Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Terror zerstört Vertrauen auf Tropeninsel Sri Lanka | BR24

© BR

Nach zehn weitgehend friedlichen Jahren haben am Ostersonntag gleich mehrere Selbstmordanschläge den Terror zurückgebracht. Wie gehen die Menschen im Inselparadies Sri Lanka damit um? Eine Reportage von ARD-Korrespondentin Silke Diettrich.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Terror zerstört Vertrauen auf Tropeninsel Sri Lanka

Nach zehn Jahren Frieden ist der Terror auf das Insel-Paradies Sri Lanka zurückgekehrt. Bei Selbstmordanschlägen auf Kirchen und Hotels wurden am Ostersonntag mehr als 250 Menschen getötet. Seitdem beherrschen Angst, Wut und Trauer die Menschen dort.

Per Mail sharen

Egal, woran die Menschen in Sri Lanka glauben oder zu welcher Volksgruppe sie gehören: sie sind schockiert, traurig, fassungslos. Christen und Muslime, buddhistische Singhalesen und Tamilen. Nach zehn Jahren Frieden – wieder Terror in ihrem Land.

Der Christ Pradeep Thushantha ist am Boden zerstört. Er hat bei den Anschlägen seine Familie verloren.

„Ich vertraue diesem Land nicht mehr. In Sri Lanka ist es nicht sicher“. Pradeep Thushantha, seine Frau und Kinder wurden getötet

Mehr als 250 Opfer in Hotels und Kirchen

Mehr als 250 Menschen sind ums Leben gekommen bei den Anschlägen, darunter 45 Kinder, mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Opfer gab es in drei Hotels in der Hauptstadt Colombo, aber die meisten hat es in den Kirchen in Sri Lanka getroffen, an einem der höchsten Feiertage der Christen, am Ostersonntag.

Der TukTuk-Fahrer Pradeep Thushantha lebt in Negombo, rund 40 Kilometer von der Hauptstadt Colombo entfernt. Auch hier hat sich einer der Attentäter in die Luft gesprengt, in der St. Sebastian-Kirche. In der Osternacht hatte Pradeep Thushantha Nachtdienst und war zu spät dran für den Gottesdienst. Als er seine Familie von der Kirche abholen wollte, hörte er einen lauten Knall.

"Ich bin in die Kirche rein und überall lagen Körper auf dem Boden. Meine Frau hatte mir am Abend zuvor ihr Kleid gezeigt, dass sie tragen wollte. Es ist das Gleiche, das sie auch zu Weihnachten getragen hatte. So habe ich sie gefunden. Mein Sohn und meine beiden Töchter lagen neben ihr. Meine Kinder - alle tot." Pradeep Thushantha

Gewalt zwischen Muslimen und Christen

Innerhalb kürzester Zeit hat der Christ Pradeep Thushanta seine gesamte Familie verloren. Dafür verantwortlich: ein Muslim.

Um Tumulte zu vermeiden, hat die Regierung in Sri Lanka den Ausnahmezustand verhängt. Und dennoch konnte sie weitere Tote und Verletzte nicht vermeiden.

Ein Dutzend junger Muslime kehrt Scherben zusammen. In ihrem Gemeindezentrum in Negombo sind alle Fensterscheiben herausgebrochen. Tische, Stühle, Drucker liegen zerfetzt auf dem Boden. Der 20-jährige Mohammed Silmi war auch an dem Abend hier, als Christen auf sie zu gestürmt seien:

"Die kamen hier rein und haben alles zerschlagen. Dann kamen immer mehr dazu, wir waren nachher 300 Muslime und rund 600 Christen." Mohammed Silmi

Vor den Anschlägen am Ostersonntag habe es in seiner Stadt nie Probleme zwischen Muslimen und Christen gegeben, erzählt Mohammed Silmi. Aber jetzt habe er Angst.

Der Fischer Anthony Joshob erzählt die Geschichte genau anders herum. Jugendliche Christen hätten am Strand baden wollen, dann seien Muslime gekommen, hätten sie angepöbelt und auf sie eingeschlagen.

