Die Hand eines Kindes greift nach Süßigkeiten

Die Hand eines Kindes greift nach Süßigkeiten

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Süßigkeiten: Schluss mit Werbung für Kinder?

Süßigkeiten: Schluss mit Werbung für Kinder?

Spanien will Süßigkeiten-Werbung verbieten, die an Kinder gerichtet ist - ebenso Großbritannien. Und auch in Deutschland wird das diskutiert. Denn: Immer mehr Kinder sind übergewichtig. Ob ein Werbeverbot hilft, zeigt ein Blick in andere Länder.

Ein bunter Comic-Tiger springt quer über die Cornflakes-Packung. "Vitamine und Naschen!" heißt es bei einer bekannten Gummibärchen-Marke. In einem anderen TV-Spot sitzt ein kleiner Junge in seinem Kinderzimmer, erklärt seinem Hund, wie genau man einen Keks isst - also diesen berühmten runden schwarzen mit der weißen Cremefüllung.

So und auf ähnliche Weise machen die Hersteller Werbung für ihre Produkte. Und das in nicht geringem Maße, wie aktuelle Zahlen aus Deutschland belegen: Demnach sehen Kinder zwischen drei und 13 Jahren täglich mehr als 15 Werbungen für ungesunde Lebensmittel in TV und Internet. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Studie der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) gemeinsam mit der AOK.

Süßigkeiten-Werbung und Adipositas bei Kindern

Die Zahl der "ungesunden" TV-Spots pro Stunde ist demnach um 29 Prozent gestiegen. Und das schade vor allem den Kindern, sagen Mediziner und Verbraucherschutzorganisationen. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit an der Kinderklinik der Universität München, betont: Es gebe eine "überzeugende wissenschaftliche Datenlage", dass Werbung die Kalorienzufuhr und das Auftreten von Adipositas, also Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen erhöht. Er sagt: "Freiwillig funktioniert nicht mehr. Wir brauchen eine einheitliche Gesetzgebung, am besten auf Bundesebene, die den Umfang von Kindermarketing für ungesunde Lebensmittel beschränkt."

Das Thema wird in Deutschland immer wieder diskutiert. Andere Länder sind derweil schon einen Schritt weiter. So will die spanische Regierung an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel zukünftig verbieten. Auch Großbritannien hat solche Regelungen beschlossen. Entsprechende Gesetze sollen ab 2022 in Kraft treten.

Werbung in TV, Radio und Online

Konkret heißt das: Werbung für Kekse, Kuchen, Eis, Softdrinks oder Limo darf sich nicht mehr gezielt an Minderjährige richten – und zwar im Fernsehen, Radio, in Printmedien sowie Online beziehungsweise in den sozialen Netzwerken. Gerade bei Letzteren hätten Influencer und Influencerinnen einen enormen Einfluss auf die jungen Mediennutzenden, warnen Verbraucherschutzorganisationen.

WHO fordert weniger Werbung für Süßes

An den geplanten Verboten in Spanien und Großbritannien zeigt sich also: Immer mehr Länder machen ernst. Doch während beispielsweise heute mehr als 40 Staaten weltweit eine Süßgetränkesteuer - auch Limo-Steuer genannt - eingeführt haben, sind verbindliche Süßigkeiten-Werbeverbote kaum umgesetzt. Spaniens Verbraucherminister Alberto Garzón allerdings alarmiert: "Kinder werden durch die Werbung angeregt, diese Produkte zu essen. Und Wissenschaftler sind sich einig, dass das der Gesundheit schadet." Die Regierungen in Spanien und Großbritannien setzen um, was Fachorganisationen wie die WHO (World Health Organization) schon seit Jahren fordern.

Tatsächlich sind in Spanien 41 Prozent der Kinder zwischen sechs und neun Jahren nach Angaben der Regierung zu dick. Der Trend zeigt sich weltweit. So gibt es laut WHO immer mehr übergewichtige Menschen, ihr Anteil hat sich demnach seit 1975 fast verdoppelt. Corona verstärkt den Trend noch.

Problem: Immer mehr übergewichtige Kinder

Das Werbeverbot in Spanien richtet sich an unter 16-Jährige und wird während den Zeiten gelten, zu denen verstärkt Kinder und Jugendliche Medien konsumieren. Auf Kinderkanälen darf überhaupt nicht mehr für die fraglichen Produkte geworben werden.

Ähnliches Szenario in Großbritannien: Hier gibt es nicht nur eine Steuer auf überzuckerte Getränke. Ab Anfang 2022 dürfen darüber hinaus TV-Werbespots für Softdrinks, überzuckerte Frühstücksflocken oder Burger nur noch nach 21 Uhr gesendet werden, erklärte das britische Gesundheitsministerium. Noch strenger ist es im Internet: Hier dürfen Hersteller für ihre ungesunden Produkte keine bezahlte Online-Werbung mehr schalten. Nur die eigenen Kanäle wie Webseiten und Social Media sind von dem Verbot ausgenommen.

Ein konsequenter Schritt: Werbung für ungesunde Lebensmittel ist im Londoner öffentlichen Nahverkehr übrigens schon seit einigen Jahren verboten.

