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Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit (re.), und Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (Archivbild).

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    Spahn: Weiterer Lockdown von 10 bis 14 Tagen wäre nötig

    Ein Werksarzt, der nicht impfen darf - Bürger, die bei Astrazeneca verunsichert sind: In einer Live-Diskussion hat unter anderem Bundesgesundheitsminister Spahn Fragen beantwortet. Er plädierte für einen harten Lockdown, ein "richtiges Runterfahren".

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    Von
    • Patrizia Kramliczek

    Angesicht der Corona-Lage hält Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen weiteren harten Lockdown für nötig, ähnlich wie an Ostern vergangenes Jahr. Das sagte Spahn heute Nachmittag bei einer Online-Diskussionsveranstaltung, in der Fragen von Bürgerinnen und Bürgern, aber auch von Medizinern im Mittelpunkt standen. "Wenn wir die Zahlen nehmen, auch die Entwicklungen heute, brauchen wir eigentlich noch mal 10, 14 Tage mindestens richtiges Runterfahren unserer Kontakte, unserer Mobilität", so Spahn.

    Wenn es gelänge, die Welle zu brechen, bevor sie im April zu groß werde - dann seien anschließend auch Öffnungsschritte möglich wie in Städten und Regionen mit niedrigen Infektionszahlen wie in Tübingen.

    Tübinger Erfahrung: Testen zunehmend in Hände der Bevölkerung

    Aus Tübingen war die Pandemiebeauftragte des Landkreises, Lisa Federle, zugeschaltet, die sich für regelmäßiges und häufiges Testen stark machte, von den Tübinger Erfahrungen berichtete und auch auf die Kosten aufmerksam machte. "Ein Test an einer Teststation kostet die Steuerzahler 15 Euro", so Federle. Für sie ein Argument, das Testen zunehmend in die Hände der Bevölkerung zu geben. Spahn hatte vorher nochmal die Strategie dargelegt, dass - solange bis breite Teile der Bevölkerung geimpft sind - regelmäßiges Testen wichtig sei und nach dem Brechen der Welle gleichzeitig bestimmte Öffnungsschritte mit Negativtests möglich werden sollen; zum Beispiel der Besuch von Konzerten.

    Seit 8. März hat jede Bürgerin und jeder Bürger Anspruch auf mindestens einen Schnelltest pro Woche. "Selbsttest heißt auch Selbstverantwortung in der Folge", sagte Spahn. Und die ebenfalls an der Diskussionsrunde teilnehmende Hausärztin einer Covid-19-Modellpraxis, Anna Wessel, vermutete, dass viele sich nicht testen oder testen lassen, "weil sie die Konsequenzen scheuen".

    Spahn: Impfstoffe in Praxen innerhalb einer Woche verimpfen

    Zwei, drei Wochen nach Ostern sollen Hausärzte mit dem Impfen beginnen können. Spahn rechnet damit, dass Ende April/Anfang Mai in 80.000 bis 100.000 Arztpraxen Coronavirus-Impfungen verabreicht werden. Wenn montags Impfstoffe an Ärzte ausgeliefert werden, sollen die Präparate idealerweise bis Freitag verimpft sein - "grundsätzlich an die, die besonders schutzbedürftig sind, aber mit einer gewissen Flexibilität".

    Nach Ostern soll in den Arztpraxen mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer begonnen werden, dann ab Mitte April das Präparat von Astrazeneca dazukommen. Das Präparat von Astrazeneca soll dann außerhalb von Arztpraxen nur noch bei den Zweitimpfungen eingesetzt werden. Für die Impfzentren sind derzeit die Impfstoffe von Biontech und Moderna vorgesehen. Impfzentren, so Spahn, sollen auch weiterhin ihre Berechtigung haben - etwa, wenn 10.000 Polizistinnen und Polizisten in Berlin geimpft werden.

    Spahn zufolge ist ab Mitte April mit ersten Lieferungen des neu zugelassenen Impfstoffs von Johnson & Johnson zu rechnen. In der Woche ab dem 12. April sei die Lieferung von 275.000 Dosen zu erwarten, so der Minister.

    Werksarzt würde gern impfen

    Er könne 3.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter innerhalb von drei Wochen impfen, meinte ein Werksarzt in seiner Anfrage. Warum er das nicht dürfe? "Weil der Impfstoff noch knapp ist und wir der Reihe nach vorgehen", antwortete Spahn. Er fände es "schwierig", wenn jetzt schon gesunde 35- oder 40-Jährige geimpft würden, wenn man bei den Älteren gerade erst mit den über 70-Jährigen begonnen habe.

    Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), hob noch einmal den Vorteil der Impfungen in den Hausarztpraxen hervor. Dort könne innerhalb der priorisierten Gruppen nach Risiko unterschieden werden: "Hausärzte haben den großen Vorteil, dass sie ihre Patienten und ihre Vorerkrankungen kennen."

    Weniger Bürokratie bedeutet spätere statistische Daten

    Ein zugeschalteter Berliner Arzt, Hans-Joachim Hindenburg, bemängelte die große Bürokratie beim Impfen. "Für jeden Patienten muss ich vier Unterschriften leisten", berichtete er. "Wir brauchen eine Dokumentation", betonte Spahn, sagte aber auch, dass sie für Hausarztpraxen "nicht so aufwendig" sein werde. Wie Spahn betonte auch Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, die Kehrseite von weniger Papierkram: Man werde nicht so auskunftsfähig sein wie momentan. Viele statistische Angaben würden dann erst zeitverzögert verfügbar sein.

    Auch bei der Frage, warum Leute, die sich in der Praxis impfen lassen, noch einen Impftermin vom Impfzentrum geschickt bekommen, erfolgte der Hinweis auf die Datenlage: "Das werden wir nicht auflösen können", so Spahn, "es gibt keine zentrale Datei für alle Impfberechtigten."

    Impfkommission berät weiter über Astrazeneca

    Eine zugeschaltete Hausärztin, die von Verunsicherung wegen des Astrazeneca-Impfstoffs berichtete, wollte wissen, ob man den Impfstoff nicht auf über 60-Jährige begrenzen könne. Im Zusammenhang mit dem Impfstoff werden aufgrund seltener Fälle Hirnvenenthrombosen bei jüngeren Frau befürchtet. Nach einem vorübergehenden Stopp wurde das Vakzin wieder freigegeben und mit einem Warnhinweis für Frauen unter 55 Jahren versehen.

    Klaus Cichutek, Präsident Paul-Ehrlich-Institut, fasste zusammen: "Von der Zulassungsseite gibt es keine Begrenzung." Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, betonte, dass die Fragen zu dem Impfstoff "derzeit ganz intensiv" bearbeitet würden. Spahn erklärte, wie wichtig es sei, transparent mit den Fragen zu den Impfstoffen umzugehen. Dass das System funktioniere, habe sich gezeigt.

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