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Debatte um Cannabis-Legalisierung
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Debatte um Cannabis-Legalisierung

Früher war er süchtig, heute raucht er, um seine Schmerzen zu lindern – Reiner G. aus München hat mit 15 Jahren angefangen zu kiffen - und blieb dabei für 15 Jahre. "Von morgens bis abends", wie er sagt. Reiner holte sich das Gras aus Holland, irgendwann dealte er selbst, machte monatlich bis zu 6.000 Mark. Bis er die Gefahr erkannte und aufhörte: "Es gibt auch andere Fälle, Freunde, die in psychiatrischer Behandlung waren, depressive Stimmungen, andere sind nicht ausgestiegen, andere sind umgestiegen. Und zwei haben sogar das Leben verloren, weil sie auf harte Drogen umgestiegen sind."

18 Jahre hat er keinen Joint angerührt. Seit zwei Jahren nun raucht Reiner wieder, um die Schmerzen zu lindern. Er hat eine Nervenkrankheit im Gesicht. Immer im Geheimen kiffen, das Zeug illegal beschaffen - das müsse sich ändern, findet der 52-Jährige. Schließlich seien auch Tabak und Alkohol legal, beides Rauschmittel, die süchtig machten, aber gesellschaftlich akzeptiert seien.

Experten: Komplettverbot von Cannabis ist wirkungslos

Unter Experten herrscht mittlerweile Konsens, dass ein Komplettverbot von Cannabis nicht wirkt. Laut Studien rauchen in Deutschland derzeit 250.000 Menschen regelmäßig Cannabis. Jeder 10. davon ist süchtig.

Aber: Wer abhängig wird, der gerät schnell in große psychische Probleme: In der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie am Isar-Amper-Klinikum in München-Ost behandelt Prof. Ulrich Zimmermann Cannabis-Süchtige. Viele von ihnen hätten Psychosen, so der Chefarzt:

"Das häufigste ist, dass die Menschen Dinge sehen, die es nicht gibt, sich verfolgt sehen, Umstehende als Teufel sehen. Und dann aggressiv werden, angreifen oder flüchten wollen und dann aus dem Fenster springen und mit Knochenbrüchen in der Intensivstation landen." Ulrich Zimmermann, Chefarzt

Psychiater plädiert für kontrollierte Abgabe in Apotheken

Trotz der Gefahren plädiert der Suchtexperte für eine legale kontrollierte Abgabe in Apotheken, wie etwa in Uruguay. Das südamerikanische Land habe ein besseres Modell als Kanada, so Zimmermann, da in Uruguay nur Pharmazeuten die Droge herausgeben würden, und Gras nicht in Supermärkten verkauft werde, wie in Kanada. Cannabis legal erwerben – dafür sprechen für den Arzt ganz praktische Gründe:

"Wenn staatliche Stellen sich einmischen in die Regulierung, in die Abgabe von Cannabis, dann könnte man Konsum mit Informationen über die Gefahren vermitteln, das zwangsläufig koppeln. Staatliche Stellen können auch dafür sorgen, dass wenigstens einigermaßen weniger gefährliche Zubereitungen von Cannabis in Umlauf kommen." Ulrich Zimmermann

Drogenbeauftragte Mortler nennt kanadisches Modell "Kapitulation"

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler ist gegen eine landesweite Legalisierung von Marihuana wie in Kanada. Dieser Schritt sei "eine Kapitulation" so die CSU-Politikerin. Sie verweist darauf, dass Cannabis mit dem Stoff von vor 20 Jahren inzwischen nichts mehr gemein habe, sondern viel stärker geworden sei. Statt einer Legalisierung gehe es darum, früher mit Beratung anzusetzen. Cannabis im medizinischen Einsatz hingegen ist für die Drogenbeauftragte sinnvoll.

Trotz seiner eigenen Erfahrungen sollte für Reiner G. aus München die Legalisierung aber über die Schmerzlinderung hinausgehen. Er raucht zwei Joints die Woche und wünscht sich, dass Kiffer irgendwann aus der kriminellen Ecke rauskommen.