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Töpfern - Der neueste Hipster-Hype | BR24

© Ingo Schulz/dpa/imageBROKER

Töpferer bei der Arbeit.

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    Töpfern - Der neueste Hipster-Hype

    Nachhaltig und kontemplativ: Nach "hygge" und Yoga, gibt es einen neuen Trend, der sich immer mehr zum Boom entwickelt: Töpfern. Sogar Promis wie Brad Pitt und Leonardo DiCaprio begeistern sich gerade für Ton auf Drehscheiben.

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    Wenn Igor morgens seinen Kaffee genießt, dann tut er das nicht in irgendeiner Tasse. Nein - seine Tasse ist selbst getöpfert - und das fühlt sich gut an.

    "Mein Job ist sehr digital, ich kümmere mich um Social Media in einem Unternehmen, ich mach aber auch selber als Blogger sehr viel online, das heißt mir fehlt so ein bisschen das haptische Gefühl, das mit den Händen etwas machen", erzählt Igor Josifovic.

    "Der Ton sagt meinen Händen, was aus ihm werden soll"

    Die Sehnsucht danach stillt er mit Töpferei und einer Unmenge an Pflanzen. Und postet darüber. Igors Urban Jungle Blog - einer Plattform für Pflanzenliebhaber - folgen weltweit mehr als 900.000 Menschen. Wenn er dazu noch seine eigene Keramik ins Netz stellt, kommt das besonders gut an. Auch weil er poetische Worte dafür findet. "Der Ton wird meinen Händen sagen, was aus ihm werden soll und das ist dann so eine Art Achtsamkeit dem Material gegenüber in meinen Händen", beschreibt Igor Josifovic den Prozess.

    Wo sich der Ton dann hinbewegt, eher zu einer Tassen-, oder Schalenform, das versucht Igor zu erspüren. Das brauche seine volle Konzentration. In diesem Moment, störe kein anderer Gedanke seine Töpferarbeit: "Und das ist so ein Luxus heutzutage, wo wir ständig 5.000 Dinge gleichzeitig im Kopf haben und konstant unser Telefon checken“.

    Auch Promis haben Töpfern für sich entdeckt

    Nicht umsonst wird Töpfern als das neue Yoga bezeichnet. Brad Pitt hat vor kurzem ausgeplaudert, dass ein Männerabend mit Leonardo DiCaprio schon mal an seiner Drehscheibe endet. Und nicht nur Hollywood steht auf "Pottery“. In München herrscht derzeit ein richtiger Boom bei Töpfer-Anfängerkursen. "Als ich angefangen habe zu töpfern vor 15 Jahren, da lag die Werkstatt brach, da kamen zwei Schüler im Monat", sagt Keramikerin Karla Ederer. "Jetzt ist es mir zu viel geworden. Ich hätte 20 Stunden in der Woche Kurse geben können. Das ist ein Wahnsinnsrun auf die Keramik.“

    Zwischen 25 und 35 Jahre alt sei der Großteil der Anfänger in den Kursen, auch ein Drittel Männer sind dabei. 80 Prozent allerdings hören nach dem ersten Wochenende wieder auf, es ist halt doch schwieriger als gedacht. "Die kommen um sieben in die Werkstatt nachdem sie den ganzen Tag gearbeitet haben", erzählt Ederer. "Aber Töpfern an der Scheibe erfordert Konzentration, das ist nicht nur Entspannung. Da haben viele gesagt, das schaffen sie nicht.“

    Ausgleich zur "Kopfarbeit"

    Dass Töpfern nach Kochen, Gärtnern und Stricken, jetzt ebenfalls zum Hype wurde, erklärt sie sich so: "Die jungen Leute wollen nicht nur irgendwas konsumieren, sondern sie wollen wirklich was selber gestalten. Etwas entgegensetzen zur Kopfarbeit und eine Selbstverwirklichung mit einem Material - das braucht glaub' ich jeder Mensch, der nur Kopfarbeit macht.“

    Töpfer haben mittlerweile sogar Kultstatus - wie Eric Landon, ein Amerikaner mit einer Million Follower, der Workshops in der ganzen Welt anbietet - was auch daran liegen könnte, dass er seine Vasen gerne neben seinem nackten Oberkörper in Szene setzt.

    Töpfern ist langer Prozess

    Marcel Karcher postet lieber Fotos von Tassen und Kännchen in erdigen Tönen. Seine Leidenschaft für Tee und die dazugehörige Keramik hat ihn zum Töpfern gebracht. "Das ist einfach ein anderes Gefühl, wenn man etwas selber gemacht hat, das ist so, wie wenn man sich selbst etwas kocht. Dann freut man sich viel mehr auf das Essen und es ist genauso bei der Keramik", sagt Karcher. "Man merkt einfach, dass es irgendwie ein Einzelstück ist, dass es vielleicht auch Macken hat.“

    Online einkaufen würde der 29-Jährige eine Matcha-Schale jedoch nicht. Marcel fühlt ehrfürchtig die Rillen an seinen handgefertigten Einzelstücken. Wenn er eine Teetasse zum Mund führt, vergleicht er es mit einem Kuss. Sein Highlight aber: die Überraschung, wenn seine Werke aus dem Ofen kommen. "Es kann sein, dass die sich im Ofen ein bisschen verbiegen, die Glasuren können anders sein als erwartet. Man merkt, das ist ein Prozess, der dauert 2, 3 Monate bis man vielleicht ein Stück am Ende ganz fertig in der Hand hat.“

    Junge Anfänger bleiben oft nicht lange dabei

    Der Mathematiker hat sich in der Teeszene mit seinen Instagram-Accounts @marcel_karcher und @tea.log innerhalb kürzester Zeit einen Namen gemacht, so dass er immer mehr Kaufanfragen für seine Einzelstücke erhält und deswegen überlegt, mehr aus seinem Hobby zu machen.

    Die wenigsten Hobbytöpfer bleiben jedoch dauerhaft bei der Sache. Karla Ederer hat trotz des momentanen Keramikbooms aufgehört, junge Anfänger zu unterrichten und ist auf Senioren umgesattelt, die sie ehrenamtlich in einem Münchner Alten-und Servicezentrum anleitet. "Die Hipster, die wollen immer nur ein Wochenende einen Kurs machen und dann ist es Zack, fertig. Und bei den Senioren erwarte ich, dass man dranbleibt. Das ist entspannter.“

    Und wer weiß - vielleicht ist der nächste Trend dann Fliegenfischen, Leder gerben oder Messer schmieden.