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Syrien zehn Jahre nach Kriegsbeginn: Der Stand der Dinge | BR24

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Bildrechte: BR Bild/dapa/Anas Alkharboutli

Die Lage in Syrien 10 Jahre nach Kriegsbeginn

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Syrien zehn Jahre nach Kriegsbeginn: Der Stand der Dinge

Zehn Jahre Krieg in Syrien – und noch immer ist er nicht zu Ende, auch wenn kaum noch gekämpft wird. Syrien ist zerstört und in vier Einflusszonen zerfallen, die Menschen sind völlig erschöpft und zermürbt. Sie haben kaum noch Hoffnung auf Reformen.

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Von
  • Ines Schneider

Nach 10 Jahren Krieg ist Syrien am Boden. Kampfhandlungen sind seit knapp einem Jahr selten, das Land liegt aber größtenteils in Trümmern und ist in vier Einflusszonen aufgeteilt. Die Menschen sind am Ende ihrer Kräfte und mutlos, es gibt kaum Hoffnung auf eine politische Lösung, auf Reformen oder einen Regime-Wandel.

Und dennoch gibt es im trostlosen Alltag der Syrer kleine Lichtblicke, zum Beispiel das Projekt "Zeltschule e.V.". Der Verein aus München baut Zeltschulen in Flüchtlingslagern im libanesisch-syrischen Grenzgebiet. Dadurch können tausende Kinder unterrichtet werden. Andrea Herrmann hat im B5 Thema des Tages mit Jacqueline Flory, der Gründerin von Zeltschule e.V. gesprochen.

Die Menschen in Syrien sind völlig erschöpft. Wie erleben Sie die Menschen und den Alltag dort, wenn Sie vor Ort sind?

Jacqueline Flory: Unsere Geflüchteten sind jetzt zum großen Teil schon wirklich seit zehn Jahren in Lagern untergebracht, leben in Zelten ohne Strom und fließendes Wasser. Und natürlich wird es mit jedem Winter, den sie dort überstehen müssen, schwieriger, die Hoffnung hoch zuhalten, dass sich da vielleicht irgendwann mal etwas ändern könnte. Das wird wirklich von Jahr zu Jahr schwieriger.

Nehmen Sie uns doch mal mit in so ein Lager, in so ein Flüchtlings-Camp. Wie leben die Menschen dort?

Jacqueline Flory: Es gibt im Libanon, in der Bekaa-Ebene, über 2.000 Camps, die von 20, 25 Zelten bis zu ein paar Hundert Zelten bestehenden, in ganz unterschiedlichen Größen. Die meistens bekommen keinerlei offizielle Unterstützung, sind völlig auf sich allein gestellt und haben auch keine Schulen. Und deswegen wollen wir genau da ansetzen und die Menschen nicht "nur" in Anführungszeichen mit Lebensmitteln, Wasser und allem anderen Benötigtem versorgen, sondern vor allem auf Schulen für die Kinder bauen, um Perspektiven zu schaffen.

Wie müssen wir uns den Unterricht in einer ihrer Zeltschulen vorstellen?

Jacqueline Flory: Es ist tatsächlich nur ein Zelt. Was anderes wäre auch gar nicht erlaubt. Die libanesische Regierung hat verboten, dass die syrischen Flüchtlinge sich dauerhaft ansiedeln. Deswegen bauen wir auch ganz einfache Zelte. Wir statten sie mit Schulmaterialien, Tafeln, Tischen und Bänken aus. Und unterrichtet wird von syrischen Lehrern, die auch mit geflohen sind und die auch mit in den Lagern leben.

Sind Sie auf Spenden angewiesen? Sie haben gerade die Schulmaterialien erwähnt.

Jacqueline Flory: Wir sind ausschließlich spendenfinanziert, das heißt, an dem Tag, an dem wir keine Spenden mehr bekommen würden, würden wir auch unsere Schulen wieder schließen müssen. Das wäre wirklich ein Drama für die Kinder dort vor Ort. Wir haben in den letzten fünf Jahren 30 Schulen gebaut und haben jetzt über 7.000 Kinder im täglichen Unterricht, die sonst keinerlei Chance auf Bildung hätten. Also wir sind ganz, ganz dringend auf Spenden angewiesen.

