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Steinmeier mahnt in Auschwitz: "Das Böse ist noch vorhanden" | BR24

© ARD/Vera Wolfskämpf

Auschwitz sei ein Ort des Schreckens und ein Ort deutscher Schuld, so Frank-Walter Steinmeier nach seinem ersten Besuch in dem früheren deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager.

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Steinmeier mahnt in Auschwitz: "Das Böse ist noch vorhanden"

Bei der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz hat Bundespräsident Steinmeier dazu aufgefordert, die Geschichte als Mahnung für die Gegenwart zu verstehen - das sei auch die Bitte der Überlebenden.

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"Wo wart ihr, wo war die Welt, die sah und hörte und nichts tat, um diese vielen Tausend zu retten?", fragte die Holocaust-Überlebende Sheva Dagan in ihrer Rede bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.

Vor genau 75 Jahren haben Einheiten der Roten Armee mehr als 7.000 noch lebende Häftlinge aus dem ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Nationalsozialisten hatten dort 1,1 Millionen Menschen, vor allem Juden, ermordet.

Gedenkfeier für Auschwitz-Befreiung vor 75 Jahren

An diesem "Ort des Schreckens" haben sich am Montag Überlebende und Regierungsvertreter aus der ganzen Welt zu einer Gedenkfeier versammelt, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Das Morden der Nationalsozialisten in Auschwitz-Birkenau verpflichtet die Deutschen nach Auffassung des Bundespräsidenten, sich gegen alle Formen von neuem Antisemitismus zu stemmen. Bei seinem Besuch des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers in Polen sagte Steinmeier, man dürfe nicht nur über die Vergangenheit reden, sondern müsse es als bleibende Verantwortung begreifen, "den Anfängen zu wehren, auch in unserem Lande".

"Das ist Teil der Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt." Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident

Dies sei auch die Bitte der Überlebenden. "Die Zeiten sind andere heute, die Worte sind andere, die Taten sind andere, aber manchmal, wenn wir in diese Zeit schauen, haben wir den Eindruck, dass das Böse noch vorhanden ist", so Steinmeier.

Auschwitz sei "ein Ort, an dem wir Deutsche die Last der Geschichte spüren", sagte Steinmeier weiter. Man müsse sich erinnern, "um im Hier und Jetzt vorbereitet zu sein", betonte er. "Auschwitz, das ist die Summe von völkischem Denken, Rassenhass und nationaler Raserei".

Holocaust-Überlebende begleiten Steinmeier auf Reise

Für Steinmeier ist es der erste Besuch in Auschwitz. Dabei wird er von drei Überlebenden begleitet. Einer davon ist Peter Gardosch. Die Reise mit dem Bundespräsidenten sei für den 89-Jährigen eine "ganz große Ehre", aber auch eine persönliche Trauerfahrt.

Der gebürtige Siebenbürgener war als 13-Jähriger nach Auschwitz deportiert worden. Er besuchte das Grab seiner Mutter, seiner Großmutter, seiner kleinen Schwester. Von seiner Familie ist ihm nichts geblieben - "nur ein paar Saphirohrringe meiner Mutter".

Macron: "Unerträgliche Wiederbelebung" des Antisemitismus

Auch Frankreichs Präsident, Emmanuel Macron, hat vor einer "unerträglichen Wiederbelebung" des Antisemitismus gewarnt. Diese sei nicht das Problem der Juden, sondern das Problem aller, sagte Macron beim Besuch des Pariser Holocaust-Denkmals. Frankreich werde bei der Bekämpfung des Antisemitismus unnachgiebig sein, so Macron.

Duda: "Warnung in die Zukunft tragen"

Polens Präsident Andrzej Duda sagte, er erneuere die Verpflichtung, die Erinnerung zu pflegen und die Wahrheit darüber zu schützen, was in Auschwitz passiert sei. Er forderte die Gäste der Gedenkfeier dazu auf, vor den letzten Überlebenden und Augenzeugen die gemeinsame Verpflichtung einzugehen, "die Botschaft und die Warnung für die Menschheit, die von diesem Ort ausgehen, in die Zukunft zu tragen."

Zeitzeuge: "Es gibt wieder bürgerlichen Antisemitismus"

Doch wie lässt sich das Gedenken gestalten, wenn die letzten Zeitzeugen verstummt sind? "Sagt der Jugend, dass sich das nie wiederholen soll", mahnt der Auschwitz-Überlebende Gardosch. Ihn treibt die Sorge um, dass Antisemitismus in Deutschland wieder salonfähig wird. "Es gibt jetzt wieder diesen plätschernden, bürgerlichen Antisemitismus."

"Die Erinnerung an die NS-Zeit verblasst immer mehr, Orte wie Auschwitz werden zu schrecklichen Fußnoten der Geschichte", erklärte Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Gedenkfeiern auch in Bayern

Auch in ganz Bayern finden 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz viele Gedenkfeiern für die Opfer des Holocausts statt, so beispielsweise am Montagabend in der Nürnberger Reformationsgedächtniskirche, im Augsburger Rathaus oder in der Christuskirche in Aschaffenburg sowie an der Alten Synagoge von Kitzingen.

© BR

Zeitzeugen haben beklemmende und eindrucksvolle Erinnerungen weitergegeben. Und so wird uns der Orginalton solcher Zeitzeugen sehr fehlen, so Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte. Wir müssen deshalb die Gedenkkultur weiterentwickeln.