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Tierschutz: Ferkelkastration ab 1.1. nur noch mit Betäubung | BR24

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Ferkelkastration ab 1.1. nur noch mit Betäubung

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    Tierschutz: Ferkelkastration ab 1.1. nur noch mit Betäubung

    Damit das Fleisch von männlichen Schweinen bei der Zubereitung nicht stinkt, werden Ferkel in den ersten Lebenstagen kastriert. Ab dem 1. Januar ist das aus Tierschutz-Gründen nur noch mit Betäubung erlaubt.

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    Von
    • Christine Schneider

    Ab dem 1. Januar dürfen in Deutschland Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. Eigentlich hätte diese gesetzliche Regelung schon vor zwei Jahren in Kraft treten sollen. Sie war längst überfällig aus Sicht von Tierschützern, aber aufgrund massiver Proteste von Seiten der Landwirtschaft war der Start verschoben worden.

    Warum Ferkel kastriert werden

    Das Fleisch ausgewachsener Eber kann aufgrund von Geschlechtshormonen beim Erhitzen einen unangenehmen Geruch entwickeln. Deshalb werden in Deutschland seit Jahrhunderten die meisten männlichen Ferkel chirurgisch kastriert, bisher fast immer ohne Betäubung. Lange wurde behauptet, dass die Tiere in den ersten Lebenstagen keinen Schmerz empfinden, das ist mittlerweile wissenschaftlich widerlegt.

    Das Skalpell darf nur noch mit Betäubung angesetzt werden

    Rund 5.000 Ferkel kommen im Stall von Landwirt Martin Walser in Theißing im Landkreis Eichstätt jedes Jahr zur Welt, die Hälfte ist männlich und wird in den ersten Lebenstagen kastriert. Alle zwei Wochen greifen der Landwirt und seine Frau zum Skalpell, um 100 kleinen Ebern die Hoden zu entfernen, bisher ohne Betäubung. Vor ein paar Monaten hat sich der konventionelle Ferkelerzeuger ein Narkosegerät gekauft, das nun ab 1. Januar regelmäßig zum Einsatz kommen wird.

    Gute Erfahrungen in der Schweiz

    Im Sommer war Martin Walser mit Berufskollegen auf einer Lehrfahrt in der Schweiz und hat dort einen Betrieb besucht, der die Ferkelkastration mit Inhalationsnarkose schon lange praktiziert. "Das hat mir gut gefallen, das lief alles völlig stressfrei ab." In der Schweiz ist die betäubungslose Kastration seit 2010 verboten. Zuhause kaufte sich der Landwirt dann sofort ein Narkosegerät eines Schweizer Herstellers, für rund 11.000 Euro. 5.000 Euro bekam er vom Staat als Zuschuss.

    Landwirte dürfen nur mit Schulung narkotisieren

    Voraussetzung dafür, dass Landwirte das Narkosegerät benutzen dürfen, ist eine Schulung mit anschließender schriftlicher und praktischer Prüfung. Martin Walser hat alles erfolgreich absolviert, in zwei Wochen wird er das Gerät das erste Mal einsetzen. Das Narkosegas Isofluran bezieht er von seinem Hoftierarzt.

    Höherer Aufwand, höhere Kosten

    Ferkel kastrieren ist eine Arbeit von wenigen Sekunden. Schon seit einigen Jahren bekommen die Tiere mindestens 20 Minuten vor dem Schnitt mit dem Skalpell eine Spritze mit dem Wirkstoff Metacam, gegen den Schmerz nach der Operation. Dabei bleibt es, trotz Vollnarkose. Zur Betäubung werden die Ferkel mit dem Rüssel in einen Trichter geschoben, dort atmen sie das Narkosegas ein. Wenn die Apparatur nach 70 Sekunden grün aufleuchtet, kann mit dem Kastrieren begonnen werden. Das bedeutet für den Landwirt einen zeitlichen Mehraufwand und auch höhere Kosten. Martin Walser sieht das allerdings pragmatisch: "Ich habe mir das noch gar nicht ausgerechnet, was das pro Ferkel kostet. Aber das ist kein Thema, es ist jetzt Gesetz und es sorgt unbestritten für mehr Tierwohl."

    Betäubung hat Vorteile

    Martin Walser sieht durch die Betäubung bei der Ferkelkastration durchaus Vorteile. "Bisher hat sich meine Frau zum Kastrieren die Ferkel immer zwischen die Knie geklemmt, alles hat zwar schnell und reibungslos funktioniert, aber natürlich haben die Tiere gezappelt und geschrien." Jetzt steht das Narkosegerät auf einem Arbeitstisch, vier Ferkel können gleichzeitig eingespannt werden. Die Vollnarkose nutzen der Landwirt und seine Frau auch, um die Tiere gleich mit Ohrmarken zu versehen und ihnen eine Eisenspritze zu geben.

    Manipulationen sind ausgeschlossen

    Kaum waren die Narkosegeräte von verschiedenen Herstellern auf dem Markt, wurde schon darüber diskutiert, ob die Landwirte bei der Ferkelkastration manipulieren könnten. Also die Geräte zwar kaufen, aber nicht benutzen. Schließlich steht beim Kastrieren kein Kontrolleur daneben. Doch in die Geräte sind Zähler eingebaut, die bei staatlichen Kontrollen ausgelesen werden können. Datum und Uhrzeit werden registriert. Erst wenn ein Ferkel 70 Sekunden lang mit dem Rüssel die Öffnung des Gasventils berührt, klickt der Zähler. Martin Walser: "Man könnte zwar theoretisch auch mit dem Schraubenzieher 70 Sekunden lang auf diese Öffnung drücken, aber wozu? Das spart weder Zeit noch Gas."

    Ist Narkosegas Isofluran für Menschen gefährlich?

    Im Vorfeld der gesetzlichen Neuregelungen gab es jahrelange Diskussionen über die Gefährlichkeit des Narkosegases Isofluran für den Landwirt. Was, wenn die Masken für die Ferkel undicht sind, Gas entweicht und der Landwirt das Gas einatmet? In Deutschland gibt es keinen "Arbeitsplatz-Grenzwert" für Isofluran. Deshalb wurde der weltweit niedrigste Wert, 15 mg / m³ genommen.

    Bei den fünf von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) zertifizierten Geräten wird dieser Grenzwert eingehalten. Auch Landwirt Martin Walser hat dieses Thema beschäftigt: "Das betäubte Ferkel atmet ja 98 Prozent des Narkosegases wieder aus. Aber das Gerät hat einen Aktivkohlefilter, der das Gas auffängt. Insofern fühle ich mich sicher."

    Außerdem hat Martin Walser in seinem Stall eine sogenannte Unterflur-Absaugung. Isofluran ist schwerer als Luft, sollte also tatsächlich Gas entweichen, würde es nach unten abgesaugt und ins Freie gelangen.

    Betäubung mit Ketamin-Spritze

    Ein Großteil der Landwirte hat sich dafür entschieden, die männlichen Ferkel ab 1. Januar beim Kastrieren mit der Inhalationsnarkose zu betäuben, vor allem weil das die Bauern selbst praktizieren dürfen. Eine andere Möglichkeit ist die Injektionsnarkose mit dem Wirkstoff Ketamin. Diese Spritze muss aber ein Tierarzt setzen. Für Martin Walser kommt das nicht in Frage: "Das ist zu aufwendig und zu teuer." Außerdem dauert bei der Ketamin-Spritze die Aufwachphase der Ferkel bis zu vier Stunden. Nach Ansicht vieler Landwirte eine viel zu lange Zeit, in der die Ferkel auskühlen und nicht an der Mutter säugen können. Bei der Isofluran-Narkose sind die Tiere nach weniger Minuten wieder munter.

    Ohne chrirurgischen Eingriff: Immunokastration

    Eine Alternative zur Kastration mit Skalpell ist die Eberimpfung oder Immuno-Kastration. Aus Sicht von Tierschützern ist das die beste Methode, denn es gibt keinen chirurgischen Eingriff. Den Ferkeln werden nicht die Hoden herausgeschnitten, sondern die Tiere bekommen im Laufe ihres Lebens zweimal eine Spritze mit dem Wirkstoff Improvac. Die erste Impfung im Alter von circa zehn bis zwölf Wochen, die zweite vier bis sechs Wochen vor der Schlachtung.

    Eber entwickeln keine Geschlechtshormone

    Der Impfstoff, ein synthetisches Eiweiß, bewirkt, dass der Körper Antikörper bildet. Diese Antikörper verhindern, dass Geschlechtshormone gebildet werden. Der Eber wird zum Kastraten, der unangenehme Ebergeruch unterbleibt.

    Martin Walser ist von dieser Methode allerdings nicht überzeugt. Er befürchtet sogenannte Impfversager, also Tiere, deren Fleisch dann trotz Impfung stinkt oder die aus Versehen nicht zweimal geimpft wurden. Außerdem sei die Vermarktung dieser Eber schwierig. Denn trotz aller wissenschaftlichen Gegenstimmen wird immer wieder behauptet, Improvac sei ein Hormon und "Hormonfleisch“ würden die Verbraucher ablehnen.

    Immunokastration wird weltweit praktiziert

    Die Eberimpfung ist in 60 Ländern zugelassen und gilt als zuverlässig. Sie hat sogar den Vorteil, dass die Tiere bei der Mast mehr Fleisch ansetzen, weil sie das Futter besser verwerten. In Deutschland haben in den letzten Jahren schon einige Biobetriebe diese "unblutige Kastration" praktiziert, weil sie besonders tierschonend ist. Doch im Sommer 2020 kam für Öko-Schweinemäster das Aus für die Eber-Impfung. Denn die EU-Kommission spricht von einer "hormon-ähnlichen" Wirkung, die Immunokastration ist deshalb nun in Bio-Betrieben verboten.

    Ebermast nur in wenigen Betrieben

    Bei der Ebermast werden männliche Tiere gemästet, ohne dass die Hoden entfernt werden. Die Gefahr: Das Fleisch dieser Tiere kann beim Erhitzen einen unangenehmen Geruch entwickeln. Dafür verantwortlich sind unter anderem das Geschlechtshormon Androstenon und Skatol. Zwar riechen nur drei bis fünf Prozent der Eber so stark, dass man ihr Fleisch nicht ohne Weiteres vermarkten kann, aber das Problem ist, diese Tiere am Schlachthof herauszufiltern.

    Besondere Nasen für den Ebergeruch

    Nicht jeder Mensch riecht den typischen Ebergeruch. An Schlachthöfen, die unkastrierte Eber annehmen, gibt es dafür extra geschultes Personal und die Prozedur ist aufwendig. Von jedem Schlachtkörper müssen Fleischproben erhitzt werden. Riechen die "Schnüffelnasen" etwas, werden die Tiere aussortiert und zu Tierfutter verarbeitet. Viele Schlachthöfe und nahezu alle Metzger lehnen deshalb unkastrierte Eber ab.

    Problem im Stall: Eber sind aggressiv

    Auch die meisten Landwirte lehnen die Ebermast ab. Ferkelerzeuger Martin Walser mästet seine Tiere selbst, zusammen mit seinem Sohn Matthias. Als klar war, dass die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland verboten wird, haben die beiden bereits 2012 den Versuch gestartet, Eber zu mästen. 2015 haben sie den Versuch jedoch wieder abgebrochen.

    Verletzte Tiere, schlechterer Preis

    Spätestens wenn Eber geschlechtsreif werden, sozusagen in der Pubertät sind, nehmen soziale Auseinandersetzungen und Rangordnungskämpfe zu. Unkastrierte Eber sind unruhiger und aggressiver und sie bespringen und beißen sich gegenseitig, sogar in die Geschlechtsteile. All das war den Walsers im Vorfeld bekannt, aber das Ausmaß hat sie schockiert. Matthias Walser: "Ich habe zwar mit Unruhe gerechnet, aber mit solchen schweren Verletzungen und mit Blut hab ich nicht gerechnet." Die Walsers versuchten Abhilfe zu schaffen: sie stellten die Fütterung um, die Tiere wurden ruhiger. Doch dann zahlte der Schlachthof plötzlich fünf Cent weniger pro Kilogramm für unkastrierte Eber. Seitdem kastrieren die Walsers wieder.

    So machen es andere Länder

    In anderen Ländern Europas wie Großbritannien, Irland, den Niederlanden, Spanien und Portugal funktioniert die Ebermast. Dort werden die Tiere allerdings mit niedrigeren Gewichten geschlachtet, die Tiere sind jünger, der Geschlechtstrieb noch nicht ausgeprägt. In Norwegen, Dänemark und Schweden dürfen die Landwirte die Ferkel mit lokaler Betäubung kastrieren und diese Betäubung auch selbst durchführen. In Deutschland hat der Bauernverband in den letzten Jahren vehement diese lokale Betäubung gefordert, vergeblich. Sie gilt nicht als "wirksame Schmerzausschaltung".

    Fleisch wird nicht gekennzeichnet

    An der Ladentheke kann der Verbraucher nicht erkennen, ob das Schnitzel von einem weiblichen oder männlichen Tier ist, ob und wie das männliche Tier kastriert wurde. Das gilt sowohl für konventionell erzeugtes Fleisch als auch für Biofleisch. Das Bundeslandwirtschaftsministerium argumentiert: "Da in puncto Lebensmittelsicherheit keine Unterschiede bestehen, ist keine verpflichtende Kennzeichnung geplant und notwendig."

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