Aufgeheizte Stimmung und Hassbotschaften im Netz

Seit den Anschlägen stehen auf der gesamten Insel Sicherheitskräfte vor allen Gotteshäusern und Tempeln. Damit sich die Stimmung unter den Menschen nicht weiter aufheizt, gab es erst vereinzelt im gesamten Land nächtliche Ausgangssperren. Außerdem war der Zugang zu sozialen Netzwerken immer wieder unterbrochen. Hassbotschaften dort würden noch mehr Unruhe unter die Leute bringen, sagte die Regierung von Sri Lanka

In Negombo sind in den letzten Tagen Mobs vor den Häusern von muslimischen Flüchtlingen aufmarschiert. Einige Vermieter haben die Flüchtlinge vor die Tür gesetzt, sie haben Angst vor weiteren Ausschreitungen oder vor Razzien durch die Sicherheitskräfte.

Armeechef: Alles unter Kontrolle

Die Gefahr weiterer Anschläge sei aber fast ausgeschlossen, sagte der Armeechef von Sri Lanka: „Wir haben die Situation unter Kontrolle. Wir kümmern uns. Die Menschen in Sri Lanka können wieder zurück in ihr normales Leben.“

Rund 100 Verdächtige hat die Polizei im Land verhaftet wegen angeblicher Verbindungen zu den Terroranschlägen am Ostersonntag. Sie stehen derzeit unter der Aufsicht der Kriminalpolizei und der Abteilung für Terrorismusuntersuchungen.

Keine Versöhnung auf Sri Lanka

Noch immer befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Und das, so meint Dr. Jehan Perera, auch im übertragenen Sinne. Er leitet den Nationalen Friedensrat von Sri Lanka:

"Es gibt in der gesamten Bevölkerung eine Menge Wut, die Medien zeigen viele versteckte Waffen in den Moscheen, vor allem Messer und Schwerter." Jehan Perera, Leiter des Nationalen Friedensrates

Natürlich gebe es nun die Angst, dass es deswegen zwischen den verschiedenen Religionsgruppen zu Unruhen kommt. Jetzt seien die Muslime zur Zielscheibe geworden. Was die Versöhnung im Land angeht, sagt Perera, stehe Sri Lanka schlechter da als vor zehn Jahren.

Der Tourismus und die Schatten der Vergangenheit

Die Tropeninsel Sri Lanka ist in diesem Jahr vom Reiseführer Lonely Planet zum besten Reiseziel gekürt worden. Wenn es nach Silvie Manoher geht, der Lokalpolitikerin aus Batticaloa, soll das auch so bleiben. Sie versucht auf lokaler Ebene mit ihrer Politik alles zu tun, um die Schatten der Vergangenheit nicht wieder groß werden zu lassen:

"Mein Traum ist es, dass Extremismus keinen Platz hat auf unserer Insel. Uns geht es doch jetzt gut. Alles was wir jetzt brauchen ist doch Frieden und Freiheit." Silvie Manoher, Lokalpolitikerin

Mitte Mai hätten die Menschen in Sri Lanka eigentlich feiern sollen: Zehn Jahre war es her, dass der blutige Bürgerkrieg zwischen den Bevölkerungsgruppen Singhalesen und Tamilen auf der Insel ein Ende genommen hatte. Doch zum Feiern ist hier den wenigsten zumute.

Pradeep Thushantha, der Tuktuk-Fahrer, der seine ganze Familie binnen Sekunden verloren hat, ist am Boden zerstört. Er sagt, er habe kein Vertrauen mehr in das Land und zähle die Tage, die ihm in diesem Leben noch bleiben.

Der Armeechef von Sri Lanka hat angekündigt, dass das Militär nun wieder hart durchgreifen werde auf der Insel und dabei notfalls „maximale Gewalt“ anwende. Mit Gewalt Gewalt unterdrücken - so endete auch der Krieg vor zehn Jahren.