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Sterbehilfe-Urteil: Selbstbestimmung oder ethischer Dammbruch? | BR24

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Die Bundesverfassungsrichter in Karlsruhe haben das Verbot organisierter Sterbehilfe gekippt. Das Recht, sich das Leben zu nehmen, sei Teil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts. Die Reaktionen auf das Urteil fielen sehr unterschiedlich aus.

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Sterbehilfe-Urteil: Selbstbestimmung oder ethischer Dammbruch?

Ärzte und Sterbehilfe-Vereine dürfen Menschen künftig Beihilfe zum Suizid leisten. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden. Das Urteil hat bei Kirchenvertretern und innerhalb der Ärzteschaft kontroverse Reaktionen hervorgerufen.

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In einer gemeinsamen Erklärung äußerten sich die deutschen Bischöfe und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche besorgt angesichts des Urteils aus Karlsruhe. Die Aufhebung des Verbots der geschäftsmäßigen Sterbehilfe sei ein Einschnitt in unsere Kultur, die auf eine Bejahung des Lebens ausgerichtet sei. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm: "Jetzt kommt alles darauf an, dass wir sicherstellen, dass Menschen am Lebensende, die vielleicht nichts mehr leisten können, dass sie nicht einen gesellschaftlichen Druck spüren, jemandem zur Last zu fallen und deshalb ihr Leben beenden wollen."

Kritiker: Gegen Sterbehilfe, für Palliativmedizin

Es gebe viele andere Möglichkeiten in Würde zu sterben, ohne sich am Ende das Leben zu nehmen. Das betont auch der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, der lange Mitglied im Deutschen Ethikrat war: "Wir sind dafür, dass Palliativmedizin gefördert wird, Schmerz-Medizin und das Hospiz. Also, dass eine Idee, die Menschen am Lebensende eine bergende Umgebung bietet, im Mittelpunkt stehen soll. Deswegen gehöre ich zu den deutlichen Kritiker einer Abschaffung dieses Paragraphen 217."

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Augsburger Weihbischof Anton Losinger: "Wo eine solche Tür aufgestoßen wird, geraten Menschen in Zugzwang"

In Ihrer Urteilsbegründung haben die Karlsruher Richter auf das im Grundgesetz verankerte Recht auf Selbstbestimmung verwiesen. Ein Mensch müsse in jeder Phase seiner Existenz, egal ob schwer krank oder nicht, die Entscheidungsfreiheit haben, seinem Leben ein Ende zu setzen. Das bisher bestehende Verbot, dabei die Beihilfe eines Arztes oder von Sterbehilfe-Vereinen, wie in der Schweiz in Anspruch zu nehmen, müsse deshalb gekippt werden.

Bundesverfassungsgericht beruft sich auf Selbstbestimmungsrecht

Innerhalb der Ärzteschaft wurde das Urteil unterschiedlich bewertet. Der Arzt und Vorsitzende der Deutschen Palliativstiftung, Thomas Sitte, wertet das Karlsruher Urteil als ethischen Dammbruch: "Die Lebensverkürzung nicht nur bezogen auf Menschen in Todesnähe, sondern auf jeden Menschen, der sagt: Mein Leben ist es nicht mehr wert, gelebt zu werden. Und der nächste Schritt ist dann, dass andere sagen: das ist doch kein Leben mehr. Dann geht es um Behinderte. Dann geht es um demente Menschen. Um Menschen, die Mühe und Kosten verursachen. Ich glaube, hier haben wir ein großes, großes Problem, das auf uns zukommt."

Das sind Befürchtungen, die der Medizinethiker Georg Marckmann von der Ludwig-Maximilians-Universität in München nicht teilt: "Es war höchste Zeit, dass das Bundesverfassungsgericht den Paragraphen 217 kippt, weil es aus meiner Sicht kein Argument gibt, einem Menschen des Recht zu verwehren, selbst zu entscheiden, wann er aus dem Leben scheiden möchte. Dies ist etabliert, wenn es auf den Verzicht lebensverlängernder Behandlungen geht, aber es gibt Menschen, die nicht durch den Verzicht lebensverlängernder Behandlungsmaßnahmen sterben können. Und diesen sollte der Weg zu einem begleiteten Suizid offenstehen."

Schutz vor sozialem Druck und Einflussnahme Dritter

Die Sorge, der assistierte Suizid werde zu einer selbstverständlichen Therapieoption, weist auch die Ärztin und Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zurück. Schließlich hätte das Bundesverfassungsgericht klar gemacht, dass der Gesetzgeber nun die Aufgabe habe, die Suizidbeihilfe so zu regeln, dass ein Schutz vor sozialem Druck und Einflussnahme Dritter garantiert sei: "Und das heißt, es wird eine Änderung im Betäubungsmittelgesetz geben, dass Ärzte legal solche Medikamente für den Suizid verschreiben dürfen. Es wird aber auch Regelungen geben, wie Aufklärung und Begutachtungen von Suizidentscheidungen durchgeführt werden müssen."

Ärzte fordern genaue Regelungen für assistierten Suizid

Um eine ethisch verantwortungsvolle Suizidbeihilfe zu gewährleisten, sei jetzt vor allem die Zusammenarbeit von Politik und Ärzteschaft gefragt, auch um nicht fragwürdigen Sterbehilfe-Vereinen das Feld zu überlassen, meint der Medizinethiker Georg Marckmann: "Wenn man jetzt sagt, Ärztinnen und Ärzte dürfen Beihilfe zur Selbsttötung leisten, dann muss man sich in einem zweiten Schritt natürlich fragen, wie soll das geschehen? Und das fängt damit an, dass man sich fragt, wer soll alles involviert sein? Wie muss der Entscheidungsprozess strukturiert sein, was müssen für Alternativen angeboten werden, bis hin zu der Frage, welches Medikament ist dann das Beste, um den Tod herbeizuführen?"

Die Karlsruher Richter haben heute eine historische Entscheidung getroffen. Nun ist es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sie ethisch verantwortungsvoll und im Sinne der Betroffenen umzusetzen.