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Archivbild: Ministerpräsident Söder

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    Impfkommission kontert: Söder muss seine Aussagen korrigieren

    In der Debatte über Corona-Impfungen von 12- bis 17-Jährigen wehrt sich die Ständige Impfkommission gegen den jüngsten Angriff des bayerischen Ministerpräsidenten Söder: Seine Aussagen "müssen korrigiert werden", fordert das Experten-Gremium.

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    Von
    • Petr Jerabek

    Nach mehr als eintägigem Schweigen hat die Ständige Impfkommission (Stiko) auf die verschärfte Kritik des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) reagiert und sie mit klaren Worten zurückgewiesen: "Die aktuellen Aussagen von Herrn Söder und anderen Politikern zur Stiko und zu deren Arbeit sind auch unter Berücksichtigung der Wahlkampfzeit ungewöhnlich und müssen korrigiert werden", heißt es in einer Stellungnahme.

    Söder fordert von der Impfkommission schon seit Tagen, ihre Haltung zur Impfung von 12- bis 17-Jährigen zu überdenken. Im Interview mit dem BR-Politikmagazin "Kontrovers" verschärfte er am Mittwochabend die Tonlage und erklärte die Stiko-Experten indirekt zu Amateuren: "Wir schätzen die Stiko, aber das ist eine ehrenamtliche Organisation", betonte er. "Die EMA - die Europäische Zulassungsbehörde - das sind die Profis. Die haben entschieden: Ja, der Impfstoff ist zugelassen. Kinder- und Jugendärzte, überwiegend jedenfalls, empfehlen die Impfung." Söder warf der Stiko vor, durch ihre Haltung zusätzlich zu verunsichern.

    Stiko: "Keinesfalls weniger 'professionell' als die EMA"

    Die Impfkommission stellt in ihrer Mitteilung nun klar, dass sie ein unabhängiges Experten-Gremium sei, dessen Tätigkeit von den Mitarbeitern im Fachgebiet Impfprävention des Robert Koch-Instituts (RKI) maßgeblich unterstützt werde. Die Impfkommission arbeite "entsprechend ihres gesetzlichen Auftrages transparent nach streng wissenschaftlichen Kriterien und ist dabei keinesfalls weniger 'professionell' als die EMA".

    Die Aufgaben seien aber unterschiedlich: Die EMA prüfe die eingereichten Zulassungsunterlagen der antragstellenden Firmen und erteile die Zulassung. "Die EMA hat weder eine Impfindikation für alle gesunden Kinder in Deutschland erstellt noch ist dies ihre Aufgabe." Dagegen sei es der Auftrag der Stiko, Empfehlungen zu erarbeiten, wie ein zugelassener Covid-19-Impfstoff am sinnvollsten in der Bevölkerung zur Anwendung kommt.

    Immunologe Bogdan: Politik will Schwarz-Weiß-Impfempfehlungen

    Darüber hinaus betont das Gremium mit Blick auf Söders Kritik, die über die Wochen erfolgten Änderungen der Corona-Impfempfehlung beim Vakzin von Astrazeneca seien kein "Hin und Her" gewesen, "sondern Ausdruck der sorgfältigen Analyse sich stetig verändernder und neu hinzukommender wissenschaftlicher Erkenntnisse, die angesichts der Dynamik der Forschung zu Covid-19 in rascher Folge veröffentlicht werden".

    Der Erlanger Immunologe Christian Bogdan teilte dem Bayerischen Rundfunk mit, der Wunsch der Politik und auch mancher ÄrztInnen "nach holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Impfempfehlungen" sei zwar zu einem gewissen Maße verständlich. Er entspreche aber weder dem Auftrag der Stiko noch den heutigen Anforderungen an die medizinische Versorgung von Menschen mit unterschiedlichem Alter, Vorerkrankungen, Expositionsrisiko und sonstigen prädisponierenden Faktoren. "Was die Politik und Teile der Gesellschaft als 'Hin und Her' bei den Impfempfehlungen empfinden mögen, ist Ausdruck des Wissenszuwachses und der sich daraus ergebenden notwendigen zeitnahen Anpassungen."

