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Stuttgart 21: Großprojekt mit Folgen | BR24

© dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow

Bahnprojekt Stuttgart 21

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    Stuttgart 21: Großprojekt mit Folgen

    Eigentlich ging es vor zehn Jahren in Stuttgart nur um den Baubeginn für einen Bahnhof. Doch Befürworter und Gegner prallen bis heute aufeinander. Die Stadtgesellschaft gerät in Aufruhr - am Ende auch mit politischen Konsequenzen.

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    Sie schleifen mit großer Hingabe am Beton - und der Besucher auf der Baustelle von Stuttgart 21 wundert sich. Wer hätte gedacht, dass es Bootsbauer sind, die den prägnanten Stil des künftigen Bahnhofes mitgestalten? 28 Kelchstützen sollen die Dachkonstruktion tragen, sechs sind bereits betoniert und die 20 Bootsbauer aus Polen beherrschen das Handwerk der Verschalung perfekt. "Sie können das am besten", hört man auf der Baustelle anerkennend.

    Überhaupt ist man stolz auf das Großprojekt, die Bahn veröffentlicht Zahlen: Knapp 50 Kilometer Tunnelröhren sind schon fertig, 59 Kilometer sollen es insgesamt werden, etwa 70 Prozent der Bahnsteigflächen für den künftigen Hauptbahnhof sind bereits in zehn Metern Tiefe betoniert, 7,7 Millionen Tonnen Abraum sind mit Güterzügen abtransportiert worden, der innerstädtische Verkehr soll von den Stuttgart 21-Baufahrzeugen möglichst unbehelligt werden. Schließlich liegt die Großbaustelle mitten in der Stadt.

    Starttermin immer wieder verschoben

    Doch über den Stolz der logistischen Meisterleistung und der Ingenieurskunst kann eines nicht aus dem Blick geraten: Stuttgart 21 hätte schon im Jahre 2021 fertig werden sollen. Doch immer wieder musste die Inbetriebnahme verschoben werden. Jetzt hat die Bahn den Dezember 2025 avisiert und ist zuversichtlich, dass das klappt.

    Und sie ist auch optimistisch, dass die Kosten nicht noch weiter explodieren. Beim offiziellen Baubeginn vor 20 Jahren, hatte die Bahn noch mit 4,5 Milliarden Euro Baukosten kalkuliert, aktuell ist von 8,2 Milliarden Euro Gesamtkosten die Rede.

    Die Alternative "K21"

    An dieser Stelle ist die Empörung von Hannes Rockenbauch besonders groß: "Murks bleibt Murks. Stuttgart 21 ist bis heute weder fertig geplant, genehmigt noch finanziert und all unsere Bedenken und Fragen haben sich bestätigt: Kostenexplosion, mangelnde Leistungsfähigkeit und Brandschutz sind alle bis heute nicht gelöst und ein Ende der Baustelle ist nicht in Sicht."

    Rockenbauch war vor zehn Jahren einer der führenden Köpfe im Protest gegen Stuttgart 21 und auf die Frage, ob er heute wieder Widerstand leisten würde, kommt die klare Antwort: "Auf jeden Fall."

    Auch Matthias von Herrmann wollte mit seiner Protestbewegung "Parkschützer" den Umbau des Bahnhofs verhindern. Die Parkschützer argumentierten, der bestehende Kopfbahnhof könne erweitert werden, ein Unter-die Erde-legen sei nicht sinnvoll. "Oben bleiben" hieß damals der Slogan der Gegner, ihr Projekt: "K 21". Aber sie konnten nicht verhindern, dass Bäume im Schlossgarten gefällt wurden, hier ist heute die Großbaustelle. In Stuttgart entstand eine bundesweit beachtete Protestbewegung, die auch die Bürger in den teuren Wohngegenden der sogenannten Halbhöhenlage erreicht. Die Stadtgesellschaft war in Aufruhr, es gab Demonstrationen mit Tausenden von Teilnehmern.

    Wasserwerfer im Schlossgarten

    Zur Eskalation kommt es am 30. September 2010. Die Polizei löst eine Demonstration im Schlossgarten auf. Sie geht mit Wasserwerfern, Tränengas und Pfefferspray gegen Demonstranten vor. Viele erleiden Augenverletzungen. Der Polizeieinsatz wurde fünf Jahre später vom Verwaltungsgericht Stuttgart für rechtswidrig erklärt.

    Im Herbst 2010 soll eine Schlichtung unter Heiner Geissler die Lage befrieden. Geissler empfiehlt den Weiterbau von Stuttgart 21. Es wird weiter protestiert. Mittlerweile hat sich die sogenannte Montagsdemonstration zwar erheblich verkleinert, aber etabliert. Jeden Montag protestieren die Gegner am Bahnhof, am 3. Februar zum 500. Mal.

    Die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 hat auch politische Folgen: Im Frühjahr 2011 kommt es zum Regierungswechsel, die Grünen stellen erstmals in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten. Sie lassen das Volk über Stuttgart 21 abstimmen. Die Projekt-Befürworter gewinnen mit 58,8 Prozent. Der Weg für das gigantische Bauvorhaben ist damit frei.