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Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung
© dpa-Bildfunk / Sebastian Gollnow

Autoren

Tobias Betz
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Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung

Kinder spielen Fußball auf der Autobahn: ein gar nicht so seltenes Bild in den 1970ern. Allerdings ist das Ende 1973 und Anfang 1974 völlig ungefährlich. Wegen der Ölkrise herrscht Fahrverbot am Sonntag. Außerdem gilt ein Tempolimit, höchstens 100 km/h darf der Tacho zeigen. Das gilt sogar auf den Autobahnen! Die sozial-liberale Koalition will so fünf Prozent Rohöl einsparen. "Wir beobachten die Entwicklung der Unfälle", sagt der Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen (SPD). "Deshalb meine ich: Wenn es um das menschliche Leben geht, kann es keine Diskussionen geben." Deshalb will die Bundesregierung das Tempolimit beibehalten - und zwar unbefristet.

1974: Der erste und letzte Versuch eines Verkehrsministers

Daraufhin startet der ADAC eine Kampagne. "Freie Bürger fordern freie Fahrt" steht auf den Aufklebern des Automobilclubs. Die Aufkleber werden zwar schnell wieder eingezogen, allerdings nimmt die Diskussion trotzdem Fahrt auf. Auch die Opposition wettert gegen das Limit, und nach 111 Tagen blockiert schließlich der Bundesrat das Tempolimit auf den Autobahnen. Stattdessen wird 1974 die Richtgeschwindigkeit eingeführt. Frei nach dem Motto: "Bitte 130 km/h fahren." Eine Empfehlung also, und wer will, darf rasen.

1984: Ein Thema für die Bundestagsneulinge

Je höher die Geschwindigkeit, desto höher der Verbrauch. Und desto höher die Umweltbelastung. Mitte der 80er polarisiert die Diskussion über das sogenannte Waldsterben. Viele Bäume gelten als krank. Schuld soll das Auto sein. Die Grünen bringen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen erneut ins Spiel. Ihr Umweltexperte Wolfgang Ehmke sieht das als letzte Chance. "Wir stehen in einem Wettlauf mit der Zeit. Der Wald wartet nicht, bis alle Autos mit Katalysatoren ausgestattet sind. Er stirbt heute und nicht morgen und nicht erst 1989!" Ein Jahr später springt die SPD der Forderung bei. Volker Hauff fordert die Bundesregierung auf: "Damit der Wald und die Menschen nicht an der schlechten Luft ersticken", solle das Tempolimit eingeführt werden. Doch auch dieser scheitert erneut. Stattdessen steht wieder eine andere Lösung parat, nämlich der Katalysator.

2007: Ein Fraktionsvorsitzender versucht es wieder

Am Thema Tempolimit bleiben die Grünen dran. Immer wieder gibt es dazu Anträge, wie 2007. Der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Fritz Kuhn, ist sich sicher: Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen ist nur eine Frage der Zeit. "Das Tempolimit in Deutschland wird kommen, so wie das Rauchverbot in Gaststätten gekommen ist. Da können Sie sich noch ein Weilchen wehren. Aber die Vernunft wird sich an dieser Stelle schlicht und einfach durchsetzen."

Der damalige Bundestagsabgeordnete und heutige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hält schon damals nichts vom Grünen-Vorschlag. "Wir haben eine Durchschnittsgeschwindigkeit aller Straßen von unter 100 km/h. Und ich denke, wir müssen auch so viel Kraft haben, noch auf die Eigenverantwortung und die Freiwilligkeit der Bürger zu setzen, und nicht nur zu gängeln und ständig mit Verboten zu argumentieren."

2013: Sigmar Gabriel versucht es nur halbherzig

"Der Rest der Welt macht es ja längst so", sagt der damalige SPD-Chef der "Rheinischen Post". "Tempo 120 auf der Autobahn halte ich für sinnvoll, weil alle Unfallstatistiken zeigen, dass damit die Zahl der schweren Unfälle und der Todesfälle sinkt." Das sagte Gabriel auf die Frage, was er von einer entsprechenden Forderung im Grünen-Wahlprogramm halte. Im eigenen Lager stößt er nicht auf Gegenliebe. Ins SPD-Wahlprogramm wird das von Gabriel unterstützte Tempolimit nicht aufgenommen. Er selbst relativiert später. Es gebe wichtigere Themen im laufenden Bundestagswahlkampf.

Seit der Ölkrise in den 70ern hat es kein Verkehrsminister mehr ernsthaft versucht, ein Tempolimit in Deutschland durchzusetzen. Jetzt, im Jahr 2019, ist die Debatte wieder da. Spannend wird wohl nur, wie der Vorschlag scheitert.