    Söder: Stiko verantwortlich für Skepsis gegenüber Astrazeneca

    Söder hatte die Stiko mehrfach dafür verantwortlich gemacht, dass viele Menschen eine Impfung mit Astrazeneca ablehnten. "Die Wahrheit ist auch: Astrazeneca ist heute ein Ladenhüter, weil es auch ein Hin und Her gegeben hat", sagte der CSU-Politiker im "Kontrovers"-Interview. "Die Impfkommission hat auch hier unterschiedliche Empfehlungen abgegeben. Das ist kein Vorwurf. Das ist aber eine Feststellung."

    Die Stiko entgegnete, ihr Ziel sei, auf der Basis aller verfügbaren Erkenntnisse die bestmögliche Impfempfehlung für einzelne Menschen und für unsere Gemeinschaft zu erarbeiten. "Dies erfolgt unabhängig von Meinungen und Wünschen von Politikern und der pharmazeutischen Industrie."

    Kritik an Stiko auch von weiteren Politikern

    Die Ständige Impfkommission hat bisher keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt Corona-Impfungen für 12- bis 17-Jährige nur bei bestimmten Vorerkrankungen. Die Stiko begründete dies unter anderem damit, dass das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung für diese Altersgruppe gering sei. Für junge Menschen ohne Vorerkrankung ist eine Corona-Impfung aber "nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich".

    Neben Söder hatten auch mehrere weitere Politiker von der Stiko eine Überprüfung der Empfehlung verlangt, zum Beispiel der niedersächsischer Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), die SPD-Bundesvorsitzende Saskia Esken und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warb dafür, dass sich auch möglichst viele 12- bis 17-Jährige gegen Corona impfen lassen. Es gebe eine Stiko-Empfehlung, "aber am Ende gibt's eben auch einen zugelassenen, sicheren und wirksamen Impfstoff". Spahn forderte, man sollte "einfach die Kinder und Jugendlichen selbst entscheiden lassen".

    Mehrere Mitglieder der Stiko stammen auch aus Bayern. Unter ihnen ist Rüdiger von Kries, Leiter der Abteilung Epidemiologie und kommissarischer Leiter des Instituts für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin an der Universität München, Klaus Überla, Direktor des Virologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen, sowie Bogdan, Professor für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

    Stiko-Chef: "Unsinn"

    Bereits am Donnerstagabend hatte Stiko-Chef Thomas Mertens in der ZDF-Sendung "Markus Lanz" Söders Äußerungen teilweise als "Unsinn" bezeichnet: "Da ist alles durcheinandergerührt." Die Besonderheit der Stiko im internationalen Vergleich sei, dass sei eine unabhängige Kommission sei. Das werde beklatscht, "solange wir das sagen, was gehört werden will".

    Besonders deutlich kritisierte Mertens, dass von Politikern den Eindruck erweckt werde, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Impffortschritt bei Kindern und offenen Schulen. Man könne die Schulproblematik auf keinen Fall auf die Aussage vereinfachen: "Entweder ihr werdet geimpft oder wir machen die Schulen zu." Das sei "völlig inkorrekt", betonte er. Damit seien auch sehr viele Eltern falsch motiviert worden zu eine Impfung ihrer Kinder. "Wir haben neun Millionen Kinder, die unter 12 Jahren sind. Die können wir sowieso nicht impfen, weil es keinen zugelassenen Impfstoff gibt."

    Wissenschaftler verteidigen Stiko

    Angesichts der scharfen Kritik Söders hatten schon zuvor mehrere Mediziner und Wissenschaftler die Stiko verteidigt. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernard-Nocht-Institut für Tropenmedizin twitterte, die Impfkommission sei "zum Glück ehrenamtlich und unabhängig", die Mitglieder seien "Profis seit Jahrzehnten". Der Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Freiburg, Winfried V. Kern, sprach von einer "Diskreditierung", die ihn an den ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten erinnere: "Die Stiko-Mitglieder werden sich Konsequenzen überlegen (müssen)", twitterte er.

    Nach Meinung des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Martin Scherer, ist es "problematisch", wenn die Politik so agiere wie Söder. Die Ständige Impfkommission sei ein unabhängiges Expertengremium für das Thema Impfen - "Profis der Wissenschaft und der ärztlichen Versorgung in Klinik und Praxis aus vielen Fachgebieten", betonte Scherer auf Twitter. Die DEGAM vertraue auf diese Expertise.

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