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Tierkörperbeseitigungsanlage - wo Tierschutzvergehen auffliegen | BR24

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Tierärzte fordern: Nicht nur auf Bauernhöfen müsste mehr kontrolliert werden, sondern auch dort, wo die toten Tiere hinkommen, auf Tierkörperbeseitigungsanlagen und Schlachthöfen. Es gibt keine bundesweite Statistik über Misshandlungen der Nutztiere.

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Tierkörperbeseitigungsanlage - wo Tierschutzvergehen auffliegen

Tierärzte fordern: Nicht nur auf Bauernhöfen müsste mehr kontrolliert werden, sondern auch dort, wo die toten Tiere hinkommen, auf Tierkörperbeseitigungsanlagen und Schlachthöfen. Es gibt keine bundesweite Statistik über Misshandlungen der Nutztiere.

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Auf den ersten Blick ahnt man nicht, was 31 Lastwagen Tag für Tag in ganz Nordbayern einsammeln und in der Tierkörperbeseitigungsanlage bei Walsdorf im Landkreis Bamberg abladen: Schlachtabfälle und Tierkadaver, 164.000 tote Nutztiere allein im vergangenen Jahr.

"Auf den Rippen kann ich Klavier spielen"

Ein Zweckverband aus 16 Landkreisen und sechs kreisfreien Städten verarbeitet die größtenteils auf Bauernhöfen eingesammelte Fracht zu Tiermehl, -fett und Häuten. Vorher wirft die Amtstierärztin Dr. Gabriele Pflaum noch ein kritisches Auge auf die Tierleiber und macht Fotos. In ihrem Büro im Bamberger Landratsamt lädt sie einige Bilder auf ihren Computerbildschirm. An den toten Tieren sieht Pflaum schlimme Wunden - Hinweise auf Tierschutzverstöße.

"An dem Tier ist nichts mehr. Auf den Rippen kann ich Klavier spielen. Hier ist es ein Rind, was hochgradig abgemagert ist. Die Hüftknochen treten deutlich hervor, die Sitzbeinhöcker treten deutlich hervor, es ist überhaupt keine Muskulatur vorhanden." Dr. Gabriele Pflaum, Amtstierärztin

Amtstierärztin: Alle Arten von Betrieben betroffen

Dr. Pflaum und ihre Kollegen im Bamberger Kreisveterinäramt nehmen sich aus Überzeugung Zeit für Tierschutzbefunde an toten Tieren. Gesetzlich verpflichtet sind sie dazu nicht. Betroffen sind alle Arten von Betrieben, sagt Pflaum: Große, kleine, bio und konventionell, alte und neue Ställe. Deutschlandweit ermittelt keine Behörde systematisch, ob und wie die jährlich millionenfach entsorgten Nutztiere vor ihrem Tod unnötig leiden mussten. Damit wollte sich Professorin Dr. Elisabeth große Beilage nicht abfinden.

Die Professorin der Stiftung Tiermedizinische Hochschule Hannover hat im Jahr 2016 in vier Tierkörperbeseitigungsanlagen tote Schweine aus sechs Bundesländern untersucht. Dabei entdeckte sie viele Hinweise auf Tierschutzverstöße:

"Die Befunde an sich haben mich nicht überrascht, damit habe ich gerechnet. Aber die Häufigkeit hat mich doch ziemlich mitgenommen. Also damit habe ich überhaupt nicht gerechnet, dass wir auf solche Häufigkeiten kommen." Prof. Elisabeth große Beilage, Stiftung Tiermedizinische Hochschule Hannover

Bei 13 Prozent der untersuchten Mastschweine und bei 12 Prozent der Zuchtschweine zeugten die Befunde davon, dass sie laut Studie "mit länger anhaltenden, erheblichen Schmerzen verbunden und/oder Leiden verbunden waren."

