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Sprunghafter Anstieg der Corona-Infektionen in Deutschland | BR24

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Bei einer Pressekonferenz zeigten sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Präsident Lothar Wieler besorgt über die aktuellen Corona-Entwicklungen.

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Sprunghafter Anstieg der Corona-Infektionen in Deutschland

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist sprunghaft auf mehr als 4.000 binnen eines Tages angestiegen - 1.200 mehr als im Vortageszeitraum. Gesundheitsminister Spahn hat erneut an die Bevölkerung appelliert, sich an die Regeln zu halten.

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Binnen 24 Stunden seien 4.058 Ansteckungsfälle von den Gesundheitsämtern gemeldet worden, so das Robert-Koch-Institut (RKI). Damit haben sich seit Ausbruch der Pandemie in Deutschland 310.144 Menschen mit Corona angesteckt. Die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit dem Virus stieg um 16 auf 9.578.

Der deutliche Anstieg der Infektionszahlen fällt zusammen mit den Herbstferien, die zum Teil schon begonnen haben oder bevorstehen - was Politik und Behörden einiges Kopfzerbrechen bereitet.

Spahn: A-HA-Regeln wirksamste Waffe

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat deswegen am Donnerstag in Berlin erneut an die Bevölkerung appelliert, sich an die Corona-Regeln zu halten. Die A-H-A-Regeln seien die wirksamsten Waffen gegen die Ausbreitung des Virus, sagte er. Im Winter sollen zwei weitere Regeln hinzukommen.

Bisher stehe Deutschland im europäischen Vergleich noch wie "ein Fels in der Brandung" in dieser Pandemie. Um gleich einzuschränken, dass "bei aller Zuversicht" der Anstieg der Neuinfektionen "besorgniserregend" sei.

Pandemie auch "ein Charaktertest für uns als Gesellschaft"

Spahn ruft eindringlich dazu auf, die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Diese Pandemie sei auch "ein Charaktertest für uns als Gesellschaft". Rhetorisch wendet er sich an die Bürger: "Muss die Hochzeitsfeier mit 200, 300 Gästen mitten in dieser Jahrhundertpandemie jetzt sein? Das kann ich mich als Veranstalter fragen, als Einlader, und ich kann mich das als Eingeladener fragen." Das Gleiche gelte für bestimmte Formen des Zusammenkommens, um religiöse Ereignisse zu feiern.

9 Millionen Schnelltests

Ab kommender Woche sollen nach Angaben des Gesundheitsministers in Deutschland Corona-Schnelltests zur Verfügung stehen. Man habe sich neun Millionen Einheiten pro Monat gesichert. Die Schnelltests sollen die normalen PCR-Tests ergänzen und vor allem im Krankenhaus- und Pflegebereich eingesetzt werden.

Ein exponentieller Anstieg der Infektionszahlen mit einem möglichen Kontrollverlust müsse unbedingt verhindert werden, erklärt Spahn. Dazu seien neben der AHA-Regeln – Abstand, Hygiene, Alltagsmasken – auch die Corona-Warn-App und das Lüften wichtig. "Wir können das Risiko halbieren, wenn wir doppelt so viel Luft hereinbringen", bestätigt Martin Kriegel, Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der TU Berlin und Experte für die Verbreitung von Aerosolen. Auch eine geringere Aufenthaltsdauer vermindere das Infektionsrisiko. "Wenn wir die halbieren, halbieren wir das Risiko auch." Eine komplette Entwarnung könne es trotzdem nicht geben, sagt Kriegel. Die Anzahl möglicherweise virenbeladener Teilchen "wird nie null". In gut gelüfteten Räumen hätte er jedoch noch keine Superspreader-Events gesehen.

AHA+L und die 3 Gs

Angesichts des sprunghaften Anstiegs von Corona-Neuinfektionen hat auch das Robert-Koch-Institut (RKI) vor einer unkontrollierten Verbreitung des Virus in Deutschland gewarnt. Es sei "möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag in Berlin.

Wieler ergänzt, dass es neben der "AHA+L-Regel" zusätzlich bei kühlerem Wetter auch darum gehe, die drei Gs zu vermeiden: geschlossene Räume, Gruppen und Gedränge sowie Gespräche in lebhafter Atmosphäre und engem Kontakt zueinander. Masken seien auch im Freien sinnvoll, wenn der Abstand nicht eingehalten werden könne.

Jedes Mal, wenn Werkzeuge wie die AHA-Regeln eingehalten würden mache die Gesellschaft einen Punkt gegen das Corona-Virus, betont Spahn: "Wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig."

Behandelt wie Trump

Die Leiterin der Infektiologie der Uniklinik Gießen, Suanne Herold, erklärt, man bereite sich nun darauf vor, "eine neue Welle an Patienten, die schwer erkrankt sind" zu versorgen. Laut Herold erhalten Corona-Patienten in Deutschland eine ähnliche Behandlung wie US-Präsident Donald Trump. Zwei der Medikamente, Remdesivir und ein Cortison-Präparat, werden bereits eingesetzt. Das dritte, ein experimenteller Antikörper-Cocktail des Biotech-Unternehmens Regeneron, sei noch in der Prüfung.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sieht das deutsche Gesundheitssystem gut vorbereitet. Derzeit stünden 8.500 Betten für Intensivpatienten frei. Zudem gebe es eine Notfallreserve von etwa 12.000 Betten, die eingesetzt werden könnten.

Akzeptanz in der Bevölkerung

Spahn bemüht sich, die Sorge um einen zweiten Lockdown zu zerstreuen. Er verweist darauf, dass es mit Hilfe eines neuen Onlineregisters möglich sei, die Intensivkapazitäten deutlich besser zu steuern. Auch habe es anders als im März noch vermutet, keine großen Übertragungen beim Einkaufen, im öffentlichen Nahverkehr oder beim Friseur gegeben.

Das höchste Gut in der Pandemie sei die "Akzeptanz in der Bevölkerung für das was wir tun". Er könne "Verantwortliche in Bund und Land" nur ermuntern, diese Akzeptanz zu erhalten, "indem wir nachvollziehbare, möglichst einheitliche Regeln gerade für die Mobilität in Deutschland finden".

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