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Tod durch Hunger statt Corona - wie die Pandemie Hilfe behindert | BR24

© Janina Lückoff/BR

Die Corona-Pandemie hat v.a. in Entwicklungsländern nicht absehbare Konsequenzen. Vielerorts kommen keine Hilfsgüter mehr an, auch die Medikamentenversorgung ist eingeschränkt. Hilfsorganisationen wie die Caritas schlagen Alarm.

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Tod durch Hunger statt Corona - wie die Pandemie Hilfe behindert

Die Corona-Pandemie hat vor allem in Entwicklungsländern nicht absehbare Konsequenzen. Vielerorts kommen keine Hilfsgüter mehr an, auch die Medikamentenversorgung ist eingeschränkt. Hilfsorganisationen wie die Caritas schlagen Alarm.

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Die Corona-Pandemie hat schwere Auswirkungen auf den weltweiten Kampf gegen Hunger. Hilfsgüter kommen nicht mehr an, Spenden drohen zu versiegen. Auch die Medikamentenversorgung ist eingeschränkt. Hilfsorganisationen wie Caritas, Ärzte ohne Grenzen und Save the Children schlagen Alarm.

Armut wieder wie vor drei Jahren

Im Jahr 2015 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen die „Agenda für nachhaltige Entwicklung“ verabschiedet. Oberstes Ziel: Armut und Hunger bis zum Jahr 2030 auszumerzen. Die Corona-Pandemie macht diesem Ziel einen Strich durch die Rechnung.

Vor gut einer Woche meldet UN-Generalsekretär Antonio Guterres: Erstmals seit 1998 sei die weltweite Armut wieder gestiegen, nahezu auf das Niveau von 2017. Drei Jahre Erfolg in der Armutsbekämpfung sind also hinfällig, und schlimmer noch: 71 Millionen weitere Menschen werden wegen der Pandemie in extreme Armut geraten, schätzen die Vereinten Nationen, vor allem in Südasien und in Afrika.

Mehr Menschen sterben an Hunger als an Corona

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagte jüngst im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk, schon jetzt stürben in Afrika mehr Menschen an Hunger als an Corona.

"Der Lockdown in Afrika, auch in Indien oder in Lateinamerika führt dazu, dass eine Hungerkrise ausgebrochen ist. Die Transportwege funktionieren nicht mehr. Nicht einmal die Hilfsgüter von außen, vom Welternährungsprogramm, kommen zu den Menschen." Gerd Müller, Bundesentwicklungsminister

"Pandemie des Hungers"

Auch Oliver Müller, Leiter von Caritas International, erzählt von den Schwierigkeiten, die es vor Ort gibt. Selbst wenn Versorgungsgüter - trotz der logistischen Schwierigkeiten - zu den Bedürftigen geliefert werden könnten, seien vielerorts die Lebensmittelverteilungen eingeschränkt. Auch er befürchtet, dass viele Menschen nicht an Corona, sondern an Hunger oder wegen der Nicht-Behandlung von Krankheiten sterben werden. "Ich denke, es ist leider wirklich gerechtfertigt, von einer Pandemie des Hungers zu sprechen", sagt Oliver Müller.

Keine Medikamente, keine Impfungen

Neben der Verteilung von Lebensmitteln ist auch die medizinische Versorgung eingeschränkt. Entwicklungsminister Müller warnt, dass etwa die Bekämpfung von Malaria nicht mehr effektiv möglich ist. Jedes Jahr kämen rund 400.000 Menschen durch Malaria ums Leben, sagt der CSU-Politiker. "Wir befürchten, dass sich die Zahl dieses Jahr verdoppelt."

Elisabeth Massute, Referentin für die Medikamentenkampagne bei "Ärzte ohne Grenzen", verweist darauf, dass im Kampf gegen Malaria nicht nur die Medikamente fehlten. Auch dringend benötigte Moskitonetze für den Schutz gegen die Krankheitsübertragung kämen nicht ans Ziel. "Und die Malariazeit beginnt in vielen Ländern erst."

Medikamente an den Meistbietenden

Massute nennt ein weiteres Problem: Weltweit würden wegen Covid19 weniger Impfkampagnen gegen Masern, Polio und andere Krankheiten durchgeführt. Es sei nicht absehbar, wie langfristig die Auswirkungen sein werden.

Zahlreiche Medikamente seien nicht verfügbar, weil Hersteller auf ihrem Patent beharrten und Arzneien nur meistbietend verkauften. "Der Rest der Welt hat dann keinen Zugang zu diesem Medikament – das ist kein Ansatz globaler Solidarität", beklagt die Referentin von "Ärzte ohne Grenzen".

Bildungsnotstand durch die Pandemie

Alarm schlägt auch die Organisation "Save the Children": Sie warnt vor einem globalen Bildungsnotstand durch die Corona-Pandemie. Bis Jahresende könnten fast zehn Millionen Kinder für immer vom Unterricht ausgeschlossen sein. Vor allem Mädchen seien betroffen, die wegen der coronabedingten Schulschließungen und der wirtschaftlichen Probleme ihrer Familien in Kinderarbeit und Früh-Ehen gezwungen würden.

Lebensmittel, Medikamente, Bildung – all das fehlt vielerorts durch die Corona-Pandemie – und trifft vor allem jene, die schon vorher auf Hilfe angewiesen waren.

Eine Welt ohne Hunger ist möglich?

Die Bundesregierung hat ein Corona-Sofortprogramm in Höhe von drei Milliarden Euro aufgelegt - Entwicklungsminister Müller mahnt die anderen Länder Europas, dem Beispiel zu folgen.

"Eine Welt ohne Hunger ist möglich“, wiederholt Müller mantraartig. Doch die Welt ist von diesem Ziel - auch und vor allem wegen der Corona-Pandemie - derzeit weit entfernt.

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