Geschlechtsangleichung – worum geht es neben Penis, Vulva und Vagina?"

Denn längst nicht alle trans* Personen entscheiden sich für eine operative oder hormonelle Geschlechtsangleichung. Ob jemand trans* ist, ist also nicht davon abhängig, ob eine Person solche OPs vornehmen lässt oder Hormone nimmt.

Nonbinär: Weder eindeutig Frau noch Mann

Und weil nicht alle trans* Personen in die Kategorien Frau oder Mann passen, klärt die Podcast-Folge "Nonbinär & genderqueer – was bedeutet das?", was alles genau darunter zu verstehen ist.

Tessa Ganserer: Hass in den sozialen Medien

In der Podcast-Folge "Queere Politiker:innen – wofür sie im Bundestag kämpfen und was sie aushalten müssen" interviewen Julian Wenzel und Kathi Roeb die Grünen-Politikerin Tessa Ganserer aus Nürnberg. Sie ist eine der ersten beiden trans* Personen im Bundestag und erzählt, was es für sie bedeutet, Politik zu machen, was queere Politikerinnen und Politiker für die LGBTIQ*-Community leisten, aber auch, was sie dafür alles aushalten müssen.

Denn Tessa Ganserer erlebt seit ihrem Coming-Out zum Beispiel viel Diskriminierung in den sozialen Medien. Auch eine Kandidatur für den deutschen Bundestag sei für sie als trans* Frau nicht frei von Hürden gewesen. So stand auf dem Wahlzettel noch ihr sogenannte "dead name", also ihr alter männlicher Name, mit dem sie sich nicht mehr identifizieren möchte und kann.

Der alte Name bleibt lange nach dem Coming-Out

Laut Ganserer leben die meisten trans* Personen vor ihrer amtlichen Personenstandsänderung bereits vollständig geoutet in ihrem eigenen Geschlecht. Aber sie haben dann noch keine passenden Dokumente. Das bedeutet, dass sie in Alltagssituationen oft in Erklärungsnot und demütigende Situationen kommen, weil zum Beispiel ein männlicher Name im Ausweis steht, sie aber äußerlich erkennbar als Frau lebt. Zum Beispiel müssen sie dann auch oft mit ihrem alten, verhassten Namen unterschreiben.

Tessa Ganserer weiß, dass sich manche LGBTIQ* aufgrund solcher Probleme gar nicht erst in die Politik trauen. Sie kennt trans* Politikerinnen und Politiker, die wegen der emotionalen Belastung ihre Kandidatur zurückgezogen haben. Auch deshalb setzt Ganserer sich seit Jahren für eine Abschaffung des sogenannten Transsexuellengesetzes ein.

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Anastasia Biefang ist Oberstleutnant der Luftwaffe der Bundeswehr. 2017 wurde sie die erste offen transgeschlechtliche Bataillonskommandeurin. Sie sagt: "Die Vorstellung vom Fliegen fand ich immer befreiend". Moderation: Kerstin Grundmann

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