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SS-Massaker in Griechenland: Die zerstörten Leben von Distomo | BR24

© picture alliance / AP Photo

Der Ort des SS-Massakers: Distomo

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SS-Massaker in Griechenland: Die zerstörten Leben von Distomo

Im griechischen Dorf Distomo jährt sich eines der brutalsten Kriegsverbrechen der SS. Hinterbliebene fordern eine Entschädigung. Doch für die Bundesregierung ist die Sache geklärt.

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Es sind herrliche Olivenfelder, grüne Hügel, die Felsen des nahen Parnass-Gebirges - friedlich wirkt die Landschaft rund um den Ort Distomo in Mittelgriechenland. Eine idyllische Heimat war dieser Ort auch für die etwa 1800 Menschen, die im Juni 1944 in und um Distomo lebten. Doch am 10. Juni 1944 änderte sich das auf grausame Weise.

Deutsche SS-Soldaten zogen mit Gewalt durch das Dorf und ermordeten Männer, Frauen und auch viele Kinder in dem Dorf. Es war ein barbarischer Blutrausch, den bis heute niemand erklären kann.

"Sie haben sie alle aus dem Haus getrieben und mit einem Maschinengewehr getötet. Das Gehirn meiner Mutter war auf der Straße verspritzt. Meine Großmutter hat sie gefunden", erinnert sich Eleni Sfoundouris.

Brutal ermordet

Sfoundouris überlebte diesen Tag in Distomo als Zwölfjährige nur mit sehr viel Glück. Sie blieb unentdeckt, als die SS-Soldaten die Türen der Häuser eintraten. Deutsche Soldaten massakrierten selbst Babys, schnitten Frauen die Brüste ab - viele der Gewaltakte sind in Vernehmungsprotokollen dokumentiert. Sie komplett zu lesen, ist nur schwer zu ertragen.

218 Menschen wurden an dem Tag auf brutalste Weise in nur wenigen Stunden ermordet. Die Überlebenden blieben mit ihren getöteten Angehörigen alleine. Die deutschen Soldaten verließen Distomo noch vor der Dämmerung.

Auch der damals vier Jahre alte Argyris Sfoundouris überlebte - vermutlich schickte ihn ein Angehöriger der geheimen deutschen Feldpolizei, die die SS-Kämpfer begleitete, in einen Winkel des Ortes, in den keiner der Mörder kommen sollte.

Als die SS-Soldaten abzogen, dauerte es lange, bis der Junge verstehen konnte, was überhaupt passiert war. Er erinnert sich:

"Die Eltern waren weg, das Haus war weg. Alles, was meine Welt war, war eigentlich verschwunden."

Der Wille zum Leben sei nicht besonders groß gewesen.

Warum beging die Wehrmacht in Distomo - aber auch in vielen anderen Dörfern Griechenlands - solche mit Worten kaum fassbare Massaker?

Der deutsche Historiker Karl Heinz Roth von der Stiftung für Sozialgeschichte in Bremen hat mehrere Jahrzehnte lange darüber geforscht. "Es kam zu einer Eskalation, weil die Deutschen glaubten, wegen der Schwäche ihrer Truppen, den entstehenden Widerstand physisch ausrotten zu können", sagt er.

© picture alliance / AP Photo

Die Gedenkstätte in Distomo: Bis heute ist das Verbrechen nicht vergessen.

"Es ist eine unglaubliche Dimension der Gewalt"

Es habe schreckliche Geiselnahmen und Geiselerschießungen gegeben, berichtet er. 50 bis 100 Griechen seien für einen verwundeten deutschen Soldaten getötet worden. Auch nach 1943 habe es Massaker in den Dörfern gegeben. "Es ist eine unglaubliche Dimension der Gewalt, die kann man nicht ungeschehen machen."

In Distomo war der Anlass ein Partisanenangriff. Die sogenannte Vergeltungsaktion traf vor allem Zivilisten. Es waren Hundertfache Kriegsverbrechen, die auch in der Wehrmacht hätten juristisch verfolgt werden müssen. In wenigen Fällen wurde ermittelt, in den meisten Fällen kamen die Täter, deutsche Kriegsverbrecher, ohne Bestrafung davon - oder sie starben später selbst im Krieg.

Die Hinterbliebenen, wie Argyris Sfoundouris, der das Massaker überlebte, haben ihr ganzes Leben lang versucht, das Erlebte zu verarbeiten:

"Ich habe vor allem Bilder - ganz starke Bilder, die sich da eingraviert haben in meiner Seele. Auch akustische Erinnerungen - also von Maschinengewehren, das war natürlich sehr eindrücklich. Das hatte ich vorher nicht gehört - und vor allem nicht so massenhaft."

Die Bewohner Distomos, die Verwandte durch das SS-Massaker verloren haben, leiden bis heute. Sie leiden unter der Gewalt, mit der diese Verbrechen in nur wenigen Stunden zigfaches Leben in Distomo zerstörten oder auf Jahrzehnte verletzten.

Vererbtes Leiden

Amalia Papaioanni, Archäologin aus Distomo, forscht im Museumsverein des Ortes und versucht, ein wenig mehr Klarheit über das Massaker in ihrem Heimatort zu bekommen. Sie betreut Besuchergruppen, zwischen Gedenktafeln und Schwarz-Weiß-Fotos. Auch sie leidet immer noch - 75 Jahre nach dem Verbrechen.

Zum Zeitpunkt des Massakers war sie noch lange nicht geboren. Das Leiden vererbe sich, sagt sie:

"Als wir kleine Kinder waren, erzählten uns die Omas, was beim Massaker passiert war. Ich hatte in meinen Albträumen nie Angst vor der Dunkelheit oder vor bösen Hexen … nein - ich fürchtete mich vor den Deutschen. Ich habe sie vor mir gesehen, ich hörte die Stiefel, dass sie hochkommen im Haus. Und meine Mama und keine Familie mehr… und dann wurde ich wach…"

Papioanni führt Schulklassen durch das kleine Museum in Distomo - ab und zu deutsche Touristen. Auch Bewohner, einige griechische Politiker und deutsche Unterstützer vom Arbeitskreis Distomo wollen sich in den Tagen um den 10. Juni hier treffen, um ihre Forderungen vorzutragen: Sie wollen, dass gerade die Familien in diesem Ort umfassend entschädigt werden.

In der langjährigen Auseinandersetzung um fehlende Reparationszahlungen Deutschlands an Griechenland spielt der Ort Distomo eine wichtige Rolle. Die deutsche Bundesregierung bleibt weiter auf ihrem Standpunkt, juristisch sei die Frage längst geklärt.

"Es verjährt nichts"

Allerlei Juristen, Historiker und Publizisten aber halten weiter dagegen - etwa Eberhard Rondholz. Er schreibt als Publizist seit Jahrzehnten über die Verbrechen deutscher Wehrmachtssoldaten in Griechenland: "Vor allem juristisch ist nichts erledigt. Es verjährt nichts. Und die Forderungen bleiben formell bestehen", sagt er.

Wenn diese Forderungen von Staaten vor ein internationales Gericht kommen, dann gäbe es auch das Prinzip der Staatenimmunität nicht mehr, was bisher wirkte. "Und dann wird es für die Bundesrepublik nicht mehr ganz so einfach sein, zu sagen - es sei alles erledigt."

© ARD-alpha

Argyris Sfountouris überlebte das SS-Massaker im griechischen Distomo. Bis heute ist sein Anliegen die Aufarbeitung der deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland und zumindest eine symbolische Wiedergutmachung durch die Bundesregierung.