Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Tierwohl interessiert Verbraucher nur theoretisch | BR24

© dpa-Bildfunk/Cornelia Benne

Schweine im Stall

Per Mail sharen

    Tierwohl interessiert Verbraucher nur theoretisch

    Tierwohl ist der Kundschaft wichtig – so das Ergebnis zahlreicher Umfragen. Doch im Kaufverhalten schlägt sich diese Einstellung nicht unbedingt nieder. Doch was ist das überhaupt: Tierwohl? Wie lässt es sich messen? Und wie umsetzen?

    Per Mail sharen

    Wenn Kunden gefragt werden, ob ihnen das Wohl der Tiere am Herzen liegt, dann antworten die meisten mit "Ja". Wenn es aber darum geht, Geld auszugeben für Produkte, die das Tierwohl berücksichtigen – dann schwindet die Begeisterung der Kundschaft.

    Verbraucher nehmen Tierwohl-Produkte nicht wirklich an

    Das hat eine aktuelle Studie der Hochschule Osnabrück ergeben. Nur 16 Prozent der erfassten Kunden waren überhaupt bereit, Fleisch mit einem Tierwohlsiegel zu kaufen anstatt konventionell erzeugter Ware. Und diejenigen, die bei Tierwohl-Artikel zugriffen, wollten höchstens 13 Prozent mehr dafür bezahlen.

    Das Ergebnis hat selbst Professor Ulrich Enneking von der Hochschule Osnabrück, der die Studie konzipiert hat, überrascht. "Bisherige Umfragen haben ergeben, dass viele Verbraucher grundsätzlich bereit sind, deutlich mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn es nach höheren Tierwohl-Standards produziert wurde. Wir wissen jetzt, dass die beobachtete Realität beim tatsächlichen Kaufverhalten differenzierter und komplexer ist."

    Was heißt überhaupt "Tierwohl"?

    Eine genaue Definition für "Tierwohl" gibt es nicht – Anhaltspunkte dafür lassen sich aber schon finden. Wissenschaftler haben diese Kriterien in einem Leitfaden zusammengefasst, damit zum Beispiel Landwirte besser beurteilen können, ob sich Rinder, Schweine und Geflügel wohlfühlen. Im Interesse der Tiere und der Landwirte. Denn Tiere, denen es gut geht, werden seltener krank und entwickeln sich besser. Voraussetzung fürs Tierwohl ist es zunächst, die natürlichen Bedürfnisse der Nutztiere zu befriedigen – also genug Wasser und Futter, ausreichend Platz. Doch damit allein ist es nicht getan.

    Beispiel Rinder

    Damit Kühe sich wohlfühlen, brauchen sie ein gutes Stallklima. Hochleistungsmilchkühe mögen es kühl im Stall. Weht dort im Sommer kein Lüftchen, dann wird es schnell zu warm, zudem steigt die Konzentration der Schadgase im Stall. Geraten Kühe in Hitzestress, dann steigt ihre Atemfrequenz deutlich an: ein Zeichen, dass sie sich unwohl fühlen. Geht es der Kuh dagegen gut, dann liegt sie rund vierzehn Stunden am Tag, bei einer Atemfrequenz von 24 bis 36 mal pro Minute.

    Andererseits wollen sich Rinder von Natur aus bewegen – deshalb sollten sie auch die Möglichkeit dazu haben. Ein Argument, das gegen eine ganzjährige Anbindehaltung spricht. Befürworter dieser Haltungsform halten dagegen, dass angebundene Tiere nicht in Rangkämpfe verwickelt werden – und deshalb ihre Hörner behalten können. Denn in einem Laufstall können Hörner zu Verletzungen führen, weswegen schon die Kälber enthornt werden. Ob diese Prozedur mit dem Tierwohl vereinbar ist, ist freilich umstritten.

    Beispiel Schweine

    Wenn es Schweinen im Bestand schlecht geht, lässt sich das leicht erkennen: Die Tiere leiden unter Gelenkschäden, haben verletzte und verkrustete Schwänze oder Ohren, sind stark verkotet oder teilweise unterernährt. Die Ursachen: Platzmangel, harte und rutschige Böden, sozialer Stress. Intakte Ringelschwänze sind ein guter Indikator, dass sich Schweine im Stall wohlfühlen. In Modellbetrieben erforscht zum Beispiel das Bundeslandwirtschaftsministerium, wie sich das gegenseitige Schwanzbeißen verhindern lässt.

    Eine wichtige Voraussetzung: Den neugierigen Tieren darf nicht langweilig sein, sie brauchen Spielmaterial und gehäckseltes Stroh, an dem sie knabbern können. Der Landwirt Martin Stodal, der an dem Projekt beteiligt ist, beobachtet die Tiere genau.

    "Wenn der Schwanz nach oben wedelt, ist alles gut. Wenn er nach unten wedelt, wenn er eingezogen ist wie ein Hund, dann ist das kritisch". Martin Stodal, Landwirt

    Der Handel und seine Angebote

    Seit dem vergangenen Jahr geben verschiedene Supermärkte und Discounter an, wie die Tiere gehalten wurden, deren Frischfleisch sie anbieten. Im April werden noch mehr Händler den vierstufigen Haltungskompass einführen. Je mehr Tierwohl, desto mehr kostet die Ware.

    Stufe eins bedeutet konventionelle Stallhaltung und geht nicht über den gesetzlichen Mindeststandard hinaus. Bei Stufe zwei gibt es mehr Platz und Beschäftigungsangebote. Bei Stufe drei leben die Tiere auf Stroh statt auf Spaltenböden und haben Zugang zu einem Außenbereich. Die Premiumstufe vier erfüllt die Biostandards.

    Erste Praxiserfahrungen haben gezeigt: Die Nachfrage nach Stufe eins und zwei ist groß, Fleisch der Stufen drei und vier wird kaum angeboten beziehungsweise verkauft.

    Mehr zum Thema
    • Kein Bio: Kunden kaufen vor allem Fleisch aus Massentierhaltung
    • Wann sind Schweine glücklich?
    • Michaela Kaniber verteidigt geplantes Tierwohl-Label
    • Klöckner stellt Tierwohllabel vor
    Autor
    • Johanna Stadler
    Schlagwörter