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Tipps vom Experten: Wie kommen wir aus dem Lockdown-Trott? | BR24

© BR/Sylvia Bentele

Eine junge Frau sitzt alleine in ihrer Wohnung und sieht auf ihr Smartphone

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    Tipps vom Experten: Wie kommen wir aus dem Lockdown-Trott?

    Lockdown-Verlängerung folgt auf Verlängerung, viele Menschen hängen deshalb durch. Sie fühlen sich einsam, unmotiviert, gelangweilt. Wie finden sie wieder eine Perspektive? Oft ist das nur eine Frage des Blickwinkels, sagt Psychologe Frank Padberg.

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    Von
    • Maren Breitling

    Langeweile, Frust, Antriebslosigkeit oder gar Depression - viele Menschen leiden unter dem anhaltenden Lockdown. Der Oberarzt der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie am LMU Klinikum München, Frank Padberg, erklärt im Interview mit BR 24, wie wir den Silberstreif am Horizont sehen können:

    BR24: Warum empfinden viele Menschen das Entlanghangeln von einer Verlängerung des Lockdowns zur nächsten so zermürbend?

    Frank Padberg: Menschen sind eigentlich gut im Stress bewältigen. Wenn an einem Tag richtig viel los ist, können wir am Abend damit abschließen. Das Stresssystem des Menschen ist aber nicht auf Dauerbelastung ausgelegt. Aktuell gibt es Faktoren, die Stress auslösen. Die Belastung ist gestiegen: Sorgen ums Geld, Kinder die ganze Zeit zu Hause, das Risiko steigt, zu erkranken. Diese Sorgen sind ständig da und die Corona-Pandemie dauert schon so lange. Die Zahlen gehen zwar runter, es ist aber eine Bedrohung im Raum, die Mutanten zum Beispiel oder die Probleme mit den Impfungen.

    BR24: Was gibt Menschen Halt und eine Perspektive?

    Frank Padberg: Aus der Einsamkeitsforschung wissen wir: Die Beziehungsqualität spielt eine große Rolle. Wenige Beziehungen, die aber intensiv sind, also einfach eine gute Freundschaft – das sollte man suchen in so einer Situation. Das hilft gegen das Gefühl der Einsamkeit.

    Eine Struktur im Alltag hilft. Das ist super entscheidend. Die Strukturen von außen fallen weg, der Stundenplan, die Tagesstruktur fällt weg, weil wir im Homeoffice arbeiten. Das macht was mit uns. Deswegen ist es wichtig, Rituale einzuführen, Pausen zu machen, trotzdem rauszugehen. Eine geregelte Struktur ist wichtig.

    BR24: Und was ist mit der Freizeit?

    Frank Padberg: Wir müssen Tätigkeiten suchen, die uns erfüllen. Das kennt wahrscheinlich jeder: Wer ein fesselndes Buch liest oder einer handwerklichen Tätigkeit nachgeht, denkt nicht darüber nach, ob er oder sie alleine ist. Das kann uns von dem Gefühl der Einsamkeit wegbringen.

    BR24: Wie können Menschen eine Perspektive entwickeln?

    Frank Padberg: Es ist ja nicht so, dass es keine Perspektive gibt. Wir können zwar den Jahresurlaub nicht wie gewohnt planen oder einen Urlaub im Ausland, aber wir können uns trotzdem Perspektiven schaffen. Was könnte mir stattdessen gut tun? Was macht mir Spaß?

    Hier sind die Möglichkeiten durch den Lockdown aber begrenzt. Manchmal geht uns die Puste für Kreativität aus, um für uns etwas Schönes zu finden. Unser Blick hängt an Nachrichten und wir ärgern uns über Dinge, die nicht klappen. Stattdessen sollten wir den Blick auf Dinge lenken, die wir schon haben, und wir sollten auch mit anderen über die guten Dinge sprechen.

    BR24: Können Sie ein Beispiel für die guten Dinge nennen?

    Frank Padberg: Man fängt etwas an, das man schon lange geplant hatte, vielleicht etwas Handwerkliches. Man kann alles beim Baumarkt online bestellen und es gibt bei YouTube viele Anleitungen. Oder man plant einen Besuch bei einem guten Freund im Februar. Wir müssen die Möglichkeiten sehen. Wir können auch jetzt in der Pandemie mit Freunden gemeinsam etwas tun. Ich gehe mit einem Freund am Wochenende joggen und wir haben festgestellt, dass wir noch nie so konstant dran geblieben sind wie diesen Winter. Das ist wie ein Kippbild – wir müssen auch die anderen, die guten Seiten sehen.

