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In Freising hat das technische Hilfswerk ein Rettungssystem für Verschüttete getestet. Seit zwei Jahren arbeiten 17 Organisationen aus acht Ländern im dem Projekt des europäischen Forschungsraums zusammen. Es geht um neue Techniken für Einsatzkräfte.

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THW testet Drohnen für Katastrophen-Einsätze

Wenn nach einer Katastrophe Menschen aus Trümmern gerettet werden müssen, kommt moderne Technik zum Einsatz. Das Technische Hilfswerk testet zur Zeit für solche Einsätze entwickelte Drohnen. CURSOR heißt das von der EU geförderte Projekt.

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Von
  • Johannes Roßteuscher

Zunächst surrt es ganz leise, dann klingt es wie ein ganzer Hornissenschwarm – die mächtige schwarz-orangefarbige Transportdrohne hebt ab. Einen Meter sechzig im Durchmesser, sechs Propeller, unten blinkt’s.

Hilfe per Joystick

Andreas Wilde, Drohnenpilot beim Technischen Hilfswerk (THW), lenkt das Flugobjekt per Fernsteuerung. Konzentriert schaut er durch seine Sonnenbrille, mal nach oben, mal auf den kleinen Bildschirm vor sich: "Das ist schon eine Herausforderung, jetzt, wo der Wind noch zunimmt, werden sie windanfällig. Da muss man schauen, dass man genau über dem Korb steht, um dann zielgenau abwerfen zu können."

Die Drohne soll kleine gelbe Metall-Attrappen abwerfen. In einen Korb, der auf der Wiese steht. Geübt wird hier nicht über einem Trümmerfeld, sondern über grünen Wiesen nördlich von Freising: Sanfte Hügel, die Sonne scheint, die Blätter der Bäume rascheln sachte im Wind – allerdings hört man davon nichts, weil die Drohne gerade den Korb ansteuert und alles übertönt.

"SMURFs" als Passagiere

Im echten Leben sollen die Drohnen einmal keine Attrappen abwerfen, sondern kleine Roboter auf Rollen, sogenannte SMURFs (Soft Miniaturized Underground Robotic Finders). Sie sollen nach Unglücken wie jüngst in der Nähe von Miami nach Verschütteten suchen, zum Beispiel auf einsturzgefährdeten Trümmerkegeln.

Denn die SMURFs können sehen, hören und riechen, erklärt Tiina Ristmäe vom THW, die das ganze Projekt koordiniert.

"Sie haben Audio- und Video-Komponenten und eine Art Hundenase, den Sniffer. Der Sniffer kann Menschen erschnüffeln. Und er riecht auch den Unterschied, ob jemand noch lebt oder nicht. Das ist für die Einsatzkräfte sehr wichtig. So können sie entscheiden, wo es sich am meisten lohnt, zu suchen." Tiina Ristmäe, THW

So gut wie echte Hundenasen sind die Sniffer noch nicht, sagt Ristmäe. Dafür kann man die Roboter in großer Zahl über extrem gefährlichem Gelände abwerfen, auch dort, wo weder Hunde noch Menschen hinkommen.

Radargeräte werden abgesetzt

An solchen Stellen setzen die Drohnen auch Radargeräte ab, die ebenfalls Verschüttete aufspüren sollen. "Wir nutzen, dass unser Körper überwiegend aus Wasser besteht. Wasser reflektiert die Radarstrahlung", erklärt Manuel Deimer, Truppenführer beim THW Berlin.

"Ich geh hin, schalte es ein, in fünf Minuten habe ich ein Trümmerfeld sondiert, um erstmal sagen zu können: ja oder nein. Ist da was, ist da nichts, kann ich weitergehen?" Manuel Deimer

Manuel Deimer testet das neue Radargerät, das zum CURSOR-Gesamtpaket gehört. Es schaut aus wie ein Werkzeugkoffer und steht jetzt auf einer Art Schutthaufen: ein Betonrohr, darüber Reste von Ziegelwänden und Trümmer von Stahlbetondecken – auf dem Übungsgelände des THW gibt es auch simulierte, eingestürzte Häuser.

