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SOS im Rheinischen Revier: Was kommt nach der Kohle? | BR24

© picture alliance /dpa

SOS im Rheinischen Revier

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SOS im Rheinischen Revier: Was kommt nach der Kohle?

Riesige Braunkohlebagger fressen sich täglich näher an Dörfer im Rheinischen Revier heran. Fallen trotz beschlossenem Kohleausstieg weitere Orte zwischen Aachen und Düsseldorf dem Braunkohle-Tagebau zum Opfer? Szenen aus einer aufgewühlten Region.

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Gabi Clever, Mutter von zwei Kindern, sitzt auf gepackten Koffern. Ihre Familie wird demnächst Kuckum verlassen - die Gemeinde, in der alle geboren sind und seit Generationen gelebt haben. Kuckum soll für den Tagebau Garzweiler II komplett zerstört werden, obwohl der Ausstieg aus der Braunkohle beschlossene Sache ist.

Das Rheinische Revier ist gespalten, der Riss geht durch die Ortschaften. Denn noch ist nicht klar, welche konkreten Entscheidungen die Politik in Bund und Land nach dem Kohlekompromiss vom Januar trifft. Die Demonstrationen gegen die Kohle gehen weiter.

Die Menschen sind sehr verunsichert

Viele Menschen sind unsicher, ob nach dem Berliner Kohlekompromiss, der ein Ende der Braunkohleverstromung für 2038 vorsieht, ihre Ortschaft zerstört werden. Einige verhandeln mit dem Konzern RWE über Abfindungen, andere wollen auf keinen Fall wegziehen, sondern den Baggern trotzen.

Ortschaften sterben weiter für den Kohleabbau

In Keyenberg zogen Ende Mai 1.000 Schützen in farbenfrohen Uniformen vorbei an leerstehenden Häusern, zugemauerten Fenstern und Containern mit Sachen, die nicht mitgenommen werden. Es war der letzte Schützenumzug in Keyenberg. Denn 2023 wird hier alles abgebaggert, um an weitere Braunkohle zu kommen. Ebenfalls im Zuge von Garzweiler II.

Bernd Pieper, der dreimal Schützenkönig in Keyenberg war, kämpft mit den Tränen, wenn er sagt: "Wenn man das Dorf langsam sterben sieht, ist das eine ganz schwere Nummer für jeden."

Klimaschutz erzwingt vielleicht einen Kohleausstieg vor 2038

Ist es aber überhaupt noch nötig, dass - wie bisher vorgesehen - den heranrückenden RWE-Braunkohletagebauen noch insgesamt sieben Dörfer weichen und nach wie vor Menschen umgesiedelt werden? Vielleicht nicht, meint Hans-Josef Dederichs, der ebenfalls in Kuckum lebt. Als grüner Kommunalpolitiker ist er aktiv im Widerstand gegen die Braunkohle. Er glaubt, dass der Ausstieg aus dem klimaschädlichen Energieträger deutlich früher als 2038 kommen wird, weil der Druck auf die Politik wächst. Aber das hilft den verunsicherten Menschen vor Ort auch nicht weiter.

Arbeitsplätze gehen in kurzer Zeit verloren

CDU-Ministerpräsident Armin Laschet macht keinen Hehl daraus, dass es eine schwierige Situation für Nordrhein-Westfalen ist. Noch sind rund 10.000 Kumpel im Bergbau tätig. Aber insgesamt sind bis zu 100.000 Arbeitsplätze von der Braunkohleförderung und -Verstromung abhängig. Politisch ist das eine schwierige Balance zwischen Klimaschutz und sozialer Verantwortung. Aber Laschet schürt, wie bei einem Besuch im Tagebau Hambach, auch keine falschen Illusionen: "Sie können sich vorstellen, dass das ein schwieriger Termin ist, wenn man 600, 700 Beschäftigen sagen muss, dass ein Teil ihrer Arbeitsplätze in kurzer Zeit verloren geht."

Ideenwerkstatt in Jülich für die Region ohne Kohle

In Jülich wird bereits an der Zeit gebastelt, wenn tatsächlich Schluss ist mit der Braunkohle. Der Wirtschaftsgeograf Ralph Sterck leitet dort die Zukunftsagentur "Rheinisches Revier". Die Wände der Büros hängen voller Landkarten. Immerhin ist vorgesehen, dass in den nächsten 20 Jahren 15 Milliarden Euro aus Bundesmitteln in die Region fließen, um den Kohleaussteig zu kompensieren.

Lehrpfad im Hambacher Forst angedacht

Wärmespeicher am Standort eines Kohlekraftwerkes, eine neue Technische Hochschule in Erftstadt und im Kreis Düren eine Wasserstoffbahn: Das sind nur einige der über 100 Projekte, die Sterck mit seinen Mitarbeiten derzeit entwickelt. In einem nicht gerodeten Abschnitt des Hambacher Forsts soll ein Lehrpfad geschaffen werden. Es zeigt sich also auch Zuversicht im Rheinischen Revier.