    BR24: Müssen wir mehr über die guten Dinge und die Bewältigung sprechen?

    Frank Padberg: Ja, die Medien müssen viel mehr Informationen vermitteln. Menschen sollten kleine Hilfen an die Hand bekommen und da geht es schon um die Grundlagen: Wie kann ich einen regelmäßigen Schlafrhythmus entwickeln? Wie kann ich mein Immunsystem zum Infektionsschutz stärken? Wie komme ich gut durch eine Isolation? Es zeigt sich auch, dass das viele Menschen schon von sich ausmachen. Sie fangen an, sich anders zu ernähren. Sie ändern ihr Einkaufsverhalten und leben nachhaltiger.

    BR24: Wie schätzen Sie die Kommunikation der Politiker ein?

    Frank Padberg: Seitens der Politik ist es auch nicht einfach, alles richtig zu machen. Wenn zum Beispiel gesagt wird: "Es könnte ganz schlimm werden, mit den Mutanten." Muss man die Entscheidungen immer so detailliert erklären? Das Problem dahinter ist, dass es um Sachen geht, die alarmieren. Zum Beispiel die Mutanten des Coronavirus. Viele Menschen können die Dinge, die sie hören aber nicht bewerten und einordnen. Ihnen fehlen Information über diese Dinge. Das führt zu Unsicherheit.

    BR24: Aber den Menschen Informationen nicht zu geben, ist auch keine Lösung.

    Frank Padberg: Ich denke da ganz einfach: Habt Vertrauen. Und wir müssen nicht jede Neuigkeit mitbekommen. Und eines ist noch wichtig und das ist fast etwas Banales: Der Lockdown jetzt im Winter hat nochmal eine andere Qualität. Aber der Winter geht bald vorüber und den Frühling kann uns Covid nicht nehmen.

    BR24: Das waren jetzt alles Tipps für Erwachsene. Was ist mit Kindern und Jugendlichen?

    Frank Padberg: Das Thema ist für mich schon sehr zentral: Für Kinder und Jugendlichen wird einfach zu wenig getan. Sie sind quasi stille Teilnehmer und haben Not, die sich nicht zeigt. Sie sind eine große Gruppe von Leittragenden, die keine Stimme haben. Ich sehe das bei den Familien meiner Patienten.

    Es geht bei der Schule darum, Geschwindigkeit herauszunehmen und genau zu gucken, wo das Problem liegt. Digitaler Unterricht funktioniert nicht und das ist kein Wunder. Lehrer sind oft selbst Eltern, dann verstehen alle sofort, dass das mit dem digitalen Unterricht nicht klappt. Die Schere bei der Schulleistung wird weiter auseinandergehen. Das wird sich aber erst zeigen, wenn die Pandemie vorbei ist. Die Schüler und Schülerinnen kommen weiter, die diszipliniert sind und die jeden Tag am Tisch sitzen und ihre Hausaufgaben machen. Aber andere Kindern bleiben auf der Strecke. Die Gesellschaft müsste noch mehr tun. Es müsste noch mehr auf die Belastung von Kindern und Jugendlichen geachtet werden und Unterstützungsmöglichkeit angeboten werden.

    BR24: Wie erkenne ich bei den Menschen um mich, wenn die Stimmung zu einer Depression kippt? Was sind Warnsignale?

    Frank Padberg: Jeder kennt das, wenn er eine Nacht nicht gut schlafen kann oder, dass man traurig ist oder Ängste hat. Das sind normale Gefühle. Wenn solche Gefühle aber vorherrschen, also über zwei Wochen oder länger anhalten und nicht mehr weggehen. Oder wenn Sorgen den Alltag einschränken, weil man die ganze Zeit grübeln muss und vor lauter Sorgen nicht mehr anderen Dingen nachgehen kann, dann müssen sich Betroffene Hilfe suchen.

    BR24: Wo kann ich Hilfe finden?

    Frank Padberg: Es gibt Krisendienste, die jeder anrufen kann und viele psychiatrische Kliniken haben Ambulanzen, die 24 Stunden offen haben. Hilfe von Freunden und Familie durch Gespräche und das füreinander da sein ist aber auch wertvoll. Das gilt auch umgekehrt: Familienangehörigen und Freunden fällt ja häufig beim anderen etwas auf. Dann ist es wichtig, ihn anzusprechen und zu fragen: Wie geht es dir denn mit der Situation? Du hast dich nicht mehr gemeldet. Und professionelle Hilfe ergänzt das.

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