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Touristen verzweifelt gesucht - Algarve in Covid-Zeiten | BR24

© picture alliance / NurPhoto

Touristen verzweifelt gesucht - Algarve in Covid-Zeiten

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    Touristen verzweifelt gesucht - Algarve in Covid-Zeiten

    Die portugiesische Südprovinz Algarve lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Wergen Corona bleiben die Touristen weg, und nun herrscht plötzlich Alarmstimmung. Forderungen werden lauter, dass die Region vom Tourismus unabhängiger werden muss.

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    Kurz vor neun Uhr und schon fast 30 Grad: Im Yachthafen der portugiesischen Tourismushochburg Albufeira macht Skipper Diarley Marinho das Ausflugsboot startklar, neun Touristen wollen heute mit ihm Delfine beobachten und die berühmten Felsengrotten der Algarveküste besuchen. Obwohl August und damit eigentlich Hochsaison ist, eine der ersten Fahrten, die Marinho in diesem Sommer macht: "Wir hatten wegen der Corona-Pandemie Kurzarbeit und praktisch nichts zu tun! Alles stand still. Jetzt geht es langsam wieder los, im August kommen wenigstens ein paar portugiesische Urlauber. Aber mit dem Trubel anderer Jahre ist das absolut nicht zu vergleichen. In keiner Weise."

    Touristen bleiben weg

    Im Ferienparadies Algarve herrscht Panik; wegen des Coronavirus bleiben die Touristen weg. Normalerweise besuchen um die zwanzig Millionen Urlauber im Jahr die Region, jetzt sind die Zahlen um bis zu 90 Prozent eingebrochen. Viele Hotels haben gar nicht erst aufgemacht, die meisten anderen melden Auslastungen bestenfalls um die vierzig Prozent – in der Hochsaison, zu der eigentlich alles voll sein sollte.

    Vorher war fast drei Monate lang Stillstand. Portugal hatte auf den Ausbruch der Corona-Pandemie schnell reagiert und schon im März den Notstand verkündet. Schulen und Geschäfte wurden geschlossen, es herrschte eine strenge Ausgangs- und Kontaktsperre. Die drastischen Maßnahmen dürften dafür gesorgt haben, dass das Land bis jetzt relativ glimpflich durch die Krise kam.

    Arbeitslosenquote steigt an

    Nach dem Wegbleiben der ausländischen Touristen ist die Arbeitslosenquote in der Algarve um 230 Prozent angestiegen. Von den rund 500.000 Einwohnern haben im Augenblick fast 30.000 keinen Job, so der Gewerkschaftssprecher Tiago Jacinto: "Die Lage ist dramatisch und schlimmer als in den anderen Jahren. Viele Tausend Arbeiter und ihre Familien haben kein Einkommen."

    Jetzt räche sich, dass die Politiker der Region immer nur auf den Tourismus gesetzt hätten. Die Schwächen der Monostruktur seien unübersehbar. Die Zeit sei reif umzudenken, findet auch der Wirtschaftsprofessor José Maria Castro Caldas. Er forscht am angesehenen Institut für Sozialstudien der Universität Coimbra: "Die Option Billigtourismus hat sich als verkehrt erwiesen. Die Algarve hat vor allem auf Masse und niedrige Preise gesetzt. Es war falsch, dass Orte wie Albufeira mit Billigzielen wie Tunesien konkurrieren wollten."

    Nicht nur auf Tourismus setzen

    Jetzt gelte es gegenzusteuern, Alternativen zu schaffen. Die Reisegewohnheiten der Menschen änderten sich in Pandemiezeiten, es werde weniger Tourismus geben. Nur setzt die Regierung lieber auf vermeintlich Altbewährtes, will den Tourismus nicht nur retten, sondern sogar ausbauen. Zahlreiche Bettenburgen sind nach wie vor an der Küste geplant, sollen sogar als ‚Projekte von nationalem Interesse‘ besonders gefördert werden. Ein anscheinend nicht zu lösender Konflikt, sagt der Wirtschaftswissenschaftler José Maria Castro Caldas: "Die Positionen sind klar: Auf der einen Seite die Tourismusindustrie, die bis jetzt viel Geld einbrachte und unter allen Umständen will, dass der Staat sie mit Finanzspritzen ewig weiter unterstützt. Und auf der anderen die, die eingesehen haben, dass wir Alternativen suchen müssen."

    Auf die Schnelle soll erst einmal ein 300-Millionen-Euro-Regierungsprogramm der Algarve helfen. Nicht, um Alternativen zu finden, sondern um die Not zu mindern. Mit Fortbildungsmaßnahmen zum Beispiel, wie João Fernandes, der Präsident des Tourismusverbandes der Region, erklärt. Ansonsten gibt der Tourismusmanager sich optimistisch: "Ich muss denen absolut widersprechen, die sagen, der internationale Tourismus würde zurückgehen. Er verdoppelt sich alle zehn Jahre. Daran habe ich auch in Zukunft nicht die geringsten Zweifel."

    Ist der Massentourismus an der Algarve so sinnvoll?

    Den Massentourismus, der sich inzwischen auch nachteilig auf die Natur auswirkt, will niemand wirklich in Frage stellen. Selbst die Tatsache, dass in der Region jeden Sommer massiver Wassermangel herrscht, kann daran nichts ändern.

    Die Algarve leide nicht unter zu vielen Urlaubern, versichert der Tourismusmanager. Es gebe nur zu wenig andere Einkommensquellen. Darum machten sich die Einbrüche bei den Besucherzahlen so stark in der Wirtschaft der Region bemerkbar. In der Vergangenheit habe es immer wieder Katastrophen gegeben, die sich negativ auf den Tourismus auswirkten. Das Attentat auf die Twin Towers von New York 2011, die globale Finanzkrise – all das habe der Reiselust der Menschen langfristig nicht geschadet. Warum also sollte es diesmal wegen der Coronavirus-Pandemie anders sein? Also bitte keine Experimente. Fernandes will weiter auf Tourismus für die Region Algarve setzen.

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