Altersgrenze angehoben von zwölf auf 14 Jahre

Anders als in vielen anderen Ländern geht es in Deutschland in kleinen Schritten voran - wobei die Forderung nach einem Verbot des Kindermarketings auch bei uns nicht neu ist. Kürzlich hat die Werbewirtschaft per Selbstverpflichtung die Altersgrenze für bestehende Vorgaben von zwölf auf 14 Jahre angehoben.

Werbung für Kinder unter 14 darf demnach unter anderem keine direkten Aufforderungen zum Kauf oder Konsum enthalten. Die neuen Regelungen sollen für alle Formen von Werbeinhalten gelten, explizit auch für die Kooperation mit Influencerinnen und Influencern in sozialen Netzwerken, betont der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft (ZAW).

SPD, Grüne und FDP gefordert

Vielen Medizinerinnen und Diabetes-Fachleuten sowie Verbraucherschutzorganisationen ist das zu wenig. Sie fordern von der neuen Bundesregierung ein klares Verbot von Werbung für ungesunde Lebensmittel gezielt an Kinder. "Der Schutz der Kinder muss wichtiger sein als die Gewinninteressen der Süßwaren- und Junkfood-Industrie", sagt Saskia Reinbeck von Foodwatch. Freiwillige Maßnahmen der Herstellenden seien dazu nicht geeignet. Das zeigt das Beispiel Spanien. Hier gibt es seit 2005 vergleichbare Selbstverpflichtungserklärungen, die offenbar keinen Erfolg gebracht haben.

Chiles Kampf gegen Zucker und Fettleibigkeit

Ein Blick nach Chile zeigt, dass es funktionieren kann. Das Land hat eine der weitreichendsten Werbebeschränkungen weltweit - so weit, dass ein bei Kindern beliebtes Schokoladenei-Produkt wegen irreführender Werbung sogar ganz vom Markt verbannt wurde.

Abgesehen davon dürfen in Chile verarbeitete Lebensmittel und Getränke, die bestimmte Grenzwerte an Zucker, Salz, gesättigten Fetten und Energie überschreiten, nicht beworben werden - also auch nicht an Kinder. Das Verbot gilt auch für alle Medien und Formate, bei denen der Anteil der Kinder unter den Nutzern und Nutzerinnen über 20 Prozent liegt, sowie für alle Werbesendungen, die aufgrund ihrer Gestaltung vor allem Kinder ansprechen - und das ebenso online und in sozialen Medien wie in Zeitschriften und Postwurfsendungen.

Kein bunter Comic-Tiger auf der Verpackung

Außerdem ist in Chile kommunal Außenwerbung im Umkreis von Schulen verboten. Und die Werbebeschränkungen gelten übrigens auch für die Verpackungsgestaltung. Ein bunter Comic-Tiger ist hier auf keiner Cornflakes-Verpackung zu finden. Stattdessen gibt es schwarze Etiketten mit Warnhinweisen auf entsprechenden Produkten. Und das Gegenteil ist voll im Trend, denn: Inzwischen sind immer mehr Comic-Helden auf der Verpackung der gesünderen Alternativen platziert.

Die Maßnahmen fruchten, und so zeigt sich auch: Seit die Regelungen 2016 umgesetzt wurden, sind die Kinder dort nur noch etwa halb so oft TV-Werbung für ungesunde Lebensmittel ausgesetzt. 2018 hat die Uni Santiago herausgefunden, dass sich zwar der Konsum von Schokolade und Keksen nicht merklich verändert hat.

Hervorzuheben ist aber, dass der Kauf von zuckerhaltigen Getränken um 25 Prozent und der von zuckerhaltigen Müslis um neun Prozent gefallen war. Gleichzeitig belegen Studien, dass Lebensmittelkonzerne wegen des Gesetzes den Zuckeranteil ihrer Produkte reduziert haben, um nicht als schwarzes Schaf zu gelten.

Werbe-Verbote in Schweden, Norwegen und Québec

So oder so, es macht etwas mit der Gesellschaft - wie auch in manchen skandinavischen Ländern und Québec. In Norwegen und Schweden dürfen Nahrungsmittel und Getränke generell nicht im Fernsehen oder im Web-TV an Kinder beworben werden.

Im kanadischen Québec ist Marketing an Kinder unter 13 Jahre nicht erlaubt – egal, wofür geworben wird. Den Erfolg solcher Maßnahmen zeigt auch eine internationale Studie zum Konsum von Junkfood. Die Daten aus 79 Ländern belegen: In Staaten mit verbindlichen Werbeverboten konnte der Junkfood-Verzehr in den Jahren 2002 bis 2016 um 8,9 Prozent verringert werden. In Ländern hingegen, die ausschließlich auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft setzten, war der Konsum im gleichen Zeitraum um 1,7 Prozent gestiegen.

Knackpunkt ist, dass die Maßnahmen über die freiwillige Selbstverpflichtung hinausgehen müssen, darüber sind sich die Experten und Expertinnen einig. So kann es durchaus als Zeichen gewertet werden, dass Spanien und Großbritannien jetzt handeln.

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Süße Verführung - Wie Influencer für ungesunde Lebensmittel werben

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