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Proteste nach dem Urteil im NSU-Prozess in München
© dpa-Bildfunk/Lino Mirgeler
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Proteste nach dem Urteil im NSU-Prozess in München

Gavriil Boulgarides hat die Bilder noch im Kopf. Sein Bruder Theodoros wurde umgebracht. Mitten in seinem Schlüsseldienst-Laden in München. "Ich war am Tatort, um 6:30 Uhr bin ich da hergekommen, nachdem mich meine Tochter angerufen hat. Meinen Bruder konnte ich nicht sehen, man hat mir nicht erlaubt, reinzugehen. Aber die 1 Meter 50 Blutlache hat man mir erlaubt, dass ich die wegkratze mit der Spachtel."

Wegen NSU ausgewandert

Sein Bruder war das siebte Mordopfer der NSU-Terroristen. Als der NSU auffliegt, ist Gavriil Boulgarides schon ausgewandert, weil er es zu Hause in München nicht mehr aushält. Die Polizei verdächtigt ihn, hört sein Telefon ab. Freunde und Kollegen tuscheln hinter seinem Rücken, wenden sich von ihm ab. Als klar ist, wer die wahren Täter sind, zieht er wieder nach Deutschland.

Er trifft sich mit Christine Umpfenbach von der Münchner Opferberatungsstelle "Before“. Sie kennt Boulgarides‘ Schicksal und das der anderen Angehörigen der NSU-Opfer.

"Alle haben natürlich dadurch psychisch lange Zeit gelitten, wo sie immer selber als Täter verurteilt wurden und oft war das dann ja auch so, dass derjenige umgebracht wurde, der das Einkommen bringt für die Familie. Oder dass sie aufgrund von diesem Mord stigmatisiert wurden, auch am Arbeitsplatz, das heißt, nicht mehr dort arbeiten konnten, eben wie die griechische Familie, die in München dann auch die Stadt verlassen haben, und sogar das Land verlassen haben, insofern hat das die finanziell ruiniert." Christine Umpfenbach

Forderung: Bayern soll die Verantwortung übernehmen

Die Beratungsstelle fordert deswegen Geld von Bayern. Das Land soll einen Entschädigungsfonds einrichten, für die Familien der zehn Mordopfer des NSU und für die Betroffenen, die den Terror überlebt haben: "Fünf der Morde haben in Bayern stattgefunden. Es ist wichtig, dass Bayern die Verantwortung dafür übernimmt, dass jahrelang nicht erkannt wurde, wer die Täter sein könnten, obwohl einige Familien gesagt haben, schaut mal in die rechte Ecke, wurden sie ja immer selber beschuldigt."

CSU, Freie Wähler und AfD sind gegen Entschädigungsfonds

Die Opferberatungsstelle bekommt mittlerweile Unterstützung aus der Politik. Die Grünen-Fraktion im Landtag fordert auch einen bayerischen Entschädigungsfonds für die NSU-Opfer. Allerdings stimmten CSU, Freie Wähler und AfD bereits dagegen. Der Antrag ist schon im Innenausschuss gescheitert.

Sozialministerium verweist auf den Bund

Zuständig für die Opferentschädigung ist in Bayern das Sozialministerium. Nach einer Plenarsitzung im Landtag bekommen wir Sozialministerin Kerstin Schreyer vors Mikrofon. Sie sagt:

"Wir haben ja den Bundesentschädigungsfonds und der ist dafür zuständig, die entsprechenden Opfer zu entschädigen. Thüringen macht ja seinen Anteil noch und hat damit auch die Verantwortung dafür übernommen und insofern wären die Bereiche abgedeckt." Kerstin Schreyer (CSU), bayerische Sozialministerin

Auf die Frage, ob Bayern dann schon seiner Verantwortung genug gerecht geworden sei, antwortet Schreyer: "Ja"

Trifft Bayern eine besondere Schuld?

Bayern ist den NSU-Opfern zu nichts mehr verpflichtet, meint die Sozialministerin. Obwohl die Ermittlungen in allen NSU-Morden von Bayern aus koordiniert wurden. Trifft das Land also nicht eine besondere Schuld? Christine Umpfenbach von der Münchner Opferberatungsstelle "Before" widerspricht der Sozialministerin:

"Wenn die Bayerische Regierung sagt, das reicht schon, die Unterstützung bei den NSU-Morden, dann müssen wir aus unserer Beratungstätigkeit sagen, das reicht nicht, weil das einfach noch Leute gibt, die nach wie vor noch finanziell, neben der psychischen Belastung noch darunter leiden, weil sie zum Beispiel in dem Thüringischen Fonds keinen Antrag stellen konnten." Christine Umpfenbach

Thüringen stellt 1,5 Millionen für NSU-Opfer und ihre Angehörigen bereit. Bayern soll sich genauso zu seiner Verantwortung bekennen, sagt die Münchner Opferberatungsstelle "Before" – und mit einem eigenen Entschädigungsfonds dann kein Opfer vergessen.