Im Rohr unter dem ganzen Schutt liegt eine Puppe, die unter anderem Herzschlag simulieren kann. Nun sucht das Gerät die Puppe, auf dem Bildschirm von Manuel Deimer leuchten gelbe Vierecke und rote Kreise auf: "Die Vierecke bedeuten Bewegung, die roten Kreise bedeuten gemessene Atmung. Hier in 80 Zentimeter Tiefe, wo auch unsere Puppe liegt, habe ich in jedem Zyklus eine erfolgreiche Messung gehabt. Das bedeutet: Der Dummy ist erfolgreich gefunden."

Per Seilwinde auf den Trümmerhaufen

Auch die Radargeräte sollen eines Tages von den Drohnen in ihre Einsatzgebiete geflogen werden. Deswegen trainieren die Piloten jetzt das Absetzen per Seilwinde. Wegen des Windes ist es noch etwas schwieriger als zuvor das Abwerfen der Roboter-Attrappen. Ziemlich lange steht die Drohne jedes Mal in der Luft. Aber fast alle treffen den Korb, die anderen klatschen.

Spezialtechnik mit bürokratischem Gegenwind

Das Außergewöhnliche des Projekts: Die Einsatzgeräte werden ganz speziell für die Retter entwickelt und während der Entwicklung permanent getestet, nämlich von denen, die sie einmal anwenden sollen. "Wir sagen, was wir brauchen. Und der technische Partner entwickelt das", sagt Ristmäe.

Allerdings dürfte es noch einige Zeit dauern, bis Drohnen, Miniroboter und die neuen Radargeräte wirklich eingesetzt werden. "Wir sind bei der Entwicklungsstufe sechs bis sieben von neun", sagt Ristmäe. Das ist schon ziemlich weit, trotzdem bleibt ein Problem. Die beteiligten Firmen und Organisationen können die Geräte nicht bis zur allerletzten Marktreife entwickeln. Das darf nur ein externer Investor: EU-Bürokratie.

Doch wenn es eines Tages soweit ist – vermutlich in eineinhalb Jahren – könnte die neue Technik Rettungseinsätze extrem verbessern: weniger Gefahr für die Retter, viel schnellere Erfolge beim Suchen. Thomas Johnen, Auslandsexperte beim THW Nordrhein-Westfalen, erzählt von einem Einsatz nach der Explosion in Beirut im August 2020:

"Eine der Gebäudewände war weggesprengt, wir haben uns mühselig über Tage in alle Etagen durchgearbeitet, um noch Verletzte zu finden. Mit Hilfe der Radartechnik, oder auch der SMURF-Technik wären wir wahrscheinlich nach wenigen Stunden fertig gewesen und hätten zum nächsten Objekt weiterziehen können." Thomas Johnen
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Vor dem Abflug: Malte Daniels und Andreas Wilde vom THW platzieren die 18-Kilo-Transportdrohne auf der Plane.

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Die gelben Metallattrappen am Fluggerät werden später abgeworfen. Sie simulieren Suchroboter, die von der Drohne zum Einsatz geflogen werden.

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Die Transportdrohne kurz vor dem Starten. Vom Vogelgezwitscher am Übungsgelände wird gleich nichts mehr zu hören sein.

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Die Puppe kann menschlichen Herzschlag simulieren. Das Radargerät soll genau das aufspüren, auch durch Trümmer aus Ziegel und Beton.

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Ein Betonrohr mit Schutt darüber simuliert ein eingestürztes Haus. Der Radar soll den Dummy im Rohr aufspüren.

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Stephan Mondry und Tanja Wilm vom THW testen, ob das neue CURSOR-Radargerät besser ist als das alte.

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