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Italiens "Stuttgart 21": Streit um Hochgeschwindigkeitszug TAV | BR24

© pa/dpa/Mauro Ujetto

Streit um die TAV: Italiens Stuttgart 21

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Italiens "Stuttgart 21": Streit um Hochgeschwindigkeitszug TAV

Die EU will eine Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke von Turin nach Lyon. Doch seit Jahrzehnten wird erbittert darum gestritten. Die Protestbewegung gegen die Trasse mit Namen TAV (Treno ad Alta Velocità) ist so radikal wie wenig andere.

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Die geplante Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke TAV von Turin nach Lyon ist eine Art "Stuttgart 21" auf Italienisch. Im März hätte das Projekt fast die Regierung in Rom zu Fall gebracht. Zähe Verhandlungen, dann ein Baustopp von sechs Monaten. Doch für den Aktivisten Fulvio ist das nur ein schwacher Trost.

"Für uns sind es sechs Monate Zeitgewinn, aber letztendlich interessieren uns diese politischen Spiele nicht. Uns interessiert der Umweltschutz – und der Schutz der Gesellschaft, die ganz was anderes braucht, als Milliarden in diesen völlig nutzlosen Bau zu stecken.“ Fulvio, TAV-Gegner

Strafanzeigen und vier Monate Hausarrest

Fulvio ist 66 Jahre alt und war früher Elektriker bei Philips. Er widmet sich seit über 15 Jahren fast ausschließlich dem Kampf gegen die umstrittene Bahntrasse in den Alpen westlich von Turin. Bei der Parlamentswahl hat er mit seiner Stimme jene Partei stark gemacht, die versprochen hatte, den Bau der TAV zu verhindern:

"Ich habe die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt. Klar bin ich enttäuscht, dass es bisher nicht den versprochenen Stopp gibt, sondern nur sechs Monate Pause. Aber die Fünf-Sterne-Bewegung hat viele gegen sich, die große Interessen verfolgen. Deswegen können sie den Bau nicht stoppen. Aber zum Glück gibt es uns." Fulvio, TAV-Gegner

Fulvio, der angehende Rentner, hat bereits mehrere Strafanzeigen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt erhalten und musste auf Anweisung eines Richters vier Monate Hausarrest verbüßen.

Unternehmer: Ohne TAV keine Zukunft

Die gelegentlich auch militant auftretende No-TAV-Bewegung hat in der Region durchaus Rückhalt in der Bevölkerung – jedenfalls in Teilen. In Rivoli, einem Vorort von Turin, sitzt Nicola Scarlatelli und schüttelt darüber den Kopf. 

"Der Bau wurde vor Jahren durch das italienische Parlament beschlossen und durch internationale Verträge besiegelt. Es gibt Unternehmen, die im Vertrauen darauf investiert haben. Man spielt nicht so mit dem Schicksal von Menschen. Man kann sich nicht davor drücken, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung übernehmen." Nicola Scarlatelli, Sprecher der mittelständischen Unternehmer für die Großregion Turin

Bahnverbindung von Lissabon bis Kiev

Der 61 Jahre alte Scarlatelli ist Inhaber eines kleinen Industriebetriebs in Rivoli und überzeugt, dass ohne die schnelle Bahnverbindung nach Frankreich – und von dort aus weiter bis nach Spanien und Portugal – die Gegend um Turin keine Zukunft hat.

"Die Ost-West-Verbindung, die von Lissabon bis Kiew gehen soll, wird kommen. Sie wird dann vielleicht etwas weiter nördlich verlaufen, und Turin wird vom Rest Europas abgeschnitten. Alles, was wir hier seit Jahrzehnten an mittelständischen Betrieben auf internationalem Niveau aufgebaut haben, droht dann verloren zu gehen." Nicola Scarlatelli, Unternehmer

Eine Position, die in Rom von Matteo Salvinis "Lega" in der Regierung, aber auch von fast allen Oppositionsparteien unterstützt wird.

Gegner sind kompromisslos

Seit 15 Jahren schon schwelt der Konflikt. Doch die TAV-Gegner in der Region wollen nicht aufgeben. Mit ihnen werde es auch in Zukunft keine Kompromisse geben, sagt Rentner-Rebell Fulvio.

"Für uns gibt es nur die Option Null: kein Bau. Alles andere, was sie sich vielleicht einfallen lassen, ist für uns nicht akzeptabel." Fulvio, TAV-Gegner