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Tönnies wegen Corona dicht: Bayerns Bauern besorgt

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Tönnies wegen Corona dicht: Bayerns Bauern besorgt

Das Fleischwerk Tönnies hat seinen Stammsitz weit weg von Bayern. Aber der Fleischmarkt ist eng verflochten: Die Schließung hat bereits Auswirkungen auf bayerische Landwirte und Schlachthöfe - und vielleicht bald auch auf bayerische Verbraucher.

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Die Schließung des Fleischwerks Tönnies bringt das Gleichgewicht des Fleischmarkts durcheinander: Die Betriebe sind eng verflochten und der Warenfluss ist jetzt schon beeinträchtigt. Obwohl der Stammsitz der Tönnies-Werke in Nordrhein-Westfalen liegt, spüren bereits jetzt bayerische Landwirte und Schlachthöfe die Folgen der Schließung - bald könnten auch die bayerischen Verbraucher betroffen sein. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wird das Fleisch jetzt knapp?

Tönnies beliefert unter anderem Discounter wie Lidl und Aldi-Süd. Beide teilen auf Nachfrage des BR mit, dass sie nicht davon ausgehen, dass es zu Fleischengpässen kommen wird. Lidl schreibt etwa: "Bislang hat die Situation bei Tönnies keine Auswirkungen auf unser Fleischangebot. Um die Warenverfügbarkeit jedoch weiterhin zu sichern, bezieht Lidl vorsorglich sein Fleisch seit gestern temporär ausschließlich über andere Fleischlieferanten in seinem Lieferantennetzwerk."

Wird Frischfleisch jetzt teurer?

Ob die Preise für Frischfleisch nun steigen, darauf können die Marktexperten des Bayerischen Bauernverbandes keine Antwort geben. Die Situation sei noch sehr unübersichtlich. Fakt ist: Aktuell wird weniger Fleisch produziert. Bleibt die Nachfrage aber konstant, dann wäre ein normaler Marktmechanismus, dass der Preis steigt.

Die Discounter Aldi und Lidl äußern sich zur Preisfrage eher schmallippig. Aldi antwortet: "Ob und wie sich die aktuelle Situation des Lieferanten auf die Verkaufspreise von Fleischartikeln auswirken wird, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Der Verkaufspreis setzt sich aus Angebot und Nachfrage auf dem Markt zusammen."

Was bedeutet die Tönnies-Schließung für die bayerischen Landwirte?

Schon jetzt herrscht bei einigen landwirtschaftlichen Erzeugergemeinschaften Alarmstimmung. Zum Beispiel bei der "Erzeugergemeinschaft für Schlachtvieh Oberpfalz" (ESO). Rund 2.000 Mitgliedsbetriebe haben sich ihr angeschlossen. Nach eigenen Angaben vermarktet sie jedes Jahr rund 22.000 Rinder und rund 140.000 Mastschweine. Der Geschäftsführer Heinrich Promberger ist bereits seit dem Wochenende im Krisenmodus. Seine Befürchtung: "Es wird in den nächsten Tagen richtig eng werden auf dem Schweine-Markt."

Erstes Beispiel: Muttersauen, die ausgemustert werden. Diese werden in Bayern nirgends geschlachtet – daher liefert die Erzeugergemeinschaft einmal die Woche rund 50 Stück nach Norddeutschland. Ob das diese Woche überhaupt gehen würde, war lange unklar. Jetzt weiß ESO-Geschäftsführer Promberger: Die bereits vergangene Woche vereinbarte Anzahl an Tieren darf er liefern – aber keines mehr. Und nächste Woche? "Schau mer mal."

Welche Auswirkungen spüren die bayerischen Schlachtbetriebe?

Auch in Bayern sind die Kapazitäten bei den Schlachthöfen schon weniger geworden. Denn die Firma Tönnies hat auch Standorte im oberfränkischen Bamberg und im Allgäu in Kempten – in Kempten wird aktuell nicht mehr geschlachtet. Aber nicht, weil auch dort Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden wären: Es liegt daran, dass es aktuell eine Art Fleischstau gibt.

In der Allgäuer Niederlassung werden die Tiere in der Regel nur geschlachtet. Danach werden die Schlachtkörper in andere Tönnies-Standorte gebracht, zum Beispiel ins jetzt geschlossene Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück. Erst dort werden sie zerlegt und weiterverarbeitet. Diese Produktionskette ist jetzt unterbrochen. Ein Sprecher von Tönnies sagte dem BR, dass in Kempten erst kommende Woche wieder geschlachtet werden soll. Vorher müssten erst die bereits geschlachteten Tiere vor Ort zerlegt werden.

Wohin mit den Tieren?

Die bayerischen Landwirte, die die Tönnies-Schlachthöfe beliefern, müssen entweder versuchen, einen anderen Schlachthof zu beliefern oder sie bleiben auf ihren Tieren sitzen. Den Tönnies-Schlachthof in Kempten beliefert zum Beispiel die Erzeugergemeinschaft für Schlachtvieh Allgäu. Für Geschäftsführer Berthold Kirchmaier ist der Schlachtstopp aktuell noch kein Problem. Anfang der Woche hatte er noch die Hoffnung, dass ab Mittwoch wieder geschlachtet wird. Jetzt ist klar: Das klappt nicht. Vorerst werden die Tiere vom Schlachthof in Buchloe abgenommen oder bleiben in den Ställen.

Erst der Anfang der Probleme?

Für Heinrich Promberger von der Erzeugergemeinschaft Oberpfalz stellt sich die Frage: Ist das erst der Anfang der Probleme für die Landwirte in Bayern? Im Prinzip sind die Schweinezucht und die Mast ein Just-in-Time Geschäft. Verlassen Tiere den Stall Richtung Schlachtung, kommen vom Züchter sofort junge Tiere nach für die Mast. Auch beim Züchter, auf dessen Betrieb der Nachwuchs an Mastschweinen geboren wird, sind die Termine auf Monate durchgeplant. Ein durchgetaktetes Produktionssystem, das nicht so ohne Weiteres gestoppt werden kann. Heinrich Promberger befürchtet, wegen der Schließung von Tönnies drohen deutschlandweit Überkapazitäten bei den Tieren und Unterkapazitäten bei den Schlachthöfen.

Folgen für die Landwirte

Die Konsequenzen für die Landwirte wären, dass sie ihre Tiere in den Ställen lassen müssten. Das klingt erst mal nicht besonders tragisch, ist es aber. Vor allem in finanzieller Hinsicht. Denn die Tiere müssten weiter versorgt werden – das kostet Geld. Dazu kommt: Die Tiere werden dann zu fett und das führt zu Preisabschlägen.

Zwar ist der Preis für Schlachtschweine wegen der Coronakrise seit März deutlich gefallen. Aber zu dieser Zeit befand er sich auf einem Rekordhoch, sodass der aktuelle Preis noch deutlich über dem des Krisenjahres 2018 liegt.

Folgen für die Tiere: Platznot

Für die Tiere könnte es eng werden in den Ställen. In Norddeutschland und vielleicht auch in Bayern. Wenn Tiere nicht geschlachtet werden können hat entweder der Mäster oder der Züchter ein Problem. Vor allem aber die Tiere. Sie haben einen gesetzlichen Anspruch auf ausreichend Platz im Stall – das sind 0,75 Quadratmeter pro Tier. Der könnte dann nicht mehr gewährleistet werden. Eine Lösung gibt es im Moment nicht. Der Bayerische Bauernverband ist nach eigener Aussage aber mit allen Beteiligten im Austausch, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein.

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