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Lkw und Polizei

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Südtirol: Wirbel um harte Quarantäne für Lkw-Fahrer

Wenn Lkw-Fahrer an der italienisch-österreichischen Grenze positiv getestet werden, müssen sie in Quarantäne. In Südtirol heißt das: Kaserne. Die Bedingungen dort sind offenbar hart, ein deutscher Fahrer spricht von gefängnisähnlichen Zuständen.

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Von
  • Mirjam Lengenfelder

André G., Lkw-Fahrer aus Dresden, war Anfang März auf dem Heimweg aus Mailand. Doch in Deutschland ist er bis jetzt nicht angekommen. Der 55-Jährige sitzt in Südtirol in Quarantäne.

Corona-Test fällt positiv aus

Am 6. März ist André auf der italienischen Brennerautobahn A22 Richtung Österreich unterwegs. Kurz vor der Grenze muss er am Autohof Sadobre, der in unmittelbarer Nähe zur Maut-Stelle Sterzing liegt, einen Antigen-Schnelltest machen. Denn nur, wer ein negatives Testergebnis hat, darf über den Brenner nach Österreich einreisen und bei Kiefersfelden dann weiter nach Bayern fahren.

Der Schnelltest fällt positiv aus, ebenso der anschließende PCR-Test. Die Folge: André muss für mindestens zehn Tage in Quarantäne. "Mitarbeiter des Weißen Kreuzes haben mich direkt in Schutzanzügen abgeholt und ich wurde in eine Unterkunft gebracht", erzählt André.

"Fühle mich wie in Einzelhaft"

Bei der Unterkunft handelt es sich um die Biasi-Kaserne, ein ehemaliges Feriendomizil für Militärpersonal in Gossensaß, das extra zur Unterbringung von Quarantänefällen umfunktioniert wurde. André hat ein Einzelzimmer, das er nicht verlassen darf. "Ich schlafe, schaue entweder Fernsehen oder aus dem Fenster." Er habe auch keinen Kontakt zu den anderen Menschen, die in der Kaserne untergebracht sind. Die Situation mache ihm schwer zu schaffen: "Ich fühle mich wie in Einzelhaft", sagt er.

Quarantäne wird verlängert

Nach den ersten zehn Tagen Quarantäne wird André am 17. März wieder positiv getestet. Er muss bleiben. "Ich darf noch nicht einmal an die frische Luft. Außerdem geht mir das Bargeld aus, das ich für Tabak oder andere Dinge brauche." André ist also auf die Verpflegung vor Ort angewiesen. "Ich bekomme Frühstück, Mittagessen und Abendessen." Die Portionen seien aber nur klein, das Essen nur lauwarm.

© André G.

Das Quarantäne-Zimmer von André G. in der Südtiroler Biasi-Kaserne.

© André G.

"Ich schlafe, schaue entweder Fernsehen oder aus dem Fenster", berichtet André G..

© André G.

André G. darf sein Quarantäne-ZImmer in der Südtiroler Biasi-Kaserne nicht verlassen.

© André G.

Das Essen, das in der Südtiroler Biasi-Kaserne serviert wird, ist laut André G. teilweise kalt.

Weißes Kreuz reagiert überrascht

Konfrontiert mit den Schilderungen des Lkw-Fahrers reagiert das Weiße Kreuz, eine Hilfsorganisation, die im Auftrag der Agentur für Bevölkerungsschutz des Landes Südtirol für die Betreuung in der Biasi-Kaserne verantwortlich ist, überrascht:

"Selbstverständlich ist die Unterbringung in Quarantäne für die Betroffenen keine angenehme Situation", sagt Markus Trocker, Leiter der Abteilung Kommunikation. Es habe aber bisher noch nie Beschwerden gegeben. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisation versuchten, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.

Auch aus dem Büro des Südtiroler Landeshauptmannes Arno Kompatscher heißt es auf Nachfrage: "Das Gelände entspricht den Sicherheits- und Komfortstandards, wobei natürlich klar ist, dass es sich um eine Notunterkunft handelt."

Südtirol sieht Schuld bei Deutschland und Österreich

Grund dafür, dass Lkw-Fahrer mit einem positiven Testergebnis dort überhaupt untergebracht werden müssen, seien die massiven Einreisebeschränkungen an der bayrischen Grenze seit Februar diesen Jahres; das erklärt Elisabeth Augustin, Sprecherin des Südtiroler Landeshauptmannes.

"Lkw-Fahrer, die im Transit aus Italien durch Tirol nach Deutschland wollen, dürfen nur nach Österreich einreisen, wenn ihre Weiterfahrt nach Deutschland gewährleistet ist. Dazu werden die Vorgaben von deutscher Seite bereits von den österreichischen Behörden kontrolliert, um sicherzustellen, dass die Lkw nicht in Österreich hängen bleiben", sagt Augustin.

Angesichts der niedrigen Fallzahlen bei den Lkw-Fahrern und deren arbeitsbedingt niedriger Kontakthäufigkeit sei die Verhältnismäßigkeit der Kontrollen an der deutschen und österreichischen Grenze grundsätzlich in Frage zu stellen. Aus Südtiroler Sicht wäre es sinnvoller und menschlicher, die Fahrer zumindest noch ihre Heimreise antreten zu lassen, selbstverständlich unter Vermeidung jeglicher Kontakte, so Augustin weiter.

Logistiker-Verband erhebt schwere Vorwürfe

Ähnlich sieht das auch der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. "Im letzten Frühjahr wurden unsere Lkw-Fahrer noch als Helden der Versorgungssicherheit gefeiert, jetzt werden sie dank der Corona-Politik der Bundesregierung unter knastähnlichen Zuständen im Ausland kaserniert", beklagt BGL-Vorstandssprecher Prof. Dr. Dirk Engelhardt

Der Infektionsschutz werde auf dem Rücken der letzten Glieder in der Versorgungskette ausgetragen - der Lkw-Fahrer, so Engelhardt.

"Situation verschärft sich zusehends"

Aktuell sei die Struktur in Gossensaß an ihrer Auslastungsgrenze und durch die komplizierten Durchreiseregeln für Lkw-Fahrer durch Österreich in Richtung Deutschland verschärfe sich die Situation zusehends, sagt Elisabeth Augustin, Sprecherin des Südtiroler Landeshauptmannes. Es werde somit auf Kosten des Südtiroler Steuerzahlers ein Dienst garantiert, der aufgrund von Entscheidungen anderer verstärkt von ausländischen Lkw-Fahrern in Anspruch genommen werde: "In Südtirol gibt es deshalb nicht nur die Überlegung, von den Gästen der Struktur in Zukunft eine Kostenbeteiligung zu verlangen. Die Südtiroler Landesregierung erwägt sogar, das Testangebot beim Autohof Sadobre gänzlich einzustellen."

Entspannung der Lage in Sicht

Für André G. ist nun ein Ende seiner Quarantäne in Sicht: Er darf heute, nach insgesamt 20 Tagen die Biasi-Kaserne verlassen - sein dritter Corona-Test war negativ: "Ich bin unheimlich froh, endlich nach Hause zu dürfen."

Insgesamt dürfte sich die Lage in Südtirol bald entspannen. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz rechnet mit einem Abbau der stationären Grenzkontrollen an der deutschen Grenze zum österreichischen Bundesland Tirol innerhalb der nächsten Tage. Offiziell gilt die Einreiseschutzverordnung der Bundesregierung noch bis 31. März.

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