Frau Flory: Wie nehmen die Kinder den Unterricht auf? Dieses Angebot in den Zeltschulen... sind die begeistert?

Jacqueline Flory: Ja, die Kinder sind wirklich begeistert. Wir müssen in mehreren Schichten unterrichten, weil wir gar keine so großen Zelte bauen könnten, dass alle Kinder eines Camps, das sind oft mehrere Hundert, gleichzeitig unterrichtet werden können. Und es ist ganz oft so, dass Kinder, die in der Morgenschicht waren, sich mittags wieder anstellen und noch mal zur Schule gehen wollen und wir dann wirklich sagen müssen, nein, das geht nicht. Wir haben keinen Platz. Du hattest heute schon vier Stunden Schule, du kannst erst morgen wieder.

Und dann kommt auch noch Corona dazu. Wie hat die Pandemie den Unterricht in den Zeltschulen verändert?

Jacqueline Flory: Wir sind momentan im Libanon auch wieder im dritten Lockdown. Das heißt, im Libanon machen wir auch gerade Distanzunterricht, was uns natürlich anfangs vor immense Herausforderungen gestellt hat. Mittlerweile haben wir uns ganz gut darauf eingestellt.

Wir haben erst einmal damit angefangen, dass wir mehrere Tausend libanesische Sim-Karten gekauft haben, damit sichergestellt ist, dass jede Familie ein Handy hat mit einer libanesischen Sim-Karte. Die Lehrer machen kleine Tutorials auf ihren Handys und verschicken die an alle Schüler per WhatsApp, so dass die Schüler diese Anleitungsvideos für Grammatik, für Mathematik, für Englisch schauen können. Und parallel dazu legen die Lehrer Arbeitsblätter vor jede Zelttür. Die Kinder holen sie sich dann rein in ihrer Wohnzelte, bearbeiten die Arbeitsblätter und legen sie, wenn sie fertig sind, wieder davor, wo die Lehrer sie wieder einsammeln zur Korrektur. Das ist unser Homeschooling, und das funktioniert auch relativ gut. Aber es ist natürlich für die Kinder dort ungleich viel schwieriger als für unsere.

Haben die Kinder überhaupt Wünsche und Vorstellungen davon, wie sie zukünftig leben wollen? Man muss sich ja mal vor Augen halten, dass viele von diesen Kindern gar kein Leben ohne Krieg kennen.

Jacqueline Flory: Das ist richtig. Tatsächlich ist das, was ich als allergrößten Erfolg unseres Projekts sehe. Als ich bei meiner ersten Reise, beim ersten Schulbau die Kinder gefragt habe, was sie für Träume haben, waren sie von dieser Frage völlig überfordert. Und man hat gemerkt, dass einfach das Überleben in diesen Camps so viel Energie und Durchhaltekraft fordert, dass für Träume gar keine Kraft mehr übrig geblieben ist. Und wenn ich heute mit Kindern aus unseren Schulen spreche, dann erzählen die mir alles Mögliche. Sie möchten Lehrerin werden, oder sie möchten später mal ein Restaurant eröffnen. Und das empfinde ich als tatsächlich unseren allergrößten Erfolg. Da geht mir das Herz auf, wenn ich sehe, dass wir diesen Kindern wieder die Hoffnung auf etwas Gutes vermitteln konnten, dass sie wieder etwas Gutes für möglich halten. Trotz der schrecklichen Situation, in der sie seit Jahren leben.

Jacqueline Flory, Gründerin von Zeltschule e.V. im B5 Thema des Tages.

© BR Bild/dpa-Bildfunk/Str

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Schüler stehen Schlange vor einer Schule im nordsyrischen Dorf Kafr Dariyan, in der der Unterricht sowie Prüfungen stattfinden.

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