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Tattoo-Szene in Aufruhr: EU plant Verbot von zwei Farben | BR24

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Werden Tattoos bald weniger bunt? Zwei Farbpigmente, die als Grundstoffe vieler Farben dienen, könnten in der EU bald verboten werden. Gegen die Forderung der Europäischen Chemikalienagentur formiert sich Widerstand, etwa mit einer Online-Petition.

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Tattoo-Szene in Aufruhr: EU plant Verbot von zwei Farben

Aus für Grün und Blau? Die EU-Chemikalienagentur plant, mutmaßlich gesundheitsschädliche Pigmente zu verbieten. Der Bundestag soll das verhindern. Eine Online-Petition der Tätowierer hat bereits 150.000 Unterstützer.

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Blue 15 und Green 7 heißen die beiden Farbpigmente, die die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) in Tätowierungsfarben verbieten will. In Haarfärbprodukten sind sie bereits nicht mehr zugelassen, weil sie die Haut schädigen können. Und was auf der Haut schadet, richtet unter der Haut vermutlich noch mehr Schaden an, argumentiert die Chemikalienagentur.

Aber die Pigmente sind wesentliche Bestandteile der Tätowierfarben. Die Tätowierer in Deutschland haben über 150.000 Unterschriften gesammelt für ein Online-Petition. Mit der fordern sie nun den Bundestag auf, das drohende Verbot für ihre Farben zu stoppen.

Tätowierer hängen von Blue 15 und Green 7 ab

Stephan Rieger betreibt ein Tattoo-Studio in München Haidhausen. Auch er sagt: Die ganze Branche hänge von den zwei Farbpigmenten ab.

Denn Blau und Grün seien nicht nur in Blau und Grün enthalten, sondern in ungefähr zwei Drittel aller Tätowierfarben, die auf dem Markt verwendet werden.

"Es gibt leider tatsächlich keine Alternative." Tätowierer Stephan Rieger

Erfolglose Suche nach alternativen Farbpigmenten fürs Tattoo

Der Tätowierer berichtet, dass schon seit vielen Jahren am Ersatz für die betroffenen Farbpigmente geforscht werde – mindestens seit zehn Jahren. Aber es seien keine Alternativen gefunden worden. "Es werden vermutlich auch keine mehr gefunden", glaubt Rieger.

Befürchtung: Bunte Tattoos werden Schwarzmarktware

Die Tätowierer befürchten, dass das Verbot Kollegen in die Illegalität treibe. Blau und Grün kämen dann vom Schwarzmarkt, bunte Tattoos gäbe es nur noch in Hinterzimmern. Allgemeine Qualitäts- und Hygienestandards, die die Branche über viele Jahre mühsam aufgebaut habe, blieben so wieder auf der Strecke. Viele Tattoo-Studios stünden vermutlich vor dem Aus, meint Stephan Rieger.

Die meisten Studios arbeiteten ordentlich, ausschließlich legal. Solche Studios, befürchtet der Tätowierer, müssten mit einem massiven Umsatzverlust rechnen.

"Nur die Frage ist eben: Verzichtet der Kunde deshalb auf die Farben, die er gerne hätte – vermutlich nicht." Tätowierer Rieger

Verlässliche Studien fehlen

Ob die Pigmente tatsächlich die Gesundheit gefährden, sei außerdem nicht erweisen, heißt es in einer Stellungnahme des Bundesverbandes Tattoo.

Zumindest in diesem Punkt herrscht Einigkeit mit Hautärzten. Auch die räumen ein, dass belastbare Studien, was die Tattoo-Farben im Körper anrichten, fehlen. Fest stehe aber: Die Farben bleiben nicht lokal unter der Haut. Sie wandern durch den Körper. Die Tattoo-Farben sammeln sich in den Lymphknoten an und färben diese ein. Das haben Forschungen an der Universität in Regensburg nachgewiesen. Für den Münchner Dermatologen Christoph Liebich ist die Lage eindeutig:

Bisher existiere zwar eine Liste mit verbotenen Tattoo-Schadstoffen, "die wirklich brandgefährlich sind", so der Mediziner. Aber bezüglich der momentan noch verwendeten Tattoo-Farbstoffe gebe es auch keine Sicherheit. Deshalb sei es ganz wichtig, solange es keine Sicherheit gebe müssten die Stoffe für den menschlichen Organismus verboten werde.

Hautärzte raten von Tattoos grundsätzlich ab

Farbpigmente könnten viel auslösen von Allergien bis zu allergischen Schocks. Und es bleibe auch der Verdacht, dass sie krebserregend sein können, sagt Christoph Liebich. Er rät grundsätzlich von Tattoos ab.

"Solange man keine Sicherheit hat, kann man keinem Patienten guten Gewissens überhaupt irgendeine Art der Tätowierung empfehlen. Das ist für mich eine Zeitbombe die ticken kann und irgendwann explodiert und dann bereut man es nach 20 Jahren und hat das Problem." Dermatologen Christoph Liebich

Wahrscheinlich giftig – kein Argument gegen ein Tattoo

Nochmal zurück ins Tattoo-Studio nach Haidhausen. Sonja lässt sich an diesem Nachmittag ein weiteres Tattoo Stechen. Vier Stunden liegt sie unter der Nadel.

Sie bekommt einen Freddy Krüger, Kultfigur aus dem Horrorfilm-Genre auf die rechten Rippen. Blue 15 und Green 7 sind bei den Farben dabei.

Macht sich die 30-Jährige keine Sorgen um ihre Gesundheit?

Sie habe sich informiert und eingelesen. Natürlich, sagt Sonja. Aber es gebe keine Studien, die die Schädlichkeit beweisen, und sie persönlich habe auch noch nie Probleme damit gehabt. Deshalb hält sie die Farben für genauso unproblematisch "wie, wenn ich jetzt Cola trinke, Ketchup esse oder in der Großstadt vor die Tür gehen, weil das ist alles irgendwie gefährlich".

"Irgendwie wahrscheinlich giftig und krebserregend – also ich mache mir da keine Gedanken mehr." Kundin im Tattoo-Studio

Tattoos bleiben mindestens zwei weitere Jahre bunt

Ein sofortiges Verbot der Pigmente droht der Tattoo-Branche eher nicht. Auch die europäische Chemikalienagentur empfiehlt eine Übergangsfrist von mindestens zwei Jahren. Ob es dann andere Farben gibt oder fundierte Studien zu den vorhandenen Tattoo-Farben das lässt sich heute nicht beantworten.