Kaum einer kontrolliert die Tierkörperbeseitigungsanlagen

Hierzulande können unsachgemäß getötete Tiere, oder solche, die einfach elend verendet sind, ohne juristische Folgen für den Tierhalter in einer Tierkörperbeseitigung verschwinden, wenn dort kein amtlicher Veterinär genau hinschaut. Da muss der Gesetzgeber endlich handeln, meint Elisabeth große Beilage. Es fehle ein Gesetz, das in allen deutschen Tierkörperbeseitigungsanlagen einheitlich an Tierleichen Befunde auf Tierschutzvergehen vorschreibt.

Besser läuft es an Schlachthöfen: In Bayreuth erklärt eine amtliche Veterinärin, dass sie und ihre Kollegen auch auf Tierschutzverstöße achten, bei Schweinen etwa:

"Kannibalismus haben wir auch bei Ohrveränderungen. Liegebeulen, die häufig vorkommen bei Haltungsbedingungen, die nicht ganz gut sind oder Schlagstriemen, die darauf schließen lassen, dass die Tiere geschlagen wurden." Amtliche Veterinärin, Bayreuth

Es fehlt eine zentrale Tiergesundheitsdatenbank

Im Schlachthof können also Tierschutzvergehen auffliegen. Allerdings fehlt ein einheitliches und bundesweit verbindliches Schema für die Befundung. Entsprechende Daten könnten Transparenz schaffen, meint Dr. Kai Braunmiller, Veterinärdirektor der Stadt Bayreuth und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz:

"Wovon wir natürlich träumen, ist eine zentrale Tiergesundheitsdatenbank, wo wir dann alle Befunde von den Schlachthöfen und den Tierkörperbeseitigungsanlagen einspeisen." Dr. Kai Braunmiller, Veterinärdirektor der Stadt Bayreuth

Kritik am Bundeslandwirtschaftsministerium

Wie bayerische Gerichte Tierschutzverstöße bei Nutztieren bestrafen, ist vom Bayerischen Justizministerium nicht zu erfahren. Das werde statistisch nicht erfasst, heißt es aus dem Ministerium. Tiermediziner Braunmiller sieht die Hauptprobleme aber auch gar nicht allein im Freistaat, sondern bei der Bundesregierung. Von der Ferkelkastration und Schwanzkupieren über eine Kameraüberwachung in Schlachthöfen bis zu verpflichtenden Befunden bei der Tierköperbeseitigung – überall dort würde das Bundeslandwirtschaftfsministerium Tierschutz mehr verhindern als fördern. Nach Braunmillers Einschätzung beschäftigt sich das Ministerium zu viel mit Tierschutz-Labels, freiwilligen Standards und Selbstkontrollen der Landwirte. Er meint das Klöckner-Ministerium kümmere sich zu wenig um die Umsetzung vorhandener Tierschutzgesetze:

"Deswegen passiert im Tierschutz Nutztierhaltung nicht das, was rechtlich vorgeschrieben wäre." Dr. Kai Braunmiller, Veterinärdirektor der Stadt Bayreuth und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz

Die Nerven bei den Bauern liegen seit dem Volksbegehren für mehr Artenvielfalt und zunehmender Kritik wegen Grundwasser- und Klimabelastung ohnehin schon blank. Hinzu kommen die jüngsten Tierschutzskandale auf Allgäuer Milchviehbetrieben. Der niederbayerische Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes, Gerhard Stadler, ringt um eine Erklärung:

"Eines ist klar, es kann nicht die Wirtschaftlichkeit über dem Tierschutz stehen. Auch die Preissituation und solche Dinge dürfen nie einen Einfluss haben auf das Tierwohl und den Tierschutz. Ich glaube auch, dass der größte Teil der Landwirte bemüht ist, dass es den Tieren gut geht. Es ist nicht auszuschließen, dass immer wieder Bilder entstehen, egal in welchem Stall, die man nicht so gerne sieht." Gerhard Stadler, niederbayerischer Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes