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Subventionspolitik: Der wahre Preis des Fliegens | BR24

© dpa-Bildfunk/Frank Rumpenhorst

Klimaschädlicher Flugverkehr

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Subventionspolitik: Der wahre Preis des Fliegens

Der Flugverkehr wächst, was auch daran liegt, dass Fliegen billig geworden ist. Zu billig, sagen Wissenschaftler. Wer ein Ticket kauft, zahlt nicht den wahren Preis. Wie hoch aber wäre der und wie soll man das berechnen?

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Es gibt sogar einen Linienflug zwischen Nürnberg und München! 150 Kilometer in 35 Minuten. Recht absurd findet das dieser Franke, er ist aber trotzdem mitgeflogen, das Angebot war einfach zu attraktiv.

"Vor ein paar Wochen habe ich eine Reise von München nach Madeira gemacht und hab mir vorher überlegt, wie ich von Nordbayern nach München gelangen könnte. Meine Vorzugsvarianten wären natürlich mit dem Auto oder mit der Bahn gewesen, aber der Zubringerflug mit einer Lufthansatochter war zeitlich und kostenmäßig dann so dermaßen attraktiv, dass ich mich dafür entschieden hab. Als passionierter Bahnfahrer ist das schlechte Gewissen natürlich leider mitgeflogen die ganze Zeit." Flugreisender aus Bamberg

Billiger Ticketpreis schafft Anreiz zum Fliegen

Wir fliegen inzwischen fast so wie wir Bus fahren, konstatiert der Berliner Mobilitätssoziologe Andreas Knie. Und das liegt am Billigpreis.

"Das sind Anreizfunktionen, die nicht gut sind, da werden Preise suggeriert, die nicht tatsächlich sind, die wir alle stark subventionieren. Und das ist keine gute Entwicklung. Zumal dadurch Dinge angereizt werden, auf die man von sich aus gar nicht gekommen wäre. Man wollte vielleicht gar nicht nach Mallorca oder Südeuropa. Und durch diese Preise kommt man erst auf die Idee, das zu tun. Das ist sicher keine wirklich gesunde Entwicklung." Andreas Knie, Mobilitätssoziologe

Subventionen: Steuerliche Vorteile für Flugverkehr

Flughäfen subventionieren vielfach Billigfluglinien für ihr Angebot. Und der Flugverkehr wird steuerlich bevorzugt. So ist Kerosin - anders als Autotreibstoff - steuerfrei.

Und auch Mehrwertsteuer fällt für internationale Flüge nicht an – anders als für die Eisenbahn, wo auf das Ticket im Fernverkehr der volle Mehrwertsteuersatz bezahlt werden muss.

Klimaschutz: Wie sehr Fliegen Mensch und Umwelt schädigt

Subventionen für den Flugverkehr streichen – das wäre die eine Methode. Die andere: Ihn zielgerichtet so besteuern, dass die Flugreisenden den wahren Preis für ihr Ticket bezahlen müssen. Also gleichsam den Schaden begleichen, den sie mit dem Fliegen anrichten. Wissenschaftler haben mit ausgefeilten Modellen bereits errechnet, wie viel das wäre. Eingerechnet werden dabei, so Astrid Matthey vom Umweltbundesamt:

"Hauptsächlich Schäden durch Extremwetterereignisse. Also Sturmschäden an Gebäuden und Infrastruktur. Dürreschäden, Ernteausfälle. Aber auch gesundheitliche Schäden, die dazu führen, dass die Leute nicht arbeiten können, zum Teil auch vorzeitig versterben. Aber es gehen auch nicht direkt wetterbedingte Schäden ein, etwa durch Ozeanversauerung." Astrid Matthey, Umweltbundesamt

Der wahre Preis des Fliegens liegt deutlich höher

Heraus kommen dabei sehr konkrete Zahlen: 8,33 Cent pro Kilometer und Person Schaden richtet das Fliegen auf Kurzstrecken an, 5,73 Cent sind es auf Langstrecken. Der Unterschied kommt vom besonders hohen Schadstoffausstoß der Flugzeuge bei Start und Landung.

Müssten die Passagiere das tatsächlich bezahlen, würde der Flug nach Mallorca hin und zurück 200 Euro teurer, der nach Australien oder Neuseeland rund 2.000 Euro teurer.

Flugverkehr: Reisende sehen höhere Preise mit gemischten Gefühlen

Würde das dazu führen, dass weniger geflogen wird? Pfingstreisende am Münchner Flughafen wollen nicht jede Verteuerung mittragen.

"Also wir fliegen jetzt nach Barcelona. Und für den Flug haben wir bezahlt 800 bis 900 Euro vier Leute. Wenn ich jetzt nochmal 400 Euro mehr zahlen müsste, dann täte ich nicht fliegen. Wir fliegen eh nicht viel, das letzte Mal vor acht, neun Jahren. Da fahre ich dann lieber mit dem Auto.“ Marion Ottowitz aus Eschlbach

Peter Bock aus Regensburg würde es akzeptieren, wenn sein Flug nach Andalusien 50 Euro mehr kosten würde, aber aufs Fliegen verzichten möchte er nicht. Doch 50 Euro reichen nicht, 200 pro Spanien-Flug müssten es mehr sein, haben die Wissenschaftler errechnet.

Umweltbundesamt: „Es wird ineffizient viel geflogen“

Stellt sich die Frage: Könnte man die wahren Kosten des Fliegens nicht doch etwas günstiger rechnen? Die sind aber eigentlich noch konservativ gerechnet, erklärt Astrid Matthey vom Umweltbundesamt. Es gebe auch Rechenmodelle, die zu deutlich höheren Ergebnissen kommen.

Eine CO2-Steuer oder ähnliche Instrumente, die das Fliegen teurer machen, würden in der Argumentation des Umweltbundesamtes die Marktwirtschaft im Reisesektor nicht aushebeln, sondern im Gegenteil erst wirklich funktionstüchtig machen.

"Dann hätte man eine Marktlösung, die man jetzt ja nicht hat. Wir haben momentan in diesem Markt externe Kosten, die nicht vom Verursacher getragen werden. Das heißt, wir haben eine Marktverzerrung, es wird ineffizient viel geflogen.“ Astrid Matthey,Umweltbundesamt

Abgaben für Flugverkehr: Mehr Mut in der Verkehrspolitik gefordert

Mobilitätssoziologe Andreas Knie von der TU Berlin konstatiert: Die Bundesregierungen hatten stets Angst davor, sich mit Abgaben auf den Flugverkehr unpopulär zu machen.

"Wir haben hier klassisches Politikversagen." Andreas Knie, Mobilitätssoziologe

Andreas Knie ist überzeugt, dass man die Menschen davon überzeugen könne, "dass Fliegen viel, viel teurer werden muss". Wenn man es ihnen transparent und langfristig beibringt, dann seien die Menschen schon vernünftig. Eigentlich sei es ganz einfach: "Wenn ich für fünf Euro fliegen kann, dann mache ich das. Wenn es aber dann 500 kostet, mache ich es nicht. So einfach ist die Welt. Und die Politik sollte das erkennen und mutig diese Regulierungen dann auch einsetzen", fordert